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Wenn Ihr nicht etwa Bekannte, gute Freunde unter den Räubern habt. –

RINALDO Ich? –

LEONORE Vergebt! – Ohne diesen Umstand kann ich nicht glauben, dass wir ausser Gefahr sind; Ihr selbst könnt es nicht sein. – Also flieht! – Wir tun am besten, wir packen ein und erwarten den Besuch hier nicht. – Da noch dazu mein Bruder gegen die Räuber kommandiert, so wird sicher ihre Rache schrecklich sein!

RINALDO Seid ruhig! seid unbesorgt!

LAURA Herr Pater, täuschet uns nicht mit falschen Hoffnungen! – Ich habe einst das Unglück erlebt, dass meines Vaters Schloss von Räubern überfallen wurde, und weiss es noch gar zu wohl, wie uns damals allen zumute war.

RINALDO Ich auch!

LAURA Ihr? – Herr Pater! Ihr! – Was sagt Ihr? – Wenn ichUm aller Heiligen willen, lasst mich keine Wahrheit ahnen.

LEONORE Schwester, was willst du sagen? Welche Wahrheit

LAURA O! was kann, was will ich sagen! – Auf unsre Rettung lasst uns denken!

RINALDO Ihr bleibt hier und fürchtet nichts. – Ich will doch sehen

LEONORE Was wollt Ihr sehen? Glaubt Ihr? –

RINALDO Ich kann Euch, mich –, ich will und kann uns alle schützen!

LEONORE Durch ein Wunder? – Denn wodurch sonst?

RINALDO Durch mich selbst.

LAURA Allmächtiger Gott! soll ich

RINALDO Ihr sollt erwarten, was geschieht, und sollt ohne Furcht sein.

LAURA Mann! – Ich schwöre

RINALDO Keine Schwüre! – Ruhig! ruhig! –

LEONORE Ich kann mir nicht erklären

RINALDO Wozu Erklärung? – Jetzt, wie immer, macht Euch nur der Glaube selig. Ich aberweiss, was ich sage, stehe für alles, was ich verspreche, mit Leib und Leben! – Seid Ihr mit dieser Erklärung zufrieden? – Seid Ihr beruhigt? – Oder soll ich Euch Zeichen und Wunder sehen lassen, ehe es noch nötig –, ja! sogar ehe es nur heilsam ist? – Lasst die Suchenden gegen dieses Schloss anziehen, lasst sie den Franziskaner suchen –, sie sollen ihn finden! – Fliehen wird er nicht. – Hier stehe ich. Euch deckt meine Hand, und die Gräfin Lentini soll mich – – Nein! weiter nicht! Kein Wort, keine Silbe, keine Versprechungen weiter! – Aber Eurer Flucht widersetze ich mich durchaus. Ihr sollt hierbleibenum zu sehen

LEONORE Seid Ihr vielleicht der heilige Franziskus selbst? – – Schwester! – Eilig! – Lass uns einpakken!

RINALDO Tut, was Ihr wollt.

Ein Bedienter stürzte ins Zimmer und meldete, der Turmwächter sehe Flammen und einen Zug, der sich dem schloss nähere.

ANNETTA Heilige Jungfrau!

BEDIENTER Es brennt allentalben. Von Sesinetta her ertönt die Sturmglocke.

RINALDO Lasst sie ertönen! – Fort! – Zieht die Zugbrücke auf! – Wir erwarten die Kommenden, wer sie auch sein mögen.

Der Bediente eilte davon. Laura verbarg ihr Gesicht ins Schnupftuch; Leonore sah den Pater verlegen an; er ging hastig im Zimmer auf und nieder; Annetta stand zitternd in einem Winkel. – Rinaldo sprach: "Ihr habt das Wort eines Mannes und glaubt ihm nicht; Ihr wollt fliehen und habt keine Kraft zum Fliehen: Ihr wollt meinen Worten nicht trauen, weil diese Mönchskutte Euch das Vertrauen raubt; – aber ich will diese Kutte von mir werfen und Euch beweisen" –

Indem sprengte ein Reitknecht in den Hof. Laura schrie:

"Giorgio! – Der Reitknecht meines Gemahls!"

"kommt er?" – fragte Leonore hastig und riss die Zimmertür auf.

"Giorgio!" – rief Laura.

"Giorgio! Wo ist dein Herr, mein Bruder?" – fragte Leonore.

Er stürzte atemlos die Treppe herauf, durch den Saal, ins Zimmer.

"Ach! Gnädige Gräfin!" – stammelte er. – "Ich binAch! heiliger Gennaro! Kaum kann ich es sagen –"

LAURA Um des himmels willen! – Was ist es? – Was hast du zu sagen?

LEONORE Rede! – Wo ist

LAURA Mein Gemahl

GIORGIO Er istVerzeiht! – O! dass ich es sagen muss! – Aber

LEONORE Ohne Umschweife!

GIORGIO Mein Herrder Herr GrafEuer Herr GemahlistAch! – Er ist in der Gewalt der Räuber!

LEONORE Er? –

GIORGIO Beim Rekognoszieren haben sie ihn gefangengenommen. Hier sind einige Zeilen von ihm. – Der Räuberhauptmann gab mir die Erlaubnis, dieses Briefchen hierherzubringen. – Hier ist es. Laura las:

"Liebe Laura,

Ich bin in Gefangenschaft geraten. Giorgio wird dir sagen, wie es zugegangen ist. – Der kühne Cintio erlaubt mir, dir dies zu schreiben, und missbraucht die Gewalt nicht, die der Zufall ihm über mich gegeben hat. – Sende mir sogleich 3000 Stück Dukaten. Dieses ist der Preis, der auf meiner Freiheit steht; je eher du das Geld sendest, desto eher siehst du wieder deinen Gemahl"

Loisio Lentini.

Laura faltete, als sie den Brief gelesen hatte, die hände und sah gegen Himmel. Leonore hiess Giorgio gehen und warf sich auf ein Sofa. – Rinaldo ging rascher noch als zuvor im Zimmer auf und ab.

LAURA Ich? – 3000 Stück Dukaten? – Schwester! – Ach! – Schwester! 3000 Stück Dukaten!

LEONORE Der König muss