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Leonore, die Schwester des Grafen Lentini, ein Mädchen in der schönsten Blüte ihrer Jahre, schlank und schön gewachsen, gefühlvoll, mit sanftem Reiz geschmückt und mit einem Paar sehr feurig sprechender Augen, die sich in den lieblichsten Kreisen sanfter Anmut drehten. Dieser Schönheit stand der verkappte Pater eben nicht gar anmutig entgegen und wurde mutwillig lächelnd von ihr willkommen geheissen.

"Verwünschte Larve!" – seufzte Rinaldo bei sich selbst und sprach nicht ohne Verlegenheit mit dem fräulein, die das Gespräch sehr bald endigte.

Laura sass nachdenkend am Fenster und blickte in die freie Gegend. Rinaldo sprach von ihrem Gemahl; ihre Antworten begleiteten Seufzer.

Ein Bote brachte einen Brief von dem Grafen, der seiner Gemahlin schrieb, er habe das Lager der Räuber umschlossen, und man erwarte stündlich ein Gefecht, weil, dem Anschein nach, die Umringten entschlossen wären, sich hartnäckig zu verteidigen.

Das Gespräch fiel nun ganz natürlich auf die Räuber.

"Es scheint", – sagte Rinaldo, – "der Mann, der die Räuber anführt, ist noch einer aus Rinaldinis Schule."

LAURA Ob er aber auch so grossmütig ist, als Rinaldini es war?

RINALDO Habt Ihr ihn gekannt?

LAURA Ich kann es nicht leugnen, werde es auch nie leugnen. Was ich seiner Grossmut verdankte, sollt Ihr hören.

Sie erzählte ihm die geschichte der Überrumpelung ihres Schlosses, die wir kennen, und schilderte seine grossmütige Aufopferung. Ach! sie wusste nicht, wem sie dieselbe erzählte. Ihre Erzählung beschloss sie mit Tränen. – Jetzt war Rinaldo auf dem Punkte, sich zu entdecken, doch dachte er einen Augenblick nach und hielt seine Entdeckung zurück. Ziemlich keck aber fragte er ohne Einleitung: "Seid Ihr nicht glücklich vermählt?"

Laura schlug die Augen nieder und seufzte: "Ich habe einen guten Menschen hintergangen, dem mein Herz, dem meine Hand gehörte; ich habe ihn ins Unglück, zur Verzweiflung, ach! vielleicht habe ich ihn in den Tod getrieben!"

Ein Tränenstrom endigte ihre Rede. – Rinaldo ergriff ihre Hand und sagte: "Er lebt!"

"'Er lebt?'" – schrie sie laut auf.

"Er lebt und liebt Euch noch."

"'Er liebt mich noch? – Kennt Ihr ihn!'"

"Ich kenne ihn und weiss um Eure geschichte. Ich erfuhr sie von ihm selbst."

"'Wo lebt er?'"

"Zu Melazzo."

"'Wie geht es ihm?'"

"Er kann Euch nie vergessen."

"'WomitAch Gott! erratet diese Frage!'"

"Ich errate sie. – Er hat keinen Mangel."

"'Gelobt sei Gott!'"

"Er trägt das Ordensband des heiligen Franziskus; jetzt Pater Amaro genannt."

"'Amaro! – Ach, Amaro!'" –

Rinaldo wollte sprechen, als Leonore ins Zimmer trat.

"Ich habe mir", – sagte sie, – "von meinem Bruder ausgebeten, gefesselt mir den wilden Räuberhauptmann Cintio zu zeigen; das hat er mir versprochen. – Was, in aller Welt, hätte ich nicht darum gegeben, hätte ich so den kühnen Rinaldini zu meinen Füssen sehen können!"

"'Wie grausam Ihr seid!'" – rief Rinaldo nicht ohne Bewegung aus.

"Das bin ich gewiss nicht!" – lächelte das fräulein; – "Aber das Eigene und einzige dieser Begebenheit macht, dass ich ihre Erfüllung wünschte. Doch da es nun einmal Rinaldini nicht sein kann, so soll es wenigstens sein Nachfolger Cintio sein."

Rinaldo lächelte und wollte eben antworten, als Laura bemerkte, ein Mädchen mit einer Harfe komme ausser Atem über den Schlosshof gesprungen. – Es war, wie Rinaldo sogleich vermutete, Annetta. – Sie bat um Schutz.

"Was hast du vor? – Was gibt es?" – fragte Leonore.

"'Ach!'" antwortete Annetta keuchend. – "'Das nächstgelegene Wirtshaus haben Räuber überfallen. Sie suchen Euch, Herr Pater!'"

"Mich?" – fragte Rinaldo bestürzt. – "Mich suchen die Räuber? – Mich? – Was wollen sie von mir?"

"'Wo ist der Franziskaner, schrien sie, dem dieser Ring gehört? Dabei zeigten sie einen Ring vor und beschrieben Euch sehr deutlich.'"

LAURA Was ist das mit dem Ringe?

RINALDO Zwar vermisse ich seit einigen Tagen einen mir sehr werten Ring, aberwie sollten Räuber

ANNETTA Man suchte Euch im ganzen haus, und ich entfloh.

LEONORE Nun werden sie Euch auch hier bei uns suchen.

LAURA Kann der Verlust des Ringes Euch Nutzen oder Schaden bringen?

LEONORE Ihr müsst fliehen!

RINALDO Ich fliehen? – Was hat ein Franziskaner zu furchten?

LEONORE Von Räubern? – Alles, so gut wie jeder Mensch.

RINALDO Und wenn ich nun gehe, Euch hier, ohne männlichen Beistand, allein lasse? – Das kann ich nicht! – Dieses Gewand ist heilig. – Ich setze meinen Kopf daran, die Räuber sollen hier, wo ich bin, keine Gewalttätigkeit ausüben.

LAURA Herr Pater! was Ihr sagtder Ton, die stimme, womit Ihr das sagtmacht mich noch weit verlegener, als ich es schon bin.

RINALDO Ohne Verlegenheit! – Wir sind ausser Gefahr.

LEONORE Durch Euer Gewand, Herr Pater! bei Gott nicht!