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KAPUZINER Die Regierung hat ja die Nachricht von seinem tod öffentlich ausrufen, gedruckt anschlagen und bekannt machen lassen.

GRENZSCHÜTZ Das habe ich selbst in Messina gelesen.

RINALDO Ich nicht weniger.

WIRTIN Alle Reisenden haben es bei uns erzählt.

DRAGONER Das kann alles nichts helfen! – Er lebt und ist in Melazzo beinahe erwischt worden. Er hat sich ins Franziskanerkloster salviert und ist entkommen.

KAPUZINER Gott sei bei uns!

DRAGONER Zu Melazzo ist eine Untersuchung. Es sind einige Personen arretiert worden, sogar ein Franziskaner, sagt man.

RINALDO Das muss geschehen sein, als ich Melazzo verlassen hatte. Mir sind das lauter Neuigkeiten. – Vielleicht beruht aber die Sache auf einem Irrtum. Ich wenigstens glaube steif und fest, dass Rinaldini nicht mehr unter den Lebendigen ist, dennlasst euch erzählen! – der fromme P. Domenico, ein Mann, der schon hienieden selig ist, hat die Seele Rinaldinis im Fegefeuer erblickt, wohin sein geistliches Auge gar oft sieht. Dort hat der Bösewicht gewinselt, geklagt und um Seelenmessen gebeten. Ich habe deren selbst drei, auf Befehl der Obern, für den Missetäter lesen müssen, secundum faciem sanctorum, aus christlicher Liebe und Erbarmung.

WIRTIN Hat das aber der Bösewicht auch verdient?

RINALDO Sind wir nicht alle sündige Menschen? – Gott mag richten!

DRAGONER Herr Pater! Ihr habt gewiss das Geschäft, die armen Sünder in hohe Gegenden zu begleiten? – Das hört man gleich an Euern Reden. Ich habe dergleichen Worte schon bei Exekutionen gehört.

Indem sprengten abermals sechs Dragoner in den Hof.

"Wisst ihr auch", – schrie der Wachtmeister, als er in die stube trat, – "dass das Dörfchen Norretto in Flammen steht?"

WIRTIN Norretto? – Ach Gott! – In Flammen?

WACHTMEISTER Von Räubern angesteckt.

WIRTIN Von Räubern?

WACHTMEISTER Es hat seine Richtigkeit. – Rinaldini, der Teufelsbraten, lebt, ist entwischt, steht an der Spitze einer Bande, haust in den Gebirgen von Achi, sengt und brennt.

WIRTIN O! Der schlechte Kerl!

KAPUZINER Den Gott züchtigen und verdammen möge! – Der schlechterdings dem Galgen nicht entrinnen will und darf.

WIRTIN O! Der schlechte Mensch!

WACHTMEISTER Sind hier die Pässe aufgezeigt?

DRAGONER Es ist alles in seiner Ordnung, wie es sich gehört.

WACHTMEISTER Sitzt auf, Burschen! Es wird gestreift!

Die Dragoner verliessen die stube und das Wirtshaus. Rinaldo stand vor der äussern Tür des Wirtshauses, als der sogenannte Grenzschütz auf ihn zukam, ihm die Hand und ein Goldstück hineindrückte. Rinaldo sah ihn verwunderungsvoll an:

"Was soll das?"

"'Zu Seelenmessen, für Rinaldini.'"

"Dein Name?"

"'Morletto.'"

"'Dein Gewerbe?'"

Morletto schwieg. Rinaldo wiederholte die Frage; Morletto nahm in bei der Hand.

"Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge!"

"'Herr Pater!'" –

"Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge! – Kommandiert euch Cintio oder Luigino?" "'Herr Pater! – Ich weiss nicht, wie Ihr'" "Ohne Furcht, ohne Zurückhaltung!" – "'Nun dann, in Henkers Namen! – Ja! Ich stehe unter Cintios Kommando.'" "Gut! – Nimm dein Goldstück zurück. Die Seelenmessen lese ich gratis. Deinem Hauptmann Cintio gib diesen kleinen Siegelring. Er kennt ihn, er weiss, wer ihm den Ring schickt. – Gott befohlen, wackrer Grenzschütz!" Rinaldo entfernte sich schnell. Er sass jetzt im Garten. – Die Grenzschützen hatten das Wirtshaus verlassen. Rinaldo vertiefte sich in mancherlei Spekulationen und Gedanken. – Der Kapuziner umwandelte das Haus, Annetta klimperte auf der Harfe, und die Wirtin hatte Küchengeschäfte. – Unruhig wanderte Rinaldo endlich über die Gartengrenze. Ihn empfing eine schöne Wiese. Mitten auf derselben, unter hohen Pappeln, stand eine kleine Kapelle. Er nahte sich derselben. Eine Dame lag betend vor dem Altar. Er trat einige Schritte zurück, und als sie sich zum Aufstehen bewegte, wandelte er vorüber. – Sie verliess die Kapelle. Er drehte sich und kam ihr entgegen. Sie neigte sich ganz unbefangen gegen ihn, und erschrokken erkannte Rinaldo in ihreine längst Bekannte.

Sie wollte vorübergehen; Rinaldo redete sie an und lobte sie ob ihrer Andacht.

"Ach! Herr Pater!" sagte sie. – "Ich bin eine schlimme Sünderin! und eine Unglückliche zugleich!"

"Viel auf einmal, schöne Frau! – Ein Fremder darf nicht so kühn sein, sich in Euer Vertrauen eindringen zu wollen, aber fragen möchte ich doch, wen ich vor mir zu sehen das Glück habe?"

"Ich bin die Gräfin Lentini."

Nun wissen die Leser aus der Erzählung des guten Portraitsammlers, des P. Amaro in Melazzo, dass diese Gräfin Lentini eben jene Laura Denongo war, die Rinaldini schon längst kannte.

Sie sprach weiter und nötigte den gleichfalls gesprächigen Pater höflich, auf ihrem nahegelegenen schloss einzukehren.

"Mein Gemahl", – setzte sie hinzu, – "ist schon seit drei Tagen abwesend. Er kommandiert als Oberster die Truppen des Königs, die gegen eine starke Räuberbande ausgerückt sind, die unsägliches Unglück über die ganze Gegend umher verbreiten."

Davon erzählte sie einige Tatsachen. Schweigend begleitete Rinaldo die Erzählerin. Sie kamen in das Schloss. Rinaldo folgte der Einladung. In dem schloss befand sich