gegen den Pseudopater Rinaldo wandte.
"Ich bleibe hier", antwortete dieser.
"Das ist mir sehr lieb!" – sagte die Wirtin und eilte in die Küche.
"Mir auch!" – setzte Annetta hinzu.
"Wenn dem so ist", – sagte der Pater bedächtig, "und da ich einmal an Reisegesellschaft gewöhnt bin, so bleibe ich auch mit hier. Morgen, so Gott will, wandern wir weiter."
Annetta ergriff sogleich die Harfe, spielte und sang:
Der Himmel streut Blumen
Auf dornigen Pfad;
Der Himmel streut Dornen
Auf blumigen Pfad.
Es welken die Blumen;
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit.
"Was mich betrifft", – sagte Annetta; – "so halte ich es mit der freundlichen Gegenwart."
"Die Gegenwart", – erwiderte Rinaldo, – "verschlingt das Vergangene. Der Sturm geht vorüber, und helle Sonnenblicke erheitern das erschütterte Herz. – Der Mensch ist der Welt geboren; er lebt mit der Zeit. Die Freude mache ihn nie übermütig; Leiden dürfen ihn nicht zaghaft machen. Der Nacht folgt Tag. Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont."
Annetta sah ihn aufmerksam an und sagte: "Euch möchte ich predigen hören, Herr Pater!"
"Ich auch", – sagte die Wirtin, die eben herzutrat.
Annetta und die Wirtin fuhren fort:
"Wollt Ihr uns nicht etwas vorpredigen?"
Der Kapuziner schüttelte den Kopf, aber Rinaldo bat sich einige Stunden Bedenkzeit aus. Indessen kamen einige Maultiertreiber und hielten mit ihren beladenen Tieren in dem wirtshaus an.
Der Pater kam sogleich mit ihnen ins Gespräch und erzählte einige Wundergeschichten, die von den Maultiertreibern und Annetten mit offenen Ohren empfangen wurden. – Rinaldo sah sich in dem haus um und wurde von der Wirtin eingeladen, ihren Weinvorrat im Keller zu besehen. Sie öffnete freigebig die Schätze dieses Vorrats, und der fromme Gast liess es sich wohl schmecken.
"Ich bin", – sagte die Wirtin, – "der Geistlichkeit von Jugend auf ganz besonders gewogen gewesen, und ich wär' sogar selbst gern eine Nonne geworden, bloss des geistlichen Umganges wegen, aber – es hat nicht sein sollen."
Rinaldo tröstete sie deshalb. Die Wirtin liess sich recht gern trösten. Ihre Lebhaftigkeit nahm zu. Je weniger sie sprach, je lebhafter wurde sie.
Indessen wurde es über der Erde auch lebhafter. – Die Maultiertreiber wollten weiterziehen und schrien nach der Wirtin, ihre Zeche zu bezahlen. Sie musste den Keller verlassen. Rinaldo folgte ihr und die Gäste zogen von dannen.
Kaum waren sie fort, als drei Bewaffnete eintraten und Wein forderten. Rinaldo musterte die Angekommenen und erinnerte sich an die zeiten, wo er mit Kerlen dieses Schlags täglichen Umgang pflegte. – Er zog die Wirtin auf die Seite und fragte, ob sie diese Gäste kenne?
"Herr Pater! Was denkt ihr von mir und meinem wirtshaus?" antwortete diese. – "Ich kenne die Leute so wenig, als mich der Papst kennt. – Seit einigen Tagen murmelt man von einer Räuberbande, die im Gebirge hausen soll, vielleicht gehören gar diese saubern Gäste dazu."
Die Bewaffneten wandten sich an den Kapuziner. Der eine fragte: "Was gibt's Neues?"
"Neuigkeiten", – antwortete der Pater, – "interessieren bloss Weltleute. Ich weiss keine."
"Man spricht von Räubern in der Gegend."
"Meine Armut fürchtet sie nicht."
Indessen war die Wirtin in die stube getreten; ihr folgte Rinaldo.
"Ei, Frau Wirtin!" – fing der Sprecher der Bewaffneten an; – "Ihr seid ja recht geistlich von beiden Seiten beschlagen! Mitten drinnen sitzt Ihr in der geistlichen Umgebung, wie eine Rose zwischen Dornen."
"Ei! Wie spasshaft!" – lächelte die Wirtin und warf einen scherzhaft sprechenden blick auf den Pseudopater Rinaldo. – Der Sprecher fragte weiter:
"Hat dieses Wirtshaus geräumige Stallung?"
"O ja!" – erwiderte die Wirtin; – "Wenn die Dragoner hier exerzieren, stallen wir oft 30 bis 40 Pferde."
"Viel Gelass für Menschen?"
"Ziemlich. – Habe ich etwa Besuch zu erwarten?"
"Vielleicht diese Nacht noch."
"Mein Gott! – Aber doch wohl" –
Indem sprengten drei Dragoner in den Hof. – Schnell sassen sie ab, und zwei davon traten in die stube.
"Die Frau Wirtin", – hiess es, – "gibt uns ein Glas Wein, und diese Gesellschaft zeigt ihre Pässe vor!"
Annetta griff sogleich nach ihrem Passe, und eben das tat auch der Kapuziner, der sein Missiv hervorzog. Die Dragoner fassten die Bewaffneten in die Augen. Der Sprecher schien ohne Verlegenheit zu sein. –
"Wir sind reisende Jäger", – sagte er; – "wollen nach Melazzo und wollen uns dort unter das Feldjäger-Korps anwerben lassen. Vorher waren wir als Grenzschützen in Diensten des Prinzen von Policastro. Hier sind unsre ehrlichen Abschiede, die man allentalben als Pässe anerkannt hat."
Die Dragoner sahen die Papiere durch und gaben sie wieder zurück. Der eine redete:
"Es ist in Melazzo ein verteufelter Streich passiert."
DER GRENZSCHÜTZ Wieso?
DRAGONER Da ist auf einmal der Teufelskerl Rinaldini wieder sichtbar geworden.
GRENZSCHÜTZ Was? – Rinaldini? –
WIRTIN Der soll ja aber schon längst tot sein