1799_Vulpius_102_114.txt

gekannt? Berühme dich nicht solcher Dinge! Der Wein lügt aus dir."

"Kamerad!" – stammelte jener,– "der Wein lügt nicht. Der Wein spricht die Wahrheit."

Lächelnd sagte Rinaldo:

"Geh nach haus und schlafe deinen Rausch aus!"

"Was?" – schrie der Schreier; – "Ich hätte einen Rausch? – Ich? – Mord und Wetter! brüllen will ich wie eine Gerichtsposaune, schreien will ich, dass es die ganze Stadt hören soll. So wie Ihr ausseht, so sah er aus, der vermaledeite Räubersultan Rinaldini!"

Bald gab es ein Zusammentreten der Vorübergehenden, es mischten sich endlich Sbirren unter die Umstehenden und fragten, was es gebe?

"Einen Trunkenbold gibt es hier!" – sagte der Pater Amaro, der eben herbeitrat, Rinaldo bei der Hand nahm, ihn ins Kloster führte und die Pforte schliessen liess.

Die Sbirren begnügten sich nicht mit des Paters unerbetener Antwort, sie examinierten den Schreier stärker und führten ihn endlich, als er bei seiner Aussage blieb, vor den Polizeirichter. Der Pater Amaro führte den Geretteten durch den Klosterhof in den Klostergarten, schweigend bis an die hintere Pforte desselben. Hier nahm er ihn bei der Hand und sagte:

"Eine Liebe ist der andern wert, ein Dienst des andern. – Ihr kennt mich nicht mehr. Gram und Kummer haben mich entstellt, aber ich kenne Euch noch. – Jetzt führe ich Euch aus diesem Garten in jenes Weinberghaus. Dort seht Ihr mich in kurzer Zeit wieder, und dortsollt Ihr mich auch wieder kennenlernen."

Rinaldo wollte Erklärungen, der Pater liess sich auf nichts ein.

"Wir sehen uns bald wieder!" war seine Antwort, und so brachte er ihn in das Weinberghaus, dessen Tür er hinter ihm verschloss, als er ihn verliess.

Rinaldo schwebte in bangen Erwartungen. Er fürchtete Verrat und Entdeckungen. Seinen Dolch steckte er sich zur Hand, und ein Plättchen Gift, welches er unter seinem Fingerringe führte, hob er hervor, es im äussersten Notfalle zu gebrauchen. – ängstlich klopfte sein Herz; er erwartete und fürchtete des geheimnisvollen Paters Zurückkunft. – Bekannter wurden ihm, nach langem Nachdenken, seine Gesichtszüge, dennoch aber konnte er sich seines Namens und seiner Bekanntschaft nicht so, wie er es wünschte, erinnern. – Er zog die Uhr beinahe von Minute zu Minute. Die schnell enteilenden Sekunden wurden ihm zu Stunden. Endlich vernahm er Fusstritte. Die Tür ging auf und Pater Amaro, ein Päckchen unterm arme, trat ein. – Freudig fiel Rinaldo ihm um den Hals und fragte ängstlich:

"Seid Ihr endlich da?"

Der Pater fasste seine Hand und sagte: "Wie so sonderbar! Ich musste Euch retten, Euchder Ihr einst, wie Ihr meintet, mein Glück mir in die Hand gabt; mein Glück, das mein Unglück wurde! – wenn es ein Unglück ist, in diesem Kleide, wenn auch nicht glücklich, dennoch ruhig zu sein!"

Rinaldo staunte den Sprechenden an. – Dieser fuhr nach einer kleinen Pause also fort:

"Einst sahen wir uns, als die notwendigkeit Euch zu der Entdeckung zwang, zu sagen, welchem mann man Eure Hilfe verdankte, auf dem schloss des baron Denongo" –

"Ha! Jetzt erkenne ich Euch wieder!" – schrie Rinaldo. – "Ihr seid der Sekretär des baron Denongo, der damals glückliche Liebhaber der schönen Laura!"

"Der bin ich."

Hundert fragen schwebten auf Rinaldos Lippen, allen kam Amaro zuvor.

"Ich war", – sagte er,– "der glückliche, den damals Laura liebte. – Eurer Grossmut verdankte ich es, dass der Baron mir die Hand seiner Tochter versprach; aber, schlau genug, setzte er dem Ziele unsrer Wünsche einen Zeitraum von drei Jahren entgegen. Er kannte Weiberherzen! – Laura liebte mich. Die Zeit, die böse Räuberin der Zärtlichkeit! raubte mir ihre Liebe, oderwenigstens ihre Hand. Sie gab die Hand, die mir gehörte, Grafen Lentini, floh mich, meine Klagen, und der Vater bot mir Geld." "Ihr seid beide wortbrüchig!" sagte ich, "nahm kein Geld und ging nach Melazzo zu meinem Bruder, der Prior des Klosters ist, in welchem ich mich als Mönch befinde. – Dies ist meine geschichte, und dass ich Euch kenne, wisst Ihr. – Ich erkannte Euch sogleich, als ich Euch zum erstenmal sah, und wunderte mich der Kühnheit Eures unverstellten Gesichts. – Allgemein werdet Ihr totgeglaubt, und ichrette Euch jetzt, denn schon ist Lärm in der Stadt und Session bei dem Polizeigericht. Vermutlich werde ich selbst vorgefordert werden. Diese Kutte lässt mich aber nichts fürchten, und ich bin ruhig. Ich erfülle jetzt die Pflichten der Dankbarkeit."

"Edler Mann!" – stammelte Rinaldo.

Der Pater legte das mitgebrachte Päckchen auseinander und sagte:

"Hier sind Kleidungsstücke. Ich schaffe Euch, so gut es gehen will, zum Franziskaner um. – Die Kapuze über den Kopf, diese falsche Nase ins Gesicht, Farbe auf die Backen, dieser falsche Bart ums Kinn, und Ihr könnt getrost weiterwandern."

Rinaldo fiel ihm um den Hals und stammelte Worte des Dankes. Der Pater half ihn ankleiden, nahm Aufträge an Violanten an, die er pünktlich zu bestellen versprach, gab ihm den Segen, zeigte