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und freundlich antwortete der Pater:

"Warum nicht? – Ich habe auf meiner Zelle eine artige Sammlung von Bildnissen –, Ihr könnt sie sehen! –, unter denen sich viele weibliche befinden."

Rinaldo sah ihn fragend an, er aber fuhr fort: "Lasst Euch mit einer Explikation dienen! Meine Gemäldesammlung ist eine Galerie von Armenwohltätern. Die mir am willigsten und am meisten geben, denen falle auch endlich ich mit einer Bitte für mich selbst beschwerlich: Ich bitte um ihre Portraits. Diese hänge ich dann in meiner einsamen Zelle in zierlicher Ordnung auf und unterhalte mich mit ihnen, wenn ich von menschlicher Gesellschaft entfernt bin. Ich bin wirklich in guter Gesellschaft, ich bin unter Menschen, darf ich dann mit Gewissheit sagen."

"'Gewiss, Herr Pater! – Auch Ihr seid ein Mensch, und ichbin jetzt in guter Gesellschaft.'"

"Die guten Werke, mein Herr, geben eine hohe Menschlichkeit, und das sei unser Stolz voll Demut!"

"'Und das Portrait in Eurer Hand?'"

"Ist das Portrait einer vortrefflichen Armenwohltäterin; es soll in meine Gemäldesammlung kommen."

Er zeigte es. Rinaldo fragte betroffen:

"Wie nennt sich diese Dame?"

"'Violanta de Noli.'"

"Ja! so heisst sie."

"'Kennt Ihr sie?'"

"Ich kenne sie. – Lebt sie jetzt hier in Melazzo?"

"'Seit 14 Tagen. Sie wartet auf ein Schiff und wird nach Lipari gehen.'"

"Bringt mich zu ihr!"

"'Ich will Euch ihre wohnung zeigen.'"

Rinaldo griff eilig nach Hut und Degen und folgte dem Pater.

Elftes Buch

Geseh'n, gefunden und verloren,

Aus einem schönen Traum erwacht!

Der Wechsel hat sich dir verschworen;

Oh er dich wohl auch glücklich macht?

Erschrocken bebte Violanta zurück, als Rinaldo in ihr Zimmer trat, ängstlich schlug sie ein Kreuz, und über ihre bebenden Lippen konnte sich kein Wort drängen.

"Freundin!" – begann Rinaldo. – "Sehen wir uns doch wieder?" Violanta kam nach und nach zu sich, und endlich fragte sie stammelnd:

"Ihr lebt?"

"'Ich lebe, um zu meinem Unglück Dianoren zu finden.'" –

"Sie?"

"'Die ich wieder verlassen musste.'"

"Ist es möglich? Ihr saht sie? Ihr seid dem tod entronnen? – Ihr habt Dianoren gesehen, gefunden? – Wo?"

"'Auf Lipari.'"

Er erzählte ihr, was wir wissen. Ihre Verwunderung stieg, und die Unterhaltung wurde herzlicher. – Violanta wartete, wie sie sagte und wie Rinaldo durch den Pater schon wusste, auf ein Schiff, das sie nach Li"Und was wollt Ihr tun?" "'Ich wende mich'" – antwortete Rinaldo, – "'mit der herzlichsten Bitte meines Lebens an Euch, an die Freundin, die ich einst aus finsterer Kerkernacht ins Licht des Lebens zog!'" – "Ich errate diese Bitte!" – seufzte Violanta. "'Folgt mir Dianora, so blüht mir das Glück meines Lebens. – Ich bin fest entschlossen, mein Leben daran zu wagen, meine vergrabenen Schätze aufzusuchen unddann nach Spanien zu gehen, wohl weiter, dortin, auf jene glücklichen Inseln, wo ein ewiger Lenz den frohen Bewohnern lacht. Dort, Violanta, wollen wir in stiller, verträglicher Einsamkeit leben, dort wollen wir froh und glücklich sein!'" "Das war auch unser Wunsch auf Pantaleria! – Das Glück erfüllte ihn nicht." "'Vielleicht lächelt es uns günstiger in entfernteren Zonen!'" Noch sprachen sie weiter, und Violanta versprach ihm endlich, alles anzuwenden, Dianoren zu bereden –, wenn es einer Überredung bedürfe –, dem Rufe der Liebe zu folgen. Melazzo sollte der Ort der Versammlung bleiben, und um einen Mittelsmann zu haben, der dies und jenes besorgte, durch dessen hände die Briefe gingen, ohne dass er selbst wüsste, wozu er seine Hand biete, ward der Pater Amaro erlesen, auf glückliche Rechnung für seine Notleidenden und seine Portraitsammlung, der hilfreiche vierte zwischen dreien zu sein. – Beide wollten die Sache gehörig überlegen, und diesen Abend sollten bei einem frugalen Mahle, wozu Violanta ihren Gast bat, alle Punkte festgesetzt und die nötigsten Bedingungen, Erklärungen etc. bestimmt werden. Rinaldo ging eben aus Violantas wohnung, als, dieser gegenüber, aus einem Weinhause einige betrunkene Matrosen auf ihn zu taumelten. Er trat auf die Seite, sie vorüberzulassen, als der eine stehenblieb und mit grossen Augen ihn angaffte.

"Straf mich Gott!", – schrie er endlich; – "wenn ich lüge! Kameraden, seht diesen Mann hier an und ihr seht, hole mich der Teufel!, den verrufenen Rinaldini vor euch, wie er leibt und lebt!"

Rasch trat Rinaldo auf ihn zu, ergriff seine Hand, drückte sie bedeutend und fragte:

"Hast du den Mann, den du eben nanntest, gekannt?"

"'Ja, beim Teufel! ich habe ihn gekannt'", – sagte jener trotzig, vielleicht ohne die Bedeutung des Händedrucks zu erraten oder auch, um sich nicht irre machen lassen zu wollen.

"Was?" schrie einer seiner Gesellen; – "du hättest den berühmten Rinaldini