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Banden ehelicher Freuden und Liebe. – Und ich Unglücklicher muss mein Weib verlassen, muss meinem kind von Fremden einen andern Namen erbetteln, damit es den seinigen nicht am Rabensteine erblickt! – O! mein Weib! – O! mein Sohn! mein Sohn! Schenke der Himmel dir zweifach den Frieden und die Ruhe, die dein unglücklicher Vater entbehren muss; er, der dir das Leben gab und dem du dafür nicht danken darfst. – – Wenn der Name deines Vaters genannt wird, wirst du mit andern Menschen zugleich deinen Abscheu nicht verbergen können, und wirst nicht wissen, dass es dein Vater ist, den du verabscheust. – Wohl dir! – Guter Gott! Schenke meinem Sohne deine Gnade, gib, dass er ein guter Mensch werde, und ich habe der Welt in ihm gegeben, was ich ihr selbst nicht in mir gab. – In die Flammen mit dem Baume, der so schlechte Früchte trug! ein anderer nehme seinen Platz ein. – – Ich weiche meinem Sohne!"

Das Schiff lief in den Hafen zu Melazzo ein. – Rinaldo stand auf dem Verdeck des schiffes, überschaute die reichen Felder, die um die Stadt herliegen, letzte sich an dem Anblick der fruchtbaren Hügel, die sich amphiteatralisch nach den fernen Gebirgen erheben, und versank ganz in den Genuss des süssen Schauens. – Er wurde von dem Kapitän angeredet und bestieg mit ihm das Boot, das ihn ans Land brachte. Hier nahm er Abschied von dem Kapitän und suchte eine wohnung, die er auch, sehr bequem, bald fand.

Im Stillen überliess er sich seinen Betrachtungen und machte Pläne. Täglich besuchte er die Kirche, hörte eine Messe und vertrieb sich dann zu haus die Zeit mit Lektüre und bei der Guitarre. Eben war er in Gedanken bei Dianoren. Er spielte und sang:

O! was spricht so laut zum Herzen,

Glücklich werden kannst du nicht?

Selbst mein Glück will ich verscherzen,

Wenn dies nicht die Wahrheit spricht!

Wiege Liebe mich in Schlummer,

Dass die Wahrheit wachend flieht!

Dass mein Auge nicht voll Kummer,

In der Wahrheit Spiegel sieht!

Täusche mich mit süssen Träumen,

Täusche mich mit sanftem blick,

Lass mich keinen Traum versäumen,

Rufe Wahrheit mir zurück!

Wiege mich mit sanften Worten,

Fern vom blick der Wahrheit ein,

Öffne die geschmückten Pforten,

Lass die goldnen Träume ein.

Luftig rauschet ihr Gefieder

Über meine Schläfe hin,

Bilder wanken auf und nieder,

Und erfüllen Herz und Sinn.

O! wie sanft die holden Bilder

Allgemach vorüberziehn,

Mild und sanft, und immer milder,

Wiederkommend, selbst im Fliehn!

Decke Liebe deine Schleier

Über diese Bilderwelt!

Immer wird die Aussicht freier,

Immer schöner wird das Feld!

In dem Haine will ich wallen

Wo den Mohn die Liebe streut,

Wo mit sanftem Wohlgefallen,

Liebe jedes Herz erfreut!

"Ja!" – rief er aus. – "Trennen können uns Menschen und Verhältnisse, aber hindern können sie uns doch nicht, stets beieinander zu sein!"

Es wurde an die Tür geklopft; sie ging auf, und ein Franziskanermönch trat ins Zimmer, der sich selbst mit folgenden Worten einführte: "Gott sei mit Euch, edler Herr! Ich bin der Pater Amaro, aus dem Orden des heiligen Franziskus."

"'Was bringt Euch zu mir?'" – fragte Rinaldo.

"Mein Herz", – war des Paters Antwort, – "welches das Eurige sucht."

"'Ich verstehe Euch nicht.'"

"Lasst Euch mit einer Explikation dienen! – Ich mache mir ein Geschäft daraus, bei guten und mitleidigen Seelen Almosen einzusammeln; nicht um damit mich oder mein Kloster zu bereichern –, denn was zu unserm schmalen Unterhalt gehört, sammeln unsere Terminierer ein –, sondern um damit Notleidende zu unterstützen, denen Verhältnisse, Stand oder Krankheiten nicht erlauben, selbst Almosen zu begehren. – Die Not, edler Herr, ist da am grössten, wo sie am verschwiegensten, wo sie am heimlichsten drückt! – Bei diesem meinem wohltätigen Geschäfte nun, welches ich durch Gottes Beistand schon einige Jahre mit sonderlichem Segen treibe, habe ich mir nach und nach Bemerkungen abstrahiert, welche ich, aufgezeichnet, dem hinterlassen werde, der mein Nachfolger sein wird. – Unter diesen ist auch die Bemerkung, dass Fremde sich weit wohltätiger finden lassen als Einheimische. Deshalb wende ich mich an Euch. Das ist es, was mein Herz an das Eurige sendet und was es bei dem Eurigen sucht. – Irre ich mich nicht in den Gesichtszügen, die Euch Gott geschenkt hat, so wird mein gang zu Euch gesegnet sein."

Rinaldo drückte dem humanen Almosensammler 10 Dukaten in die Hand und sagte:

"Ihr habt recht, Herr Pater! Die heimlichste und verschwiegenste Not ist und bleibt immer die grösste."

Der Pater dankte im Namen der Notleidenden sehr verbindlich, und gerührt drückte Rinaldo ihm die Hand herzlich. Freundlich rief ihm dieser zu:

"Nicht zu stark! nicht zu stark! Ihr zerdrückt mir sonst etwas Kostbares, das ich hier in der Hand habe."

RINALDO Etwas Kostbares? – Und das ist?

P. AMARO Es ist ein Portrait.

RINALDO Das Bild eines Heiligen?

P. AMARO Nein! – Es ist das Bildeines Frauenzimmers.

Rinaldo sah ihn lächelnd, verwunderungsvoll an und fragte:

"Das Bild eines Frauenzimmers? Und in Euren Händen?"

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