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ehrliche Menschen zu schrecken, der sich erkühnte, verwegen, sich selbst so kennbar zu machen, soll dem Schwerte der Gerechtigkeit nicht entrinnen. – Auf unserm friedlichen Eiland soll die Sache kein aufsehen machen. Die Bewohner brauchen eine Sache gar nicht kennenzulernen, die sie nicht kennen; ihre stillen Gemüter soll so etwas weder bewegen noch entflammen. Ich werde dafür sorgen. Stille und Verborgenheit sind hier heilsam. – – Der Gemahl dieser Dame kommt zu mir."

Rinaldo kam zu dem Stattalter. Er trat ins Zimmer, bebte zurück, drückte die gefalteten hände vor die Stirn, sah in der person des Stattalters den ihm und uns bekannten Prinzen della Roccella und warf sich vor ihm nieder. Mit bebenden Lippen stammelte er: "O mein Prinz!"

Der Prinz ging auf ihn zu:

"Mann! – Sehe ich auch hier dich wieder? – – Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wie sehr deine Gegenwart mich in Verlegenheit setzt? – Fühle das selbst."

"'O! ich fühle es! – Ich bitte nicht für mich, ich bitte nur für Weib und Kind! – Stets grossmütig war mein Prinz!'" –

"Mein Schicksal quält mich durch dich."

Er ging im Zimmer auf und nieder. Rinaldo erhob sich, wankte an ein Sofa und stürzte sich mit gesenktem blick mit beiden Händen auf dasselbe. – Endlich begann der Prinz:

"Nach langem Überlegen und Streiten zwischen Pflicht und Wohlwollen kann ich mich zu weiter nichts entschliessen, als deine Flucht dir zu erleichtern. Du wirst aber fühlen, dass das für dich sehr viel getan ist!"

"'Allesalles, was nur die Grossmut des Edelsten tun kann!'"

"Ich kann und darf nicht mehr für dich tun!"

"'Mich vernichtet diese Güte!'"

"Eine englische Fregatte liegt segelfertig in dem Hafen, diese wird dich aufnehmen. – Für Reisegeld ist gesorgt. In meiner Verwahrung sind 1000 Stück Dukaten, die deinem Freunde, dem Alten von Fronteja gehören –"

"'Ach! Ihn verschlang das Meer. – Hätte es doch mich verschlungen!'"

"Reise glücklich!"

"'Und Dianora?'"

"Kann nicht mit dir gehen. Sie ist das sich selbst, sie ist es ihrem kind schuldig. Fühlst du das?"

"'O! ich Unglücklicher! – Ach, Dianora! – Mein Kind! – Mein armes Kind!'" –

"Es soll das meinige sein. – Welche Erziehung, welche Ansprüche auf Glück und Fortkommen in der Welt, könntest du dem kind geben? Du, der du geächtet, verfolgt, der du ein Mann bist, dessen Name schon ein Verbrechen ist? Welche Hoffnung könnte unter deiner Wartung und Pflege dem zarten Sprössling blühen, ein Baum zu werden, der seine Äste frei emporstrecken könnte in die Lüfte? Ewig würde der Sohn nur das Kind eines Räubers bleiben. – Diese Schmach will ich von ihm nehmen. Ich erkläre ihn für meinen Sohn."

"'Prinz!'" –

"Ich gebe ihm einen Namen, der durch kein Verbrechen befleckt ist, und so erhalte ich ihm seine mütterlichen Güter. Er wachse heran, unbefangen, zum Jüngling, er werde ein Mann, sei geehrt und erfahre nie, wer sein Vater war."

Ein Tränenstrom entstürzte Rinaldos Augen; er jammerte laut: "'Grausames Geschick! – O mein Sohn! mein Sohn! Wo wird dein Vater endlich noch das Ziel seiner mühseligen, kummervollen Pilgrimschaft finden?'" –

"Lass ihm",– fiel der Prinz ein, – "dein Grab ohne Erröten sehen, und er kann glücklich sein."

"'O, warum mussten Dianorens Küsse mich wieder zurück ins Leben rufen!'"

"Es ist geschehen. – Unser Wissen, Wirken und Wollen, unsere Kräfte sind menschlich. Über uns waltet eine höhere Macht. Wir können nicht widerstreben. Was sie beschlossen hat, geschieht."

"'Und Dianora bleibt hier?'"

"Dasweiss ich jetzt noch selbst nicht."

"'Ich darf sie nicht wiedersehen?'"

"Erspare dir und ihr den Abschied. – Sie leidet viel. – Willst du die Leiden vermehren, die sie quälen?"

Ein Diener trat ein, brachte einen Brief und verliess das Zimmer. – Der Prinz las und sagte:

"Der englische Kapitän will absegeln. Er dringt auf die Ankunft des Reisenden, den ich ihm zuschicken will; dieser bist du. Eile in den Hafen. Verliere keine Zeit, sie ist kostbar, und jede Zögerung bringt dir Gefahr. Hier ist Geld, dein ReisepassGott sei mit dir! Sein heiliger Engel geleite dich! – Reise glücklich!"

Er entfernte sich schnell. – Rinaldo blickte schluchzend ihm nach, ward abgeholt und in den Hafen geführt. – Er ging zu Schiffe. Die Anker wurden gelichtet; das Schiff stach in die See. "O Dianora! O mein Sohn!" – jammerte Rinaldo. – "Diese rollenden Wellen tragen mich von euch hinweg; vielleicht sehe ich euch nie wieder! – Der ärmste Handarbeiter darf so glücklich sein, am Busen seines Weibes zu ruhen. Er schaukelt sein Kind auf seinem fuss, und liebevoll umschlingt sein Weib seinen Nacken. Er vergisst seine beschränkte Lage, sein Unglück, sich selbst und die Welt, umschlungen mit