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des Friedens sein hohes Zeichen schrieb. Was hat der Würgeengel hier zu tun? – Ich bin nicht mehr, was ich war. Ich bin zurückgetreten aus dem weiten Kreise meines ehemaligen Wirkens und will hier leben im engen Zirkel stiller Häuslichkeit. Hier ist mein Weib, mein Kind. Diese haben nichts Böses getan. Unschuldig lächelt der Knabe den Feind seines Vaters an. Kommst du auch zum Verderben der Unschuld?"

"Ich hänge nicht von mir selbst ab."

"Aber steht nicht mein Verderben bei dir? – Du mordest in mir Gatten und Vater. Sind diese Namen dir nicht heilig?"

Kalt antwortete der Kapitän: "Heilig sind mir jetzt nur die Befehle meiner Obern."

"Wollen diese meinen Tod? – Gut dann, so morde man mich hier, unter den Augen meiner Frau und meines Kindes! Aber morden müsst ihr mich, und mein Leben werde ich teuer verkaufen. – Du bist der erste, der fällt."

Schnell riss er ein paar Pistolen von der Wand und vertrat dem Kapitän den Ausgang aus dem Zimmer.

"Was beginnst du?" – fragte dieser bestürzt.

"Ich fechte für mein Eigentum. Habt ihr den Räuberhauptmann wieder in mir aufgesucht, so sollt ihr ihn auch finden. Dass Rinaldini zu fechten weiss, wisst ihr; ihr sollt erfahren, dass ich der noch bin, den ihr suchen wollt."

Der Kapitän suchte sich zu fassen und begann nach einer kleinen Pause:

"Dass ich nicht für mich selbst handle, weisst du. Die Not brachte mich in Dienste anderer. Für diese habe ich Pflichten. – Was gibst du mir? Womit belohnst du mein Schweigen?"

"Mich hintergehst du nicht!" – schrie Rinaldo. – "Deine glatten Worte gibt dir die Not ein. Ich lasse dich gehen, und ich bin verhaftet. Du suchst mir jetzt zu entkommen. Das kann nicht sein! – Die Klugheit dringt mir einen Mord ab; Gott verzeihe ihn mir! Ich morde nur zu meiner Lebenssicherheit. Es kann nicht anders sein! Ich rette mich, mein Weib, mein Kind. Gott sei deiner Seele gnädig!"

"Rinaldo! – Um Gottes willen! – Höre! – Nur noch ein Wort!"

"Was hast du noch zu sagen?"

"Lass mich beten und morde mich im Gebet."

Rinaldo blickte ihm forschend in die Augen. Der Kapitän fiel vor ihm nieder und faltete die hände.

Draussen erhob sich ein Geräusch. Die Tür ging auf. Wache trat ins Zimmer.

Der Kapitän sprang auf. Der Anführer der Wache redete ihn ganz trotzig an:

"Elender, vermummter Verräter!"

Gelassen erwiderte der Kapitän:

"Gott hat Euch mir zum Retter gesandt!"

Der Offizier sah ihn fragend an; er fuhr fort:

"Mein Leben konnte nicht mehr gerettet werden; es stand in der Hand eines Mannes, der mich vernichten musste, um nicht der Justiz in die hände zu fallen."

"Was soll das sagen?" – fragte der Offizier ernstaft.

Der Kapitän sprach weiter:

"Wohin Ihr mich auch führen mögt, wie mein Schicksal auch entschieden werden mag, so verdiene ich doch eine Belohnung des Staates, wenn ich der Landesregierung, was hiermit geschieht, einen Mann überliefere, auf dessen Kopf sie schon längst hohe Preise setzte, der stets ihren Nachforschungen entging, den sie tot glaubt, der aber noch hier steht, lebt und Rinaldini heisst."

"Wie?" – fragte der Offizier heftig.

"Elender Bösewicht!" – schrie Rinaldini, – "willst du deiner Strafe durch ein neues Verbrechen entgehen? Welche Frechheit! Willst du dich durch die schändlichste Verleumdung, mit der schamlosesten Lüge retten?"

Der Kapitän wollte sprechen; Dianora sprang auf: "Dieser ist mein Gemahl, und dass ich die Gräfin Martagno bin, weiss der Stattalter, der auch meinen Gemahl kennt. Dieser schwarze Bösewicht, dessen Erdichtungen" –

"Signora", – fiel der Offizier ein, – "dass dieser Vermummte ein Nichtswürdiger ist, wissen wir, er wird den Lohn erhalten, der ihm und seiner ganzen Brüderschaft gehört; dennoch aber bin ich verbunden, auf seine Angabe, Euern Gemahl zu ersuchen, mir zum Stattalter zu folgen. Ich kenne ihn nichtund muss meiner Pflicht gehorchen."

"So folge!" – sagte Dianora mit einem bedeutenden blick.

Der Kapitän wollte sprechen; der Offizier liess ihn binden und sagte: "Was du sagen willst, kannst du vor Gericht sagen. Ich bin dein Richter nicht. – Wache! führt ihn fort! – Dieser Herr folgt mir zum Stattalter."

Rinaldo umarmte Dianoren, die ihm etwas sagen wollte, welches der Offizier höflich verbat. Sie gab ihm sprechende Blicke, die Rinaldo dennoch aber nicht recht entziffern konnte, und er folgte dem Offizier in die Stadt. Hier führte ihn dieser auf die Wache und ging zum Stattalter, wo er Dianoren fand. Der Stattalter lächelte nach des Offiziers Rapport:

"sonderbar! Wie weit geht doch die Bosheit der Schwarzen! – Man verfährt in Sizilien und in allen Staaten unseres Königs aufs schärfste gegen alle Mitglieder eines Bundes, dessen Absichten man kennt, der die Staatsverfassung des Reichs vernichten und eine allgemeine Rebellion erregen wollte. Ein allgemeiner Urteilsspruch hat alle Teilnehmer an dieser Verschwörung schon gerichtet. Der Schwarze, der sich nach Lipari schlich und sein schändliches Gewand überwarf,