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uns. So entschwinden die Taten der Menschen im eiligen Laufe der Zeit; so entschwindet das Andenken an Gutes und Böses!"

Die Schiffsglocke läutete zum Frühstück. Die Matrosen verbreiteten sich auf dem Verdeck, und der Kapitän des schiffes, dessen Namenstag gefeiert werden sollte, gab Wein zum besten. Ein hundertstimmiges Lebehoch tönte ihm zu Ehren, in die Lüfte, und einige Guitarren, Triangel und Geigen kamen zum Vorschein. Es wurden Lieder angestimmt, und endlich sang die ganze Gesellschaft.

Romanze

In des Waldes finstern Gründen

Und in Höhlen tief versteckt

Ruht der Räuber allerkühnster,

Bis ihn seine Rosa weckt.

"Rinaldini!" – ruft sie schmeichelnd:

"Rinaldini! wache auf!

Deine Leute sind schon munter,

Längst ging schon die Sonne auf."

Und er öffnet seine Augen,

Lächelt ihr den Morgengruss.

Sie sinkt sanft in seine arme,

Sie erwidert seinen Kuss.

Draussen bellen laut die Hunde,

Alles flutet hin und her,

Jeder rüstet sich zum Streite,

Ladet doppelt sein Gewehr.

Und der Hauptmann wohl gerüstet,

Tritt nun mitten unter sie.

"Guten Morgen, Kameraden!

Sagt, was gibt's denn schon so früh?"

"Unsre Feinde sind gerüstet,

Ziehen gegen uns heran."

"Nun, wohlan, sie sollen sehen,

Ob der Waldsohn fechten kann."

"Lasst uns fallen oder siegen!"

Alle rufen: "Wohl es sei!"

Und es tönen Berg' und Wälder

Rundherum vom Feldgeschrei.

Seht sie fechten, seht sie streiten!

Jetzt verdoppelt sich ihr Mut;

Aber, ach, sie müssen weichen,

Nur vergebens strömt ihr Blut.

Rinaldini, eingeschlossen,

Haut sich, mutig kämpfend, durch

Und erreicht im finstern wald

Eine alte Felsenburg.

Zwischen hohen, düstern Mauern

Lächelt ihm der Liebe Glück,

Es erheitert seine Seele

Dianorens Zauberblick.

Rinaldini! Lieber Räuber!

Raubst den Weibern Herz und Ruh.

Ach, wie schrecklich in dem Kampfe,

Wie verliebt im Schloss bist du!

"Jetzt ist es aus mit ihm!" sagte der Kapitän. "Beim Teufel! Das war ein Kerl, von dem man noch lange singen und sagen wird!"

"Jawohl!" sagte der Alte und lächelte.

Der Kapitän fuhr fort: "Er hatte es, sozusagen, verdammt weit gebracht! Wenn nur mehr Ehre dabei gewesen wäre! Man hätte ihn begnadigen sollen, und er würde dem staat gewiss, mit dem Degen in der Faust, gute Dienste geleistet haben. – Jetzt ist er wohl schon längst, wer weiss in welchem Haifischmagen über die Grenze geschifft."

Alle lachten. Rinaldo, – musste natürlich auch mit lachen.

Bald kam's wieder zu einem Wettgesang. Ein Mädchen und ein junger Matrose traten nun auf und sangen zur Musik

ER

Geh nicht in die Berge,

Rinaldo wohnt dort;

Er plündert, beraubt dich,

Und schleppt dich mit fort!

SIE

Ich geh' in die Berge,

Rinaldo wohnt dort;

Er kennt mich, er liebt mich;

Ich zieh' mit ihm fort!

ER

Ha, Rosa, du Röslein

In Wälder versteckt,

Hat auch dich die Liebe

Im Freien geneckt?

SIE

Es neckt mich die Liebe

Im Feld und im Wald. –

Dort glänzen Gewehre;

Wir wandern nun bald!

Langsam schlich Rinaldo von dem Verdeck in die Kajüte. Je lauter draussen der Lärm wurde, desto beklommener hörte er das Getöse an. – Tausend Entwürfe und Entschliessungen durchkreuzten seine Seele; welchen konnte er fassen? Er musste alles auf den Zufall ankommen lassen, aber diesen aufs beste zu benutzen, war sein ernster Wille, sein fester Entschluss. Schon hatten sie Sizilien im rücken, als auf einmal ganz unerwartet der Wind nach Südost umsprang. Wütend warf er das Schiff hin und her durch die tobenden Wellen, die sich, Bergen gleich, dem krachenden Kiele entgegentürmten. – Die Nacht brach an, und die dickste Finsternis umlagerte das Schiff. Nichts war zu sehen als der leuchtende Schaum der wütenden Wogen, die das Schiff so ungestüm umherschleuderten, dass auch die Kühnsten zaghaft wurden.

Rinaldo lag ruhig auf dem Lager, fürchtete nichts und sah gelassen dem tod entgegen. Er blieb allein, auch der Alte kam nicht zu ihm.

Duftige Nebel sanken hernieder; das Brausen des Windes glich dem stärksten Donner des Geschützes. Im Schiffe ertönten Angstgeschrei und Klagen. – ängstlich harrte man des anbrechenden Tages. – Nach Mitternacht stiess das Schiff auf eine Klippe, es borst und sank.

Ein schreckliches Wehklagen erfüllte die Lüfte. – Rinaldo, der bisher ruhig den Tod erwartete, ergriff einen Balken; eine Welle schleuderte ihn ins Meer, eine zweite warf ihn ans Land, wo er, matt und entkräftet, dem anbrechenden Tage entgegensah. Der Sturm legte sich. Es wurde Tag. Rinaldo lag unter einem Baume. Die Gegend wurde heller. Er blickte um sich und sah einen Fischer, der nach dem Ufer ging. Diesem klagte er sein Unglück, und der ehrliche Mann führte ihn in seine Hütte, wo er ihn, so gut er es geben konnte, mit Speise und Trank erquickte. Bald wurde der benachbarte Pfarrer herbeigerufen; dieser fragte den Schiffbrüchigen aus und erhielt eine Geschichtserzählung von Rinaldo, die einer ganz gewöhnlichen Erzählung glich. Er war ein Kaufmann aus Ancona, hatte Schiffbruch gelitten und war in demselben um seine Habseligkeiten und Papiere gekommen. "Und wo bin ich?" – fragte er. Der Pfarrer gab zur