"O! das Herz! das bewegliche Herz! – Wie schwer trage ich an dieser leichten Last! Sie wird mich noch zu Boden drücken."
Abbrechend sagte Onorio: "Meine Ampeln brau
chen Öl!", – nahm den Ölkrug und ging in die Kapelle. Über Nacht legte sich endlich der Sturm, und als am Morgen die Sonne lachte, lief ein Schiff in den Hafen und warf die Anker aus.
Der Alte von Fronteja trat in die Klause. Heiter war sein blick, sanft war die Sprache seines Mundes.
"Grüsse Euch Gott, meine Freunde, und gebe uns allen Heil und Glück! Der Sturm ist vorüber, die Sonne lacht, und glücklich liegt mein Schiff im sichern Hafen."
"Bist du", – fragte Rinaldo, – "ebenso sicher als dein Schiff?"
"Unsicher", – lächelte der Alte, – "bin ich nie."
"Du hast viel Glück!" – rief Rinaldo aus. – "Doch bedenke, dass das Glück wankelmütig ist. Zwar fasst es wohl, doch sich fassen lässt es selten."
"Verstehst du es aber auch, mit Glück umzugehen? – – Stelle dich diesem wankelmütigen Dinge als eine Kugel dar, welche es hinrollen kann, wohin es will, an der aber nirgends ein Fleck ist, an welchem du festzuhalten bist. Will das Glück sich zu dir setzen, wohl! so reiche ihm die Hand; breitet es seine Flügel aus, davonzufliegen, so gib ihm seine Geschenke zurück und lass es fliegen. – Das Glück ist ein Weib. Du weisst ja, wie Weiber sind: denn ich glaube, du kennst sie!"
"Weiber", – begann Onorio, – "sind doppelte Menschen, und ein einfacher Mensch ist gewöhnlich schon nicht viel wert!"
Der Alte lächelte Onorio an und fuhr fort:
"Des Weibes Launen müssen uns ergötzen, dürfen uns aber nie betrüben. – Es gibt Menschen, die sich für glücklich halten, weil sie sich weise dünken; halte du dich für weise, wenn du dich glücklich fühlst."
"Das werde ich nie können!" – seufzte Rinaldo.
"Der Mensch", – antwortete der Alte bedächtig, – "kann alles, was er ernstlich will. – – Ich bin gekommen, dich zu fragen, mein Freund, willst du hier auf diesem Eiland bleiben, oder fühlst du Verlangen und Mut genug, wieder in die Welt zu gehen? – Nur etwas Trotz weniger, und du wirst unter den Menschen dich ganz wohl befinden. Trotz schickt sich nicht in die menschliche Gesellschaft; die Menschen ertragen ihn nicht. Entweder man erwidert deinen Trotz, – dabei gewinnst du nichts, – oder man flieht dich; – und dabei gewinnst du noch weit weniger. Ich kenne Welt und Menschen. Höre mich an, aus mir spricht die Erfahrung. Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, und dadurch entdecke ich dir das Geheimnis aller klugen Menschen, die in der Welt bedeutend worden sind und es noch werden. Nenne das, was ich dir sage, Philosophie des Lebens, und handle nach dem, was du von mir hörst. – – Die Pflichten der menschlichen Gesellschaft sind nur ein unaufhörlich fortgesetzter Tauschhandel. Lass dich auf nichts ein, ohne zu erwarten, dass es dir Vorteil bringe. Deinen Verstand, deine Einsichten, deinen Diensteifer und deine Gefälligkeiten, alles lege im Handel an. Tue deinen Nebenmenschen keinen Schaden, achte sie, wenn du musst; diene ihnen, wenn du kannst; lass ihnen ihre Ansprüche und entschuldige ihre Schwachheiten. Sie sind nicht undankbar. Deine Auslage wird dir immer mit beträchtlichen Zinsen wieder erstattet werden." – "Unter diesen Menschen aber", – fiel Rinaldo ein, – "werden auch Freunde sein, und die Freundschaft fordert doch wohl" – "Die Freundschaft", – fiel ihm der Alte schnell in die Rede – "betrachte stets als das schönste und als das gefährlichste Geschenk des himmels. Ihre Guteit ist entzückend, ihre Unbeständigkeit ist entsetzlich. Und wie willst du, dass ein Weiser der Gefahr eines Verlustes sich aussetze, dessen Bitterkeit sein ganzes übriges Leben vergiften kann? – Trifft deinen Freund ein Unfall, und du hast keine Hilfsmittel dafür, so erspare dir den Schmerz, ihn leiden zu sehen."
Rinaldo sah ihn mit bedeutenden Blicken an und sagte:
"Du hast nicht gehandelt, wie du sprichst; wenigstens gegen mich nicht!"
"Du bist mir mehr als Freund."
"Mehr? – Mehr als Freund? – Ich dir? – Und was? – Was bin ich dir?"
Onorio sah den Alten bedenklich an; dieser schwieg. – Rinaldo wiederholte die Frage:
"Was bin ich dir?"
"Ich liebe dich", – antwortete der Alte, – "wie ein Vater seinen Sohn liebt. So will es mein Herz, so will es die allgewaltige Sympatie, die zwischen Menschen waltet."
Nach einer starken Pause fragte Rinaldo: "Warst du, seit wir uns nicht sahen, wieder in Sizilien?"
Zufrieden lächelnd antwortete der Alte: "Ich war in meinen lieben Gefilden von Fronteja. – Man hat dort übel gehaust. Die pfaffen haben meine Jünger vor ihr Tribunal gezogen und sind schlimm mit ihnen umgegangen. Die meisten stecken in Klöstern, zu kirchlicher Busse verdammt, und einige sind sogar auf der Folter gestorben.