Erde. Onorio erhob sein Gesicht, streckte seine arme gegen das Bildnis der heiligen Jungfrau und sang mit sanfter stimme:
Du, o Geberin des Guten!
Quelle der Barmherzigkeit!
Gib uns Menschen deinen Frieden,
Schenk uns einst die Seligkeit!
Zähme die empörten Fluten,
Zeige deine Allgewalt,
Gib auch du dem Meere Frieden,
Sichre unsern Aufentalt!
Lächle gleich dem Morgensterne,
Der dem müden Wandrer lacht,
Zeige deine hohe Gnade,
Zeige deine hohe Macht!
Ein flammender Blitzstrahl durchzischte die Kapelle, ein heftiger Donnerschlag folgte. Es erbebte die Kapelle. Aneinander schlugen die geweihten Ampeln. Das Bild der heiligen Jungfrau schien sich zu bewegen. – Onorio sprang auf und eilte in die Klause zu Rinaldo. Wie aber kam dieser auf die Insel Lampidosa? – Das wollen wir soeben erzählen. "Mich führt nach Neapel", – sagte der Alte von Fronteja, ruhig und mit fester stimme. – "Ich gehöre vor des Königs Gericht; dort werde ich mich zu rechtfertigen wissen."
Sichtbar erbebte der Schwarze; mit starren Blicken sah der Offizier dem Alten ins ruhige Auge. Staunen fesselte die Wache. Ausser sich stürzte Dianora herbei. "O! Mein Rinaldo!" – jammerte sie weinend, warf sich auf den Blutenden, bedeckte seinen Mund mit unzähligen Küssen und küsste zurück ins Leben seinen fliehenden Geist. – Er atmete.
"Er lebt!" – schrie sie. "Er lebt!" und schloss ihn fest in ihre arme.
Einer leicht zu erklärenden Bewegung des Schwarzen kam der Offizier zuvor. Er wandte sich winkend zur Wache, und blutend wurde Rinaldo Dianorens Armen entrissen. – Jammernd sank Dianora in Violantens arme.
Der Alte folgte dem Verwundeten und den Soldaten. – Rinaldo wurde verbunden. – Alle bestiegen eine Barke. – Zu entkommen versuchte auf dem Wege nach dem Hafen der Schwarze. Er wurde gefesselt. "Wir fuhren", – sagte der Offizier zu seinen Leuten, – "gute Beute und wichtige Geheimnisse nach Sizilien. Die Entwicklung sonderbarer Verbindungen umschliesst diese Barke. Glücklich bringe uns der Himmel übers Meer in den Hafen!"
Der Anker wurde gelichtet, gespannt die Segel; das Fahrzeug entfloh dem Hafen.
Geheimnisvolle Stille herrschte auf dem Schiffe; hell glänzten Mond und Sterne am blauen Himmel; sanft umspülten die dunklen Wellen die Barke, laut knarrten die bewegten Ruder durch die Stille der Nacht.
"Ein Schiff! Ein Schiff!" – lief der Ruf von mund zu mund.
Schnell getrieben vom frischen Südost eilte das Schiff herbei. Man rief die Barke an, sich zu ergeben. Die Besatzung griff zu den Waffen. – Geöffnet waren die Schiesslöcher des feindlichen schiffes; der silberne Mond blinkte von den grünen Flaggen.
"Tunesier!" – schrie der Offizier. – "Wir sind zu schwach! Wir sind verloren!"
Schon blitzte des Feindes Geschütz, der Donner rollte über die Wellen. Was half Widerstand? Die Barke wurde genommen. Cintio, Luigino und ihre Leute, in türkische Tracht gekleidet, sprangen über; die Soldaten und der Schwarze wurden niedergehauen. Nach Sizilien kam keiner zurück; wieder sah keiner das liebliche Vaterland.
Der Alte umarmte seine Freunde, sie ihn, und alle jauchzten:
"Das ist wohl gelungen!"
Vor Lampidosa gingen sie vor Anker. Hier wurde Rinaldo ausgesetzt und Onorios Pflege übergeben. – Das Schiff stach in die See. Ungefähr hundert Schritte von der Kapelle auf Lampidosa lagen drei kleine Einsiedeleien, die vor vielen Jahren von drei Eremiten, einem Christen, einem Griechen und einem Muhamedaner mit sonderbarer Einigkeit bewohnt worden waren. Sie starben und begruben einander neben ihren Klausen. Der Christ überlebte seine Freunde. Ihn fand ein türkischer Meerräuber auf seinem Lager entschlafen, las seine und seiner gefährten Geschichten, die er hinterlassen hatte, und liess ihn zur Ruhe bringen. Die Nachrichten blieben zurück, so wie die einfachen Hausgeräte, ein Inventarium der Klausen.
So fand es Onorio, als er nach Lampidosa kam. Hier wollte er sein Leben beschliessen, Gott und heiligen Betrachtungen geweiht. Er kannte den Alten von Fronteja, dieser kannte ihn, wie die Folge dieser geschichte lehren wird, und ihm übergab man den Verwundeten so lange, bis es nötig sein würde, ihn wieder abzuholen.
Schon war Rinaldo ganz ausser Lebensgefahr, als der fürchterliche Sturm das kleine Eiland erschütterte.
"O!" – seufzte er. – "Allentalben hin folgt der Zorn des himmels dem Verbrecher! Wo könnte er ihn nicht finden?!"
Sanft antwortete Onorio: "Allentalben. – Der Sturm ist schrecklich! Solange ich auch schon dieses einsame Eiland bewohne, hörte ich noch nie ein solches Ungewitter. Wehe denen, die dieses Wetter jetzt auf dem Meere trifft! – Es folgt allen, die jetzt die Wogen durchschneiden, so fromm und makellos sie auch immer sein mögen. Überall flammen die Blitze des strafenden himmels, der auch seine Sonne scheinen lässt über Böse und Gute. – Wer reinen Herzens ist und ein gutes Gewissen hat, sieht jedem Blitzstrahle ruhig entgegen."
Rinaldo sah gedankenvoll, seufzend, vor sich nieder. – Onorio sprach weiter: "In dieser Einsamkeit, wo wir allein sind." –
"'Der Mensch'" – fiel rasch Rinaldo ein, – "'ist nie allein. Und wär' alles um ihn herum schweigend und stumm. Sein Herz ist bei ihm.'"
Onorio blickte ihn schweigend an. Rinaldo fuhr fort: