die Villa zu, in welche er tages vorher den unbekannten Herrn und die Dame hatte gehen sehen.
Er fand die Tür des Gartens offen und ging hinein. – Aus einem Pavillon trat ihm der Unbekannte von gestern entgegen, den er und der ihn sogleich erkannte.
"Mein Prinz!" – rief ihm Rinaldo erschrocken entgegen.
"Unglücklicher! Du hier?" – sagte der Prinz und ging in den Pavillon zurück.
Rinaldo zitterte, aber er wagte es, ihm dahin zu folgen.
Der erkannte Unbekannte war der aus Rinaldos geschichte bekannte Malteser, der Prinz della Roccella.
Rinaldo warf sich vor ihm nieder, wollte sprechen, vernahm einen Ausruf des Schreckens und erblickte auf einem Sofa die schöne Aurelia. – Dieser Anblick übermannte ihn ganz. Er zitterte heftiger und vermochte nicht aufzustehen.
Der Prinz ergriff seine Hand, zog ihn auf und sagte:
"Bleibst du auf diesem Eiland, so ist dieser Augenblick der letzte unseres Aufentalts hier."
"Nein!" – seufzte Rinaldo. "Ich bleibe nicht hier. Morgen schon verlasse ich dieses Eiland, und Ihr sollt mich nicht wiedersehen. Gott sei gedankt, dass ich Euch noch am Leben sehe! Dieser Augenblick ist einer der schönsten meines unglücklichen Lebens."
"Bist du hier noch in Verbindung mit den Deinigen?" – fragte der Prinz.
"Nein!" – stammelte Rinaldo. "Ich bin nicht mehr in jener verabscheuungswürdigen Verbindung. Jene Banden der Verachtung, die mich umschlungen, sind zerrissen, und ich bin jetzt ein anderer Mensch."
Aurelia wankte vom Sofa auf und wollte den Pavillon verlassen, als der Gärtner beinahe atemlos herbeistürzte und meldete, die Villa und der Garten sei mit sizilianischen Soldaten umringt.
"Das gilt mir!" – rief Rinaldo mit gebrochener stimme aus.
"Unglücklicher!" – stammelte Aurelia und sank auf das Sofa zurück.
"Suche dich zu retten!" – sagte der Prinz.
"Es ist zu spät!" – seufzte Rinaldo. – "Ich habe Freundes Rat und Warnung verachtet. – Es ist zu spät!"
Ein starkes Geräusch näherte sich. Im Augenblick war der Pavillon von Soldaten besetzt und ein Offizier trat ein.
"Hier ist er!" – schrie eine stimme.
Rinaldo wandte sich gegen diese stimme, und sein Todfeind, der Schwarze, stand vor ihm.
"Habe ich Euch hintergangen?" fragte er den Offizier, zeigte auf Rinaldo und fuhr fort: "Dieser ist Rinaldini; nehmt ihn fest!"
Hohnlächelnd blickte der Schwarze auf ihn nieder, Rinaldo schlug zitternd die Augen zu Boden.
"Bist du Rinaldini?" – fragte der Offizier.
"Ich bin es", antwortete Rinaldo bebend und ohne Bewusstsein. Da entstand ein Gewühl vor dem Pavillon. Der Alte von Fronteja drängte sich herein.
"Rinaldo!" – sagte er, "Ich habe dir meine Freundschaft bis in den Tod versprochen. Ich halte Wort. Du bist nicht zu retten. Fahre wohl!"
Er sprach's, zog einen Dolch und bohrte denselben, ehe es zu hindern war, in Rinaldos Brust.
Rinaldo stürzte bei Aurelien am Sofa nieder. Er streckte seine Rechte nach dem Alten aus, liess sie sinken und seufzte schwach: "Ich danke dir!"
Aurelia sank ohnmächtig in ihres Vaters arme.
Der Alte wandte sich gegen den Schwarzen und sagte:
"Jetzt bist du verloren!"
Hierauf warf er einen blick auf Rinaldo und sprach:
"Dein Freund Onorio konnte seine unglücklichen Lehren nur mit deinem tod besiegeln. Du solltest ein Held werden und wurdest ein Räuber. Du wolltest die Bahn, auf der du wandeltest, nicht verlassen. Dein Freund aber, der dich mehr liebt als sich selbst, konnte dich nicht auf dem Rabensteine sehen."
Er trocknete Tränen aus den Augen, wandte sich hierauf rasch zu dem Offizier und sagte:
"Im Namen des Königs! Diesen schwarzen Verräter haltet fest. – Mich führt nach Neapel. Ich gehöre vor des Königs Gericht. Dort werde ich mich zu rechtfertigen wissen."
Fussnoten
1 Das Original ist Alt-Spanisch und steht in dem Canciouern de Romances. Anvers. 1568. p. 241 – Die Spanischen Romanzen sind unter der herrschaft der Spanier über Sizilien dahin gekommen und in die Landessprache übertragen worden.
Zehntes Buch
wunderbar gerettet und geborgen
Hat das Glück, zu neuer Not,
Den Verfolgten, den der Morgen
Jeden Tages neues Unglück droht.
Tobend heulte die entfesselte Schar der Winde, donnernd brachen sich die empörten Wellen am Felsengestade, flammende Blitze durchschnitten die finstre Wolkennacht: Himmel und Erde waren in Aufruhr.
Betend lag Onorio in der Kapelle; seufzend und stöhnend ruhte Rinaldo auf seinem Lager.
Unfern Malta liegt die kleine unbewohnte Insel Lampidosa, meerumgürtet, traurig und einsam, aber ihr sicherer Hafen gewährt den Schiffenden Aufentalt und Schutz, wenn wütende Stürme sie verfolgen. Mitten auf diesem Eilande steht eine kleine Kapelle, geweiht der heiligen Jungfrau. Kein Schiffer, sei er Christ oder Muhameds Verehrer, vergisst es, für gewährten Schutz in der Kapelle, als ein dankbares Opfer, Proviant oder Munition niederzulegen. Wer davon etwas zur Zeit der Not bedarf, legt Geld dafür hin, und jährlich kommen Galeeren von Malta, die dieses gemünzte Opfer nach Trapani in Sizilien zu unserer lieben Frau führen. Onorio betend vor dem Altar der Hochgebenedeiten. Rauschend entströmte der Regen den geborstenen Wolken; stärker rollte der Donner; es erbebte die