1799_Vulpius_102_103.txt

." "Die guten Leutchen sind also fremd hier?" "Ja. – Wollt Ihr etwas von dem Herrn oder von der Dame haben, dass Ihr Euch so genau nach ihnen erkundigt?"

"Ach nein! – Es fiel mir nur auf, Fremde zu sehen, die man hier zu sehen gar nicht gewohnt ist."

Er gab dem Mädchen Geld und ging davon, wieder nach seiner wohnung zurück.

Hier fand er Frau Marten mit einem Briefe von Dianoren. Sie billigte in demselben seine Vorsicht, glaubte aber, es sei ratsamer für sie, in der Villa zu bleiben, bis die Abfahrt der Barke bestimmt und gewiss sei.

Frau Marta war, mit einer Antwort an Dianoren abgefertigt, kaum davongegangen, als der Alte von Fronteja in Rinaldos Zimmer trat. – Verdriesslich fragte Rinaldo, was ihn hierherbringe?

DER ALTE Meine Freundschaft.

RINALDO Kann ich denn nirgends vor dir und deiner Zudringlichkeit sicher sein?

DER ALTE Nein! solange du noch lebst, nicht, weil ich, mehr als du das zu schätzen weisst, dein Freund bin.

RINALDO Wie hast du meinen Aufentalt wieder ausgekundschaftet?

DER ALTE Das kann dir gleichviel sein. – Genug, dass ich hier, und wenn du mir folgen, wenn du meinen Rat annehmen willst, zu deinem Glück hier bin. – Noch bist du zu retten. Ich bringe dich sicher nach Korsika.

RINALDO Doch?

DER ALTE Dieses spöttische Benehmen soll und kann mich nicht kränken, denn ich bin dein Freund. O Rinaldo! es wär' zu spät, wenn du das erst in den letzten Augenblicken deines Lebens empfinden solltest! – Jetzt, sage ich dir, bist du noch zu retten. Aber nur heute noch.

RINALDO Feind meiner Ruhe!

DER ALTE Gott weiss es, wie sehr ich dein Freund bin! – Ich bitte dich, folge mir! Noch bist du zu retten. Aberwie gesagtnur heute noch.

RINALDO Nur heute noch?

DER ALTE Wahrlich! bei dem ewigen Wesen, das über uns waltet! nur heute noch. – Staune mich nicht an! Ich spreche Wahrheit. Folge dem Rufe deines herzlichsten Freundes! Gehe mit mir, lieber Rinaldo! Rette dich und erspare mir die Tränen, die ich auf deinen Grabhügel zu weinen habe.

RINALDO Morgen, sagst du, entscheidet sich mein Schicksal?

DER ALTE Morgenund morgen auf immer. Der Morgen, der nach dieser Nacht dir lächelt, ist der letzte deines Lebens, wenn du hier bleibst, wenn du nicht mit mir gehst.

RINALDO Gib mir Beweise.

DER ALTE Wie kann ich das?

RINALDO Ich will dir glauben. Lass mich ein Wunder sehen!

DER ALTE Wie kann ich das?

RINALDO Gute Nacht!

DER ALTE Du glaubst mir nicht?

RINALDO (rasch) Nein, morgen schlägt die Stunde meines Untergangs noch nicht!

DER ALTE (feierlich) Sie schlägt. Sie schlägt morgen, bei dem allmächtigen Gott und meiner unsterblichen Seele.

RINALDO Du willst mich nach Korsika locken. Ich folge dir nicht. Ich trotze deinen Weissagungen. Ich bleibe hier.

DER ALTE (herzlich) Nun dann! Willst du die Hand, die ich dir biete, dich zu retten, nicht ergreifen, so soll dir doch wenigstens meine Freundschaft bleiben, so sollen meine Tränen deine Begleiter sein in das Land, aus welchem wir nie wiederkehren.

Er senkte sein Haupt, als er das sagte, blieb einige Augenblicke in dieser Stellung und ging dann auf die Tür zu, als diese mit Geräusch aufsprang. Das Licht im Zimmer verlosch und eine weisse, glänzende Gestalt schwebte herein.

Der Alte schrie:

"Heiliger Gott! Rosalie!" und stürzte aus dem Zimmer.

"Taschenspieler!" rief Rinaldo ihm nach, warf seine Augen auf die Gestalt und erblickte wirklich Rosaliens Gesicht. Er trat betroffen zurück. Sie öffnete ihre arme, schien etwas an ihre Brust zu drücken, winkte ihm und verschwand.

Rinaldo blieb in einer starken Betäubung zurück, sammelte sich aber bald wieder, und bitter lächelnd schrie er laut auf:

"Ein Taschenspieler, und nichts als ein Taschenspieler bist du! – Mich sollst du an dir selbst nicht irre machen, ich kenne dich!" Der erste Strahl des Tages fand Rinaldo wachend. Er hatte wenig geschlafen.

"Der Tag ist da!" – sprach er; – "der Tag, der allen künftigen Tagen meines Lebens ein Ziel setzen soll. Der letzte! – Schreckliches Wort! – Wer aber sagte dem alten Taschenspieler mit Gewissheit, dass dieser Tag, eben dieser Tag, mein Leben enden soll, und nur dann, wenn ich auf diesem Eiland bleibe?"

Er sprang auf, schrieb an Dianoren, schickte den Brief in die Villa und machte sich auf den Weg nach seinem Schlupfwinkel, den er an diesem Tage nicht verlassen wollte, die Prophezeiung des Alten unwahr zu machen.

Eben näherte er sich dem Felsen, als er am Gestade des Meeres, in der Entfernung, nach der Seite seiner Höhle zu, sizilianische Soldaten erblickte. Dieser Anblick schreckte ihn zurück und traf ihn heftig. Erschrocken verliess er den Pfad, der ihn nach seinem Schlupfwinkel fuhren sollte, und schlug den Weg rechts, nach einem Gebüsche zu, ein.

Dieses hatte er kaum erreicht, als er im Tale ein starkes Kommando Soldaten gewahr wurde, welches den Marsch auf seinen Aufentaltsort zu nahm. – Er verliess das Gebüsch und ging auf