Venedig. Auch hier blieb er nicht und ging unter die Truppen des Königs von Sardinien. Hier schien ihm das Glück zu lächeln. Ein General bemerkte ihn, zog ihn hervor, beförderte ihn bald zum Korporal, und endlich wurde er gar als Fähnrich mit nach Sardinien in Besatzung nach Cagliari geschickt. Hier bekam er Händel, fehlte gegen die Subordination und wurde kassiert. Das brachte ihn auf. Er rächte sich auf italienische Art durch den Dolch an seinem Chef und entfloh. Unstet und unsicher, seines Verbrechens öffentlich angeklagt, durchirrte er Italien und fand nirgends eine bleibende Stätte.
So kam er unter die Räuber, die er bald selbst beherrschte, zu ordentlichen Korps organisierte und als ihr Hauptmann mit unter ihnen lebte, wie wir ihn gefunden haben. In seiner neuen, jetzigen Lage wurden nun von ihm und Dianoren Pläne wegen ihrer künftigen Lebensart gemacht, und endlich wurde beschlossen, nach Spanien zu gehen, von da eine Reise auf die Kanarischen Inseln zu machen und dort in stiller Verborgenheit glücklich und ruhig zu leben. Violanta wollte ihnen folgen.
So weit war nun alles in Richtigkeit gebracht, und die schnellste Ausführung des Plans beschäftigte alle mit der grössten Tätigkeit. Aber alles war im Rate des Schicksals anders beschlossen.
Eines Morgens ging Rinaldo, wie gewöhnlich, ans Ufer, sah eben eine Fischerbarke in See zurückgehen, folgte ihr in Gedanken nach Sizilien und gedachte an seine dortigen Bekannten und an Serenen. In diese Gedanken verloren, warf er sich unter einen Baum. Aber er hatte nicht lange hier gelegen, als er hinter sich ein Geräusch vernahm. Er sah sich um und erblickte, in gewöhnlicher Landestracht, den Alten von Fronteja, der sich ihm näherte. Erschrocken sprang Rinaldo auf und wollte entfliehen, als ihm der Alte nachrief:
"Bleib! – Wohin du auch gehen magst, ich folge dir nach. – Hier sind wir allein."
RINALDO Was verlangst du von mir? Warum folgst du mir allentalten hin nach, wie das böse Gewissen einem Verbrecher? Mag ich doch nichts von dir wissen. Warum störst du mich in meiner Ruh und vergiftest durch deine Gegenwart die stillen Freuden meiner Einsamkeit? – Bist du mein böser Geist, so weiche von mir! Denn ich bin nicht mehr der, der ich war, und habe mit dir keine Gemeinschaft.
DER ALTE Ei! Du bist auf Pantaleria ein sehr gestrenger Herr geworden! – Glaubst du denn, einen deiner ehemaligen Rottgesellen vor dir zu haben?
RINALDO O! warum musst du, um mir die Freuden meines Lebens zu vergiften, auch bis hierher mir in das stille Ländchen der Ruhe nachfolgen?
DER ALTE Hast du mich schon sprechen lassen?
RINALDO Sprich.
DER ALTE Du bist verschwunden. In Sizilien weiss keiner deiner Freunde und Bekannten, wohin du gekommen bist. Nur ich weiss es. Und dass ich es wusste, davon ist dir mein Hiersein ein Beweis. – Die schwarze Rotte ist, hoffen wir, genug gedemütigt, und du bist von deinen Freunden an deinen Verfolgern gerächt worden. Das haben sie nicht ohne Aufopferungen für dich getan. – Jetzt ist alles zur Abfahrt nach Korsika bereit, und ein jeder fragt: Wo ist der Anführer unseres Zugs? Wo ist der tapfere Rinaldini, der uns an unserer Spitze zu fechten versprach? – Man sucht dich und findet dich nirgends. Man wird ungeduldig, setzt selbst mich über dein plötzliches Verschwinden zur Rede, und untersteht sich hie und da sogar Mutmassungen zu hegen, die für mich entehrend sind. – Ich wusste, wohin du gegangen warst, ich weiss, was du hier gefunden und wozu du dich entschlossen hast. – Du entsagst des Ruhmes und verlangst den Kranz nicht, der dir in Korsika grünt. Du bist nicht mehr der, der du warst, das weiss, das sehe ich. Deine Taten sind früh veraltet, dein Ruhm wird eher zu grab gehen als du, deinen Jahren nach, dahingehen könntest. Du hast dir einen eigenen Weg vorgezeichnet und hast deinen Freund verkannt. – Ich werfe dir nicht vor, was ich zuweilen für dich getan habe; ich rechne dir selbst das Leben nicht an, welches du mir zu verdanken hast. Denn ohne meinen Beistand wär' dein Körper schon längst dem Himmel näher als der Erde. Ich will dir deine Ruhe gönnen und mich freuen, dass du sie durch mich geniessest. Bist du ruhig, wirst du glücklich, so rechne ich auf deinen stillen Dank. Öffentlich verlange ich ihn nicht. Aber das kannst du auch nicht verlangen, dass ich um deinetwillen bei unsern Freunden verlieren soll.
RINALDO Verlieren? Um meinetwillen? – Was könntest du verlieren, du, der alles hat?
DER ALTE Noch habe ich nicht alles, was ich mir, um deinetwillen, zu haben wünschen muss.
RINALDO Das verstehe ich nicht.
DER ALTE Deine Freunde haben einen Argwohn auf mich geworfen, der entehrend ist. Viele glauben dich sogar nicht mehr am Leben. Ich hätte geschwiegen und dich deiner Ruhe in Pantaleria überlassen, aber ein grosser teil unserer Angeworbenen will sich schlechterdings nicht eher einschiffen lassen, als bis Nachricht und Gewissheit von deinem Leben da ist. Du musst meine Ehre retten, du musst dich diesen Zweiflern zeigen.
RINALDO Wie kannst du das von mir fordern?
DER ALTE Die Rettung meiner Ehre hängt davon ab.
RINALDO Ich kann deinen Wunsch nicht erfüllen. Ich gehe nicht von hier.
DER ALTE Ich muss dich nochmals daran erinnern,