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! – Rinaldini ist vogelfrei. Es steht ein Preis auf seinem kopf, der gar nicht zu verachten ist. – Unter uns gesagt: Ich schleiche schon seit acht Tagen dem Vogel zu Gefallen herum und möchte gern etwas verdienen. Käm' er mir nur in den Schuss, er sollte gewiss nicht wieder aufstehen.

STALLMEISTER Kennt Ihr ihn denn?

RINALDO Er ist ja genau genug beschrieben worden.

STALLMEISTER Im grund, – sagt man, – soll er selbst eigentlich gar kein Herz haben und weder Mut noch persönliche Tapferkeit besitzen. Seine Leute sollen alles für ihn tun.

RINALDO So? – Da sind seine Leute Narren!

STALLMEISTER Ihr meint also, er sei jetzt wirklich hier in der Nähe?

RINALDO Das weiss ich gewiss. Es sind unserer achtzehn, alle Jäger und gute Schützen, die wir ihm auf den Dienst lauern. Haben wir ihn, so teilen wir.

DIE DAME Was bekommt ihr denn, wenn ihr den Galgenstrick liefert?

RINALDO In Venedig, Genua, Lucca und Florenz wird Geld für seinen Kopf gezahlt. Zusammen wirds immer ein Sümmchen von 4 bis 5000 Zechinen ausmachen. – So etwas nimmt unsereiner mit. Die zeiten sind schlecht. – Aber freilich, Lebensgefahr ist dabei. Einige von uns können auch ins Gras beissen.

DIE DAME Man sollte Truppen gegen den Beutelschneider ausschicken.

RINALDO 's ist auch schon geschehen, Madamchen; aber es hat nichts fruchten wollen. Der Schlaukopf hat Schlupfwinkel, setzt sich auch wohl gar zur Wehr. Davon kann die Miliz von Lucca ein Liedchen singen. Dreihundert Mann wurden von 80 Mann, unter Rinaldinis Anführung, über Stock und Stein gejagt. Sie liessen noch dazu siebzig Tote auf dem platz und haben es nie wieder versuchen mögen, gegen die Räuber anzurücken.

DIE DAME Es ist erschrecklich, wie weit es so ein solcher Vagabund treiben kann!

RINALDO Jawohl! – Er soll sehr verwegen sein! und auch wohl oft ganz allein einen Streich ausführen, der zum Totlachen ist.

DIE DAME So etwas möchte ich einmal sehen.

RINALDO Gesetzt, Ihr steht hier ganz unbefangen. Neben Euch steht der Herr Stallmeister, und alle eure Leute sind um euer Gezelt herum versammeltSo setzt Rinaldini mit der Rechten dem Herrn Stallmeister die Pistolen auf die Brust, – indes sein Begleiter auf die Umstehenden anschlägt, – und sagt: Ich bitte mir Eure Ringe, Eure Uhr und 300 Stück Zechinen aus; ich bin Rinaldini!

Was er hier als ein Gleichnis sagte, tat er wirklich. Die Marchese schrie laut auf und der Stallmeister taumelte zurück.

STALLMEISTER Herr Förster, keinen Spass!

RINALDO Kein Spass, völliger Ernst, Herr Stallmeister!

STALLMEISTER Wie? – Ernst? –

DIE DAME Um Gottes Willen!

RINALDO Ihr wolltet einen Streich zum Totlachen von Rinaldini sehen. Ihr seht ihn jetzt.

DIE DAME Ihr seid wirklich

RINALDO Ich bin Rinaldini. Nun weiter keine Vorrede. Ich habe Euch Euren Wunsch gewährt, und Ihr gewährt mir den meinigen. Dieses ist der Wunsch nach dem Besitz Eurer Uhr, Eurer Ringe und der kleinen Summe von 300 Zechinen. – dafür gebe ich Euch eine Sicherheitskarte, und bis nach Florenz werden Euch, wenn Ihr dieselbe vorzeigt, meine Leute kein Haar krümmen.

Am ganzen leib zitternd, zog die Marchese ihre Ringe ab und gab ihm Uhr, Börse und die verlangten 300 Zechinen.

Mit einem: "Habt Ihr nun Rinaldini kennengelernt?" ging er davon, und keine Seele getraute sich, ihn zu verfolgen. Die Nacht brach herein, und seine Gesellen fanden sich an dem bestimmten Ort ein, ohne eine Kutsche gesehen zu haben. – Rinaldo wurde missmutig und legte sich, nach einer sehr frugalen Abendmahlzeit, unter einer Pappel nieder. Er bedeckte sich mit dem Mantel und schlief bald ein. Seine Gesellen machten Feuer, stellten Wachen aus und legten sich auch zur Ruh, nachdem ihnen Severo Rinaldos Schwank mit der Marchese erzählt hatte.

Gegen Morgen fuhren sie alle zugleich aus dem Schlafe auf, geweckt von wiederholten Schüssen. Sie griffen zum Gewehr und vernahmen das Geschrei ihrer Vorposten:

"Wir sind umringt!"

Sie zeigten auf die benachbarten Bergspitzen und in die Täler, und allentalben blinkten ihnen Gewehre entgegen.

RINALDO Auf, auf! wir müssen von unseren Leuten herbeiziehen, was wir nur können. Stosst in die Alarmhörner und ladet eure Gewehre doppelt!

Die Täler erklangen vom Schalle der Hörner und die Echos gaben den Ruf zurück. – Auf einmal ertönte ganz nahe der Schall eines Horns, und bald sahen sie Altaverde mit seinen Gesellen sich ihnen nähern.

"Kameraden! wir sind umgangen! Landmiliz und Truppen rücken gegen uns an. Unsere Kameraden Tonetto und Rispero sind der Miliz in die hände gefallen."

Bald darauf hörten sie in der Ferne Hörnerschall, der sich immer mehr näherte, und endlich sahen sie Alsetto mit seinem Corps, der durch das Tal herauf ihnen zuzog.

Jetzt waren sie 69 Mann stark. Alle schrien, wie aus einem mund:

"Hauptmann! lass uns angreifen."

Sogleich rief er ihnen zu, sich links zu schwenken, und zog ins Tal hinab.

Sie waren einige hundert Schritte weit marschiert, als sie ein Papier auf der Erde liegen sahen. Altaverde hob es auf und gab es Rinaldo. Dieser entfaltete das Papier und las:

"Im Namen der Regierung wird hierdurch einem jeden von Rinaldinis Bande Verzeihung und Freiheit angeboten, der freiwillig zu den Truppen übergeht und seinen Anführer verlässt. Wer Rinaldinis Kopf