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, die auf der blossen Harmonie des Seins und Zusammenseins beruht, für etwas Falsches und Verkehrtes zu halten!

Ist es nun noch unbegreiflich wenn ich mich ganz auf die andre Seite werfe? – Ich entsage dem zarten Genuss und stürze mich in den wilden Kampf des Lebens. Ich eile zu Eduard. Alles ist verabredet. Wir wollen nicht bloss zusammen leben, sondern im brüderlichen Bunde vereint wirken und handeln. Er ist rauh und herbe, seine Tugend ist mehr kräftig als empfindsam: aber er hat ein männliches grosses Herz, und in jedem bessern Zeitalter wäre er, das sage ich kühn, ein Held gewesen.

II.

Es ist wohl schön, dass wir endlich einmal wieder miteinander gesprochen haben; ich bin es auch zufrieden, dass Du durchaus nicht schreiben wolltest, und auf die armen unschuldigen Buchstaben schiltst, weil Du wirklich zum Sprechen mehr Genie hast. Aber ich habe doch noch eins und das andre auf dem Herzen, was ich nicht sagen konnte und was ich versuchen will, Dir brieflich anzudeuten.

Warum aber auf diesem Wege? – O mein Freund, wenn ich nur noch ein feineres gebildeteres Element der Mitteilung wüsste, um das was ich möchte, in zarter Hülle leise aus der Ferne zu sagen! Das Gespräch ist mir zu laut und zu nah und auch zu einzeln. Diese einzelnen Worte geben immer wieder nur eine Seite, ein Stück von dem Zusammenhange, von dem Ganzen, das ich in seiner vollen Harmonie andeuten möchte.

Und können Männer die zusammen leben wollen, zu zart gegen einander in ihrem Umgange sein? – Es ist nicht als ob ich befürchtete, etwas zu Heftiges zu sagen, und dass ich darum gewisse Personen und gewisse Gegenstände in unserm Gespräch vermied. Darüber, denke ich, ist ja wohl die Grenzscheidung zwischen uns auf immer vernichtet!

Was ich Dir noch sagen wollte, ist etwas ganz Allgemeines; und doch wähle ich lieber diesen Umweg. Ich weiss nicht ob es eine falsche oder eine wahre Delikatesse ist, aber es würde mir schwer fallen, viel von der Freundschaft mit Dir zu reden von Angesicht zu Angesicht.

Und doch sind's Gedanken über diese, die ich Dir sagen muss. Die Anwendungund auf die kommt es am meisten anwirst Du leicht selbst machen können.

Für mein Gefühl gibt's zwei Arten von Freundschaft.

Die erste ist ganz äusserlich. Unersättlich eilt sie von Tat zu Tat und nimmt jeden würdigen Mann auf in den grossen Bund vereinter Helden, schlingt den alten Knoten durch jede Tugend fester, und trachtet stets neue Brüder zu gewinnen; je mehr sie hat, je mehr begehrt sie.

Erinnre Dich an die Vorwelt und Du wirst diese Freundschaft, die den redlichen Krieg gegen alles Böse, wenn es auch in uns oder im Geliebten wäre, kämpft, überall finden, wo die edle Kraft in grossen massen wirkt und Welten bildet oder beherrscht.

Jetzt sind andre zeiten, aber das Ideal dieser Freundschaft wird in mir sein, so lange wie ich selbst sein werde.

Die andre Freundschaft ist ganz innerlich. Eine wunderbare Symmetrie des Eigentümlichsten, als wenn es vorher bestimmt wäre, dass man sich überall ergänzen sollte. Alle Gedanken und Gefühle werden gesellig durch die gegenseitige Anregung und Ausbildung des Heiligsten. Und diese reingeistige Liebe, diese schöne Mystik des Umgangs schwebt nicht bloss als fernes Ziel vor einem vielleicht vergeblichen Streben. Nein, sie ist nur vollendet zu finden. Auch hat da keine Täuschung statt, wie bei jener andern heroischen. Ob die Tugend eines Mannes Stich hält, muss die Tat lehren. Aber wer selbst in seinem inneren die Menschheit und die Welt fühlt und sieht, der wird nicht leicht allgemeinen Sinn und allgemeinen Geist da suchen können wo er nicht ist.

Zu dieser Freundschaft ist nur fähig, wer in sich ganz ruhig wurde und in Demut die Göttlichkeit des andern zu ehren weiss.

Haben die Götter einem Menschen eine solche Freundschaft geschenkt, so kann er weiter nichts, als sie mit sorge vor allem was äusserlich ist bewahren und das heilige Wesen schonen. Denn vergänglich ist die zarte Blüte.

sehnsucht und Ruhe

Leicht bekleidet standen Lucinde und Julius am Fenster im Pavillon, erfrischten sich an der kühlen Morgenluft und waren verloren im Anschaun der aufsteigenden Sonne, die von allen Vögeln mit munterem Gesang begrüsst ward.

Julius, fragte Lucinde, warum fühle ich in so heitrer Ruhe die tiefe sehnsucht? – Nur in der sehnsucht finden wir die Ruhe, antwortete Julius. Ja die Ruhe ist nur das, wenn unser Geist durch nichts gestört wird, sich zu sehnen und zu suchen, wo er nichts Höheres finden kann als die eigne sehnsucht.

Nur in der Ruhe der Nacht, sagte Lucinde, glüht und glänzt die sehnsucht und die Liebe hell und voll wie diese herrliche Sonne. – Und am Tage, erwiderte Julius, schimmert das Glück der Liebe blass, so wie der Mond nur sparsam leuchtet. – Oder es erscheint und schwindet plötzlich ins allgemeine Dunkel, fügte Lucinde an, wie jene Blitze, die uns das Gemach erhellten, da der Mond verhüllt war.

Nur in der Nacht singt Klagen, sprach Julius, die kleine Nachtigall und tiefe Seufzer. Nur in der Nacht eröffnet sich die Blume schüchtern und atmet frei den schönsten Duft, um Geist und Sinne in gleicher Wonne zu berauschen. Nur in der Nacht, Lucinde, strömet tiefe Liebesglut und kühne Rede göttlich von den Lippen, die im Geräusch der Tage ihr süsses Heiligtum mit