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bildet, und lass uns eintreten in den Reigen der Menschheit. Ich will mich anbauen auf der Erde, ich will für die Zukunft und für die Gegenwart säen und ernten, ich will alle Kräfte brauchen, so lange es Tag ist, und mich dann am Abend in den Armen der Mutter erquicken, die mir ewig Braut sein wird. Unser Sohn, der kleine ernstafte Schalk wird um uns spielen, und manchen Mutwillen gegen dich mit mir aussinnen. Du hast recht, das kleine Landgut müssen wir durchaus kaufen. Es ist gut, dass du gleich die Anstalten getroffen hast, ohne auf meine Entscheidung zu warten. Richte alles ein, wie es dir gefällt; nur nicht gar zu schön, wenn ich bitten darf, aber auch nicht zu nützlich und vor allen Dingen nicht zu weitläuftig.

Wenn du nur alles ganz nach deinem eignen Sinn machst, und dir nichts einreden lässt von Gewöhnlichem und Schicklichem, so wird es schon recht sein, wie es sein muss und wie ich's wünsche, und ich werde eine herrliche Freude haben über das schöne Eigentum. Was ich sonst brauchte, hatte ich gedankenlos und ohne Gefühl von Besitz. Leichtsinnig lebte ich über die Erde weg, und war nicht einheimisch auf ihr. Nun hat das Heiligtum der Ehe mir das Bürgerrecht im stand der natur gegeben. Ich schwebe nicht mehr im leeren Raum einer allgemeinen Begeisterung, ich gefalle mir in der freundlichen Beschränkung, ich sehe das Nützliche in einem neuen Lichte und finde alles wahrhaft nützlich, was irgend eine ewige Liebe mit ihrem gegenstand vermählt, kurz alles was zu einer echten Ehe dient. Die äusserlichen Dinge selbst flössen mir Hochachtung ein, wenn sie in ihrer Art tüchtig sind, und du wirst am Ende noch frohlockende Lobreden auf den Wert eines eignen Herdes und über die Würde der Häuslichkeit von mir hören.

Ich verstehe jetzt deine Vorliebe fürs Landleben, ich liebe sie an dir, und ich fühle wie du. Ich mag sie gar nicht mehr sehen, diese unbeholfnen Klumpen von allem was verderbt und krank ist in der Menschheit; und wenn ich sie im allgemeinen denken will, erscheinen sie mir wie wilde Tiere an der Kette, die nicht einmal frei wüten können. Auf dem land können die Menschen doch noch beisammen sein, ohne sich hässlich zu drängen. Da könnten, wenn alles wäre wie es sollte, schöne Wohnungen und liebliche Hütten wie frische Gewächse und Blumen den grünen Boden schmücken und einen würdigen Garten der Gotteit bilden.

Freilich werden wir auch auf dem land die Gemeinheit wieder finden, die noch überall herrscht. Es sollte eigentlich nur zwei Stände unter den Menschen geben, den bildenden und den gebildeten, den männlichen und den weiblichen, und statt aller künstlichen Gesellschaft eine grosse Ehe dieser beiden Stände, und allgemeine Brüderschaft aller einzelnen. Statt dessen sehen wir nur eine Unzahl von Rohheit, und als unbedeutende Ausnahme einige die durch Missbildung verkehrt sind! Aber in der freien Luft kann doch das einzelne, was schön und gut ist, nicht so erdrückt werden durch die schlechte Masse und durch den Schein ihrer Allmacht.

Weisst du, welche Zeit unsrer Liebe mir besonders schön glänzt? – Zwar ist mir alles schön und rein in der Erinnerung, und auch an die ersten Tage denke ich mit wehmütigem Entzücken. Aber das Werteste unter allem Werten sind mir doch die letzten Tage, die wir zusammen auf dem Gute lebten. – Ein neuer Grund, um wieder auf dem land zu wohnen!

Noch eins. Lass mir die Weinreben nicht zu sehr beschneiden. Ich schreibe dies nur, weil du sie gar zu wild und üppig fandest, und weil es dir einfallen möchte, das kleine Haus von allen Seiten durchaus sauber vor dir zu sehen. Auch der grüne Rasenplatz muss bleiben wie er ist. Darauf soll das Kleine sein Wesen treiben, kriechen, spielen und sich wälzen.

Nicht wahr, der Schmerz, den dir mein trauriger Brief erregt hat, ist völlig vergütet? Ich kann mich in allen diesen Herrlichkeiten und im Taumel der Hoffnung nicht länger mit sorge quälen. Mehr Schmerz als ich hast du nicht dabei empfunden. Aber was liegt daran, wenn du mich liebst, wirklich liebst, so recht im Innersten, ohne einen Hinterhalt von Fremdem. Welcher Schmerz wäre der Rede wert, wenn wir damit ein tieferes, heisseres Bewusstsein unsrer Liebe gewinnen? Auch du bist so gesinnt. Alles was ich dir da sage, wusstest du lange. Überhaupt ist kein Entzükken und keine Liebe in mir, die nicht schon in irgend einer Tiefe deines Wesens verborgen läge, du Unendliche und glückliche!

Missverständnisse sind auch gut, damit das Heiligste einmal zur Sprache kommt. Das Fremde, was dann und wann zwischen uns zu sein scheint, ist nicht in uns, in keinem von uns. Es ist nur zwischen uns und auf der Oberfläche, und ich hoffe bei dieser gelegenheit wirst du es ganz von dir und aus dir wegtreiben.

Und woher entstehen solche kleine Abstossungen als aus der gegenseitigen Unersättlichkeit im Lieben und Geliebtwerden? Ohne diese Unersättlichkeit gibt's keine Liebe. Wir leben und lieben bis zur Vernichtung. Und wenn die Liebe es ist, die uns erst zu wahren vollständigen Menschen macht, das Leben des Leben ist, so darf auch sie wohl die Widersprüche nicht scheuen, so wenig wie das Leben und die Menschheit; so wird auch ihr Frieden nur auf den Streit der Kräfte folgen.

Ich fühle mich glücklich, dass ich eine Frau liebe,