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er nicht müde zu hoffen und zu beobachten. Einst überraschte er sie, als sie es am wenigsten erwartete. Sie war schon lange allein gewesen und mochte sich ihrer Fantasie und einer unbestimmten sehnsucht mehr als gewöhnlich überlassen haben. Da er dies gewahr ward, wollte er den Augenblick, der vielleicht nie wieder käme, nicht verscherzen und geriet durch die plötzliche Hoffnung selbst in einen Taumel von Begeisterung. Ein Strom von Bitten, von Schmeicheleien und von Sophismen floss von seinen Lippen. Er bedeckte sie mit Liebkosungen und er geriet ausser sich vor Entzücken, da das liebenswürdige Köpfchen endlich an seine Brust sank, wie sich die zu volle Blume an ihrem Stengel senket. Ohne Zurückhaltung schmiegte sich die schlanke Gestalt um ihn, die seiednen Locken der goldnen Haare flossen über seine Hand, mit zärtlicher sehnsucht öffnete sich die Knospe des schönen Mundes, und aus den frommen dunkelblauen Augen strahlte und schmachtete ein ungewohntes Feuer. Sie setzte den kühnsten Liebkosungen nur noch schwachen Widerstand entgegen. Bald hörte auch dieser auf, sie liess plötzlich ihre arme sinken, und alles war ihm hingegeben, der zarte jungfräuliche Leib und die Früchte des jungen Busens. Aber in demselben Augenblick brach ein Strom von Tränen aus ihren Augen, und die bitterste Verzweiflung entstellte ihr Gesicht. Julius erschrak heftig; nicht sowohl über die Tränen, aber er kam nun mit einem Male zur vollen Besinnung. Er dachte an alles was vorhergegangen war, und was nun folgen würde; an das Opfer vor ihm und an das arme Schicksal der Menschen. Da überlief ihn ein kalter Schauder, ein leiser Seufzer stahl sich aus tiefer Brust über seine Lippen. Er verschmähte sich selbst von der Höhe seines eignen Gefühls, und vergass die Gegenwart und seine Absicht in Gedanken von allgemeiner Sympatie.

Der Augenblick war versäumt. Er suchte nur das gute Kind zu trösten und zu besänftigen, und eilte mit Abscheu von dem Orte hinweg, wo er den Blütenkranz der Unschuld mutwillig hatte zerreissen wollen. Er wusste wohl, dass mancher seiner Freunde, der noch weniger an weibliche Tugend glaubte wie er, sein Benehmen ungeschickt und lächerlich finden würde. Er war beinah selbst dieser Meinung, da er wieder mit Kälte zu überlegen anfing. Indessen hielt er seine Dummheit doch für ausgezeichnet und interessant. Er glaubte, es sei notwendig, dass edle Naturen in gemeinen Verhältnissen und in den Augen der Menge einfältig oder rasend erscheinen müssten. Da bei dem nächsten Wiedersehn, wie er schlau bemerkte oder sich einbildete, das Mädchen eher unzufrieden schien, dass es nicht ganz verführt sei, bestätigte er sich in seinem Misstrauen und geriet in eine grosse Erbitterung. Es wandelte ihn beinah eine Art von Verachtung an, zu der er doch so wenig berechtigt war. Er floh, zog sich wieder in die alte Einsamkeit zurück und verzehrte sich in seiner eignen sehnsucht.

So lebte er von neuem eine Zeit auf die alte Weise in einem Wechsel von Schwermut und Ausgelassenheit. Der einzige Freund, der Kraft und Ernst genug hatte, ihn trösten und beschäftigen zu können und auf dem Wege zum Verderben einzuhalten, war weit entfernt, und seine sehnsucht also auch von dieser Seite unbefriedigt. Heftig streckte er einst die arme nach ihm aus, als müsse er nun endlich da sein, und trostlos liess er sie wieder sinken, nachdem er lange vergeblich gewartet. Er vergoss keine Träne, aber sein Geist fiel in eine Agonie von hoffnungsloser Wehmut, aus der er sich nur zu neuen Torheiten ermannte.

Er freute sich laut, da er im Glanz der prachtvollen Morgensonne auf die Stadt zurücksah, die er schon als Kind geliebt und wo er nur noch eben so ganz lebte, und die er nun auf immer zu verlassen hoffte. Er atmete schon das frische Leben der neuen Heimat, die ihn in der Fremde erwarten sollte, und deren Bilder er schon mit Heftigkeit liebte.

Er fand bald einen andern reizenden Wohnort, wo ihn zwar nichts fesselte, aber doch vieles anzog. Alle seine Kräfte und Neigungen wurden rege durch die neuen Gegenstände; ohne Zweck und Mass in seinem inneren, nahm er teil an allem Äussern, was nur irgend merkwürdig war, und liess sich überall ein.

Da er auch in diesem Geräusch bald Leerheit und Überdruss empfand, so kehrte er oft zurück zu seinen einsamen Träumen und wiederholte das alte Gewebe seiner unbefriedigten Wünsche. Eine Träne entfiel ihm über sich selbst, da er einst im Spiegel sah, wie trübe und stechend das Feuer der unterdrückten Liebe aus seinem dunkeln Auge brannte und wie sich unter wilden schwarzen Locke leise Furchen in die kämpfende Stirn gruben, und wie die Wange so bleich war. Er seufzte über seine ungenutzte Jugend; sein Geist empörte sich und wählte unter den schönen Frauen seiner Bekanntschaft die, welche am freisten lebte und am meisten in der guten Gesellschaft glänzte. Er nahm sich vor, nach ihrer Liebe zu streben und er erlaubte seinem Herzen, sich ganz zu überfüllen mit diesem gegenstand. Was so wild und willkürlich begonnen wurde, konnte nicht gesund endigen, und die Dame, welche eben so eitel als schön war, musste es sonderbar und mehr als sonderbar finden, wie Julius sie mit der ernstaftesten Aufmerksamkeit förmlich zu umgeben und zu belagern anfing und dabei bald so dreist und zuversichtlich war wie ein alter Besitzer, bald so schüchtern und fremd wie ein völlig Unbekannter. Da er sich so seltsam zeigte, hätte er bei weitem reicher sein müssen, als er war, um solche Ansprüche haben zu dürfen. Sie hatte ein leichtes