es mir zwar schwer werden, Ihr Bild, das meine ganze Seele beherrschte, zu verbannen, aber mein Selbstgefühl, das mich nicht sinken liess, wird mich unterstützen und mir Mut geben, fest in meinem Entschluss zu sein. Hoffen Sie nicht, ihn jemals wankend zu machen, und leben Sie glücklich, ob Sie gleich die Ruhe meines heitern Gemüts vielleicht auf ewig unterbrachen. Ich will für Sie beten, dass Gott Ihre falschen Begriffe von Tugend reinigen, und Sie so glücklich machen möge, als man nur sein kann. M i c h sehen Sie niemals wieder."
Fünftes Kapitel
Als sie diesen Brief geschrieben hatte, trug sie ihn zum Vater, gestand ihm alles, weinte an seinem Halse, und empfing seine Vergebung und seinen Beifall. Nie liebte wohl ein Vater sein Kind inniger! Er glaubte nun, sie würde in Tränen zerfliessen, aber als die ersten vorüber waren, wurde der Schmerz, sich nicht allein in ihren süssesten Hoffnungen, sondern auch in dem charakter des Geliebten getäuscht zu sehen, still und ernst. Sie suchte der Melancholie zu entfliehn, aber sie folgte ihr, wie ihr Schatten. Man sah ihr Auge trocken, und nur wenn sie aus ihrer kammer kam, verriet eine kleine Röte, dass es sich in der Einsamkeit ergossen hatte. In ihren sonst so heitern Blicken wohnte jetzt jene rührende Freundlichkeit, die mit Tränen kämpft, und das feinere, durch stille Duldung umschleierte Gefühl karakterisirt, das schweigend seinen Kummer trägt, und ihn der Welt schonend verbergen möchte.
Um diese Zeit kam Ludwigs erster Brief an den Alten. Er atmete Herzlichkeit, sehnsucht und Liebe. Marie las ihn, und ihr Gesicht von Schwermut umwölkt, wurde ernster, als sie ihn zurückgab. Was denkst Du, Marie? fragte Müller. – Dass ich ihn nicht betrügen will, antwortete sie. Ludwig verdient ein freies, ganzes Herz, ein Herz noch nicht von Gram zerrissen, noch nicht von fremder Liebe erfüllt. – Wie, meine Tochter! Du könntest den Mann noch lieben, der Dich so tief herabwürdigen wollte? – Mit Unwillen, sogar mit Verachtung wende ich mich von seinem entehrenden Antrag hinweg, versetzte Marie, aber ihn selbst – ach mein Vater, ihn liebe ich noch immer mit aller Innigkeit, deren ich fähig bin. Die Welt hat seine Sitten verdorben, aber es ist nur ein vorübergehender Taumel, ein Schlaf seiner bessern überzeugung, aus dem er gewiss erwachen wird.
Vielleicht gelingt es einem edlen Mädchen seines Standes, ihn den rechten Weg liebevoll und sanft zu führen, von dem er abweichen wollte. Wenn er dann recht glücklich ist, fuhr sie fort, und senkte ihr tränenschweres Auge zur Erde, o dann will ich ihm gern verzeihen, dass er diese tiefe Wunde meinem Herzen schlug. Und Du willst Ludwigs Hoffnungen, die auch die meinigen sind, durch eine romanhafte Grille vernichten? sagte der Vater.
Ludwig würde mit mir nicht glücklich sein, erwiderte Marie. O erlaub' Er mir, guter Vater, einsam mein trübes Leben zu enden. Still und eingezogen will ich meinen Frühling dahin fliehn sehen, Sein Alter erheitern, und alle die Pflichten erfüllen, die Gott und mein Gewissen mir auflegen. Aber heiraten will ich nie! – Brauche ich einst, wenn ich so unglücklich sein sollte, Ihn zu verlieren, männlichen Rat und männliche hülfe, so wird sie mir Ludwigs Freundschaft nicht verweigern. – Sie umschloss den Vater mit heissen Tränen, sie bat, sie flehte so süss um ihre Freiheit, dass der gütige Alte ihr das feierliche Versprechen gab, sie niemals zu zwingen.
Wodmar war von Mariens entschlossener Antwort überrascht worden. Er hatte ihrem zartfühlenden Herzen die feinsten Empfindungen für Ehre und Tugend zugetraut, aber bei dieser glühenden Liebe für ihn zweifelte er an ihrer Beharrlichkeit. Ein blick, ein Kuss, ein Wort, dachte er, würde sie überreden: aber er hatte sich betrogen. Er kam täglich in ihr Haus, aber die alte Magd hatte den bestimmten Auftrag, ihn abzuweisen. Er schrieb mit alle der feurigen Beredsamkeit, mit der das Laster seine Wünsche verteidigt; – Marie sandte ihm seine Briefe unerbrochen zurück. Er wandte sich an eine ihrer Nachbarinnen, und sparte weder Geld noch Schmeichelei, um durch ihre Vermittelung Marien wenigstens zu sehen, und sie mit sich auszusöhnen; aber das edle, beleidigte Mädchen vermied jede ihrer Schwachheit gelegte Schlinge, und war immer dem Auge ihres Verführers unsichtbar.
Mit jeder neuen, vergeblichen Mühe machte der Unmut, sie umsonst angewendet zu haben, des Grafen brennende Begierde nach Mariens Anblick lauer. Es ist ein überspanntes geschöpf, sagte er missvergnügt zu sich selbst, das geheiratet, aber nicht geliebt sein wollte; eine Tugendheldin, wie man sie in Romanen findet, weiter nichts. – Aber Mariens Bild, mit der ganzen Harmonie ihrer Reize, das ihm die Erinnerung so oft zurück rief, stellte sich dann immer seinem Unwillen gegenüber, und besiegte ihn schneller, als er wünschte. Er fühlte eine Leere in seiner Brust, die ihm jede Freude verbitterte, und alle seine ehemalige gute Laune verdarb. Vergebens suchte ihn Georg durch neue Bekanntschaften zu erheitern, – vergebens ihn zu gewaltsamen Mitteln, sogar zu einer Entführung zu bewegen. Die stimme seines Edelmuts unterdrückte die stimme seiner glühenden Wünsche, und er sagte mit fester Entschlossenheit: Nein! wenn sie nur in ihrer eingebildeten Tugend das höchste, einzige Glück findet, dessen sie fähig ist, warum