1799_Ahlefeld_000_8.txt

, – mit bleichem Erstarren sank sie auf einen Stuhl, das Blatt flog auf die Erde, und ihr blick hob sich mit allem Schmerz vernichteter Hoffnung zum Himmel. Kann wahre L i e b e dies wollen? rief sie heftig, und verlor sich in die Qualen ihrer betrognen Erwartung.

"Noch fühl' ich die Glut Deiner Küsse, schrieb er, auf meiner brennenden Wange. Noch bin ich berauscht von dem süssen Nektar Deiner holden Umarmungen, und meine Liebe zu Dir ist bis zu der überzeugung gestiegen, dass ich ohne Dich nicht leben kann. Marie! holder, liebevoller Engel! ich muss, ich will Dich besitzen!

"Mein Verhängniss bestimmte mich für Glanz und Geräusch, ich m u ss der Konvenienz folgen. Meinem Herzen aber gnügt nicht der laute Schall betäubender Freuden, nur Deine Liebe und Dein stiller Besitz können es befriedigen. Opfre mir die Vorurteile, die man Tugend nennt; entschliesse Dich, ganz für mich zu leben, so wie auch ich, selbst als der Gemahl einer andern, nur für Dich und Dein Glück die ganze Fülle meines Daseins anwenden will. Was ist jene Tugend, der wir in scheuer Demut huldigen, weil man die Unwissenheit unsrer früheren Jugend benutzte, uns eine unverdiente Ehrfurcht für sie einzuprägen? – Wie ein Gespenst der Mitternacht tritt sie zwischen uns und das winkende Vergnügen, und vergiftet die Schale des seligsten Genusses, ehe sie noch die durstende Lippe berührt. Nein, die wahre Tugend, Marie, ist jene gefälligkeit, die Glück und Freude verbreitet, jene Treue, jene Liebe, die einem Einzigen alles aufopfert was ihr heilig war, jenes Hingeben, nicht aus Pflicht, sondern aus Zärtlichkeit. Man h e i r a t h e t , wie die konventionellen Verhältnisse, von denen man abhängt, es wollen: – Stolz und Eigennutz knüpfen das Band der Ehe in der grossen Welt. Man l i e b t , um seinem Herzen genug zu tun, um im Stillen Ersatz für die Aufopferungen zu finden, die man gezwungen ist, dem unumstösslichen Schicksal zu bringen. Die Verborgenheit ist der schöne, zauberische Schleier, der die Liebe umweht und verschönert, wie das Rosengewölk des Morgens die aufgehende Sonne. Die Freiheit belebt ihre Wangen mit himmlischem Lächeln, und setzt ihr den Kranz auf, den Zwang und Pflicht nur mürrisch zerpflücken. Ich bete die Liebe an, aber ich hasse die Ehe, die ihr Grab ist. Nie wird das Weib, das einst meinen Namen führt, zu gleicher Zeit mein Herz besitzen. Es wird ewig für Dich allein und mit festerer Treue schlagen, als wenn die nichtige Ceremonie vor dem Altar sie Dir verpflichtete.

"Lass mich aufrichtig mit Dir reden, Mädchen meines Herzens! Ich kann Dich nicht heiraten. Dein Stand, über den Dich zwar Deine Seele, aber leider nicht das Vorurteil erhebt, und tausenderlei Rücksichten trennen mich von Dir für die Welt; aber im Stillen will ich Dein sein. Entschliesse Dich, mir die Bedenklichkeiten aufzuopfern, die Deine schüchterne Unschuld vielleicht meinen Wünschen entgegenstemmt. Einsam liegt in einer ruhigen, vom Geräusch abgesonderten Gegend eins meiner Güter, welches Dein sein soll. Fern von Neid und Schmähsucht, die unsre Freuden tadeln würden, will ich, wenn ich mich heraus stehlen kann aus dem abgeschmackten Lärm meines lästigen Lebens, an Deinem Busen mein Paradies, in Deinen Armen meinen Himmel finden, und kurze, Augenblicke, die mir bei Dir entfliehen, werden mich für ganze Monate des Zwangs und der Langenweile entschädigen.

"Dein Vater kann Dich begleiten, oder wenn er nicht einwilligt, so bringe der Liebe auch dies Opfer, und fliehe mit mir, mit Deinem Karl, dem Dein Vertrauen heilig ist, der Dir schwört, es mit der treuesten Zärtlichkeit zu vergelten. Rede mit Deinem Vater, Marie! und verlass Dich auf das feierliche Versprechen, das ich Dir gebe, Dich glücklich zu machen, so wahr ich Dich liebe. Mit sehnsucht erwarte ich eine Zeile von Deiner Hand, die mein Glück bestätigt."

Als Marie noch einmal diesen Brief gelesen hatte, der ihr Herz und ihren Stolz zerriss, war ihr Entschluss gefasst. Sie war der Feder ungewohnt, und hatte deshalb Ludwig ihren Briefwechsel abgeschlagen, aber ihr gemisshandeltes Gefühl half ihr jede Schwierigkeit überwinden, und sie antwortete:

"Herr Graf! der entehrende Antrag, den Sie mir tun, heilt mich schnell von der hohen Meinung, die ich von Ihnen hatte. Ich habe Sie sehr geliebt, und schäme mich nicht, es Ihnen zum letzten Mal zu bekennen. Aber die Grundsätze, die mir mein Vater früh einflösste, sind stärker, als meine leidenschaft, und werden mir Kraft geben, Ihren Verlust zu ertragen. Ich hatte, als ich Sie kennen lernte, ein leichtes, frohes Herz, und einen unbefleckten Ruf. Wenn auch das erste dahin ist, so will ich mir doch die Reinheit meines Bewusstseins, und die gute Meinung der Welt erhalten, gegen die ich nicht gleichgültig bin. Wären Sie ein Mann meines Standes, – auf den Knieen hätte ich mir Sie, n u r S i e vom Himmel erbeten. Aber der Unterschied, den das Glück zwischen uns gemacht hat, an den Sie mich so grausam erinnern, erlaubt mir keinen andern Gedanken, als den: dass Sie nicht für mich geboren waren. Lassen Sie uns einander niemals wieder sehen! – In dem engen Kreis meines häuslichen Lebens eingeschränkt, wird