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, und schien ihm sein verhältnis zu Marien nicht zu stören. Josephine bekam seine Hand, Marie hatte sein Herz; – Josephine führte seinen Namen, – Marien beglückte seine Liebe. Oeffentlich wollte er der Gemahl der einen, und in der Stille, gesichert durch die süsseste Verborgenheit, der Geliebte der andern sein: – ein Plan, dem nichts im Wege stand, als Mariens Tugend.

Viertes Kapitel

Der Abend dämmerte heran, – mit lautem Herzensschlag begrüsste Marie die sinkende Dunkelheit. bleibe doch noch, mein Kind! sagte der Vater, als sie nach dem Abendessen ihm gute Nacht wünschte. Mir ist nicht wohl und ich bin müde, lieber Vater, antwortete sie und wurde rot. Es war ihre erste Lüge: – die erste Liebe ist gemeiniglich mit der ersten Lüge verbunden.

Als sie die Treppe zum Garten herab ging, zitterte sie in süsser Erwartung. Sie hielt sich an das Geländer, das der blühende Jelängerjelieber umduftete, und gab sich wonnevollen Ahnungen hin, in die ein leiser Schmerz sich mischte. Da trat die blinkende Scheibe des Mondes hinter den Bergen hervor, und erhellte mit magischem Zauber die dämmernde Gegend. O Marie! es war nicht allein die Nähe des Wiedersehns, die mit einem ängstlichen Schauer Deine Seele erfüllte, als Du bebend da standst, bestrahlt von seinem Golde; es war Dein Schutzgeist, der dich warnte. Ach, an die selige Stunde, der Du entgegen sahst, knüpfte sich das Glück Deines einsamen Lebens, und floh mit ihr auf leichtem Fittig vorüber. Noch wäre es Zeit gewesen, eine leidenschaft zu ersticken, die Dich so unglücklich machte; aber umsonst! Der Wurf war gefallen, im buch des Schicksals stand Dein Elend, und eine unwiderstehliche Allmacht riss Dich hin ins Verderben.

Sie schloss die Tür auf, und sah die lange, einsame Strasse hinab. Alles war leer und öde, nur in den dunkeln büsche ihres Gartens klagte eine liebeflötende Nachtigall; endlich schwebte eine weisse Gestalt heraufer war's, er flog in die Tür, warf den Mantel ab, und lag in den Armen des harrenden Mädchens, die ihn mit schweigender Inbrunst, mit stummen Entzücken empfing.

Ihr Glück und ihre Seligkeit war unbeschreiblich. Umschlossen von des Geliebten Armen, alle ihre Sorgen und Schmerzen eingewiegt durch die Schwüre ewiger Liebe, durch die Beteuerungen unwandelbarer Treue, sah sie den Himmel offen, den L i e b e nur auf Erden gewährt. Die Hälfte der Nacht war vorüber. Die feierliche Stille um sie her, nur dann und wann von Philomelens zärtlicher Klage süss unterbrochen, Mariens Nähe, ihre Schönheit, die der Mondschein bis zur Verklärung erhob, ihre glühende Liebe, ihre Unschuld, – alles dies bestürmte des Grafen pochendes Herz, von wilden Wünschen, von brennenden Begierden durchschauert. Er drückte sie heftiger an sich, Marie ahnete nichts. Sorglos überliess sie sich seinen Liebkosungen, und erwiderte sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit. Diese Stunde hatte ihr Herz auf ewig an das seine geknüpft.

Marie! rief Wodmar mit allem Zauber seiner schmelzenden stimme, liebste, teuerste Marie! Du wirst mein, und nur der Tod soll mich von Dir trennen. Marie, freudig überrascht, in ihren Hoffnungen und Wünschen, die bis jetzt schwiegen, übertroffen, schmiegte sich unter süssen Tränen fester an des Geliebten stürmende Brust. Karl, stammelte sie leise, im Uebermass der Liebe und Wonne, ich D e i n , D e i n auf ewig! und ihre süssen Umarmungen umstrickten ihn enger.

Wodmar kam zu sich, und errötete. So verdachtlos traut sie Deinem Worte, sagt' er zu sich selbst, und du wolltest sie betrügen? – Ein edler Unwille flammte in seinen Augen. Ein blick auf Marien rief schnell die unheiligen Bilder zurück, mit denen seine entweihte, gereizte Fantasie ihn umgab, aber er erstickte sie, indem er reinern Gedanken Raum in seiner Seele gab. Nein, ich will ihr Zutrauen nicht missbrauchen, war endlich das Resultat seines Kampfes mit sich selbst, ich will nicht das schöne, frohe Auge zu bittern Tränen verdammen. Sie soll m e i n werden, aber freiwillig, durch einen Bund, den, wenn auch kein Priester seinen Segen darüber sprach, dennoch unsre Seelen ehren werden, – nicht jetzt durch die Gewalt, die mir ihre unbefangne Unschuld, ihr wallendes Gefühl über sie gibt. Lebe wohl, Marie! rief er, indem er aufsprang, um seinem Entschluss treu zu bleiben, lebe wohl, ich muss fort!

Schon fort? seufzte Marie, und er unterbrach ihre Klage mit dem süssen Versprechen, ihr morgen zu schreiben. Der Gedanke ergriff sie mit Feuer, auch in der Abwesenheit v o n i h m , und d u r c h i h n zu hören. Lebe wohl, rief sie ihm nach, lebe wohl, flüsterte sie noch in die Winde, als er schon fort war, und eilte auf ihr Lager, um von ihm zu träumen.

Am andern Morgen begrüsste ein Brief von Wodmar sie bei ihrem Erwachen. Mit Entzücken betrachtete Marie die Züge der geliebten Hand, mit stillen Seufzern sein grosses, gräfliches Wappen. Ihr Siegel war ein bescheidner Vergissmeinnichtkranz mit ihrem Namen; das seinige bekrönt, und mit allem Prunk seines Standes geschmückt. Es erinnerte sie an den Unterschied zwischen ihnen, den sie so gern vergass, und verminderte die Freude, mit der sie es erbrach. Aber als sie ihn gelesen hatte