aus der menschlichen Seele, so oft es sich auch einschlummern lässt, und wenn auch der Strom der lauten Freuden den Bösewicht in dumpfer Betäubung mit sich fortreisst, so kommt doch endlich eine stille Stunde, der er nicht ausweichen kann, die ihm den Spiegel vors Gesicht hält, aus dem ihm zu seinem Schrecken alle seine Vergehungen in ungefärbter Hässlichkeit entgegen strahlen. Dann möchte' er gern den inneren Stichen entgehn, die ihn peinigen, und sucht den kleinsten Flekken in dem Charakter auf, den er beleidigte, um sein Verfahren zu rechtfertigen. Wodmar hatte zwar anfangs mit einem unangenehmen Gefühl Josephinens erste Kälte und den Stolz bemerkt, mit dem sie ihm begegnet war; – aber da er sie nicht liebte, so war ihm nach und nach die Kluft lieb geworden, die die Verschiedenheit ihrer denkart zwischen sie warf, da sie ihm wenigstens in seinen eignen Augen eine wichtige Entschuldigung seines Verfahrens gegen Marien schien. Er schätzte Josephinen, wie es ihre reine Tugend verdiente und er bereute es, ihrem weichen Herzen durch seine rauhe Begegnung weh getan zu haben, – aber er wagte es nicht, sie zu sehen, und die Ungewissheit, die ihn wegen Mariens Schicksal folterte, erlaubte ihm auch bis jetzt nur als Nebensache den Gedanken an sie.
Als er Mariens Brief erhielt, und ihre Hand auf der Aufschrift erkannte, ergriff ihn ein ahndungsvolles Beben. Er legte ihn unerbrochen vor sich hin, um einige Minuten sich den süssen Vermutungen und Hoffnungen zu überlassen, die ihn umgaukelten. Er glaubte sie versöhnt, aber nicht erst an der Pforte der Ewigkeit, sondern noch in d i e s e m unvollkommnen Leben, das er ihr so sehr getrübt hatte. Aber als er das Blatt entfaltete, dessen wankende Schreibart ihm bewies, dass sie ihm ihre letzten Kräfte geopfert hatte, als er es las und in dumpfer Bestürzung wieder las, überfiel ihn die grässliche Verzweiflung. Marie tot, und seine Anklägerin vor Gottes Richterstuhl! diese Gedanken vermochte er nicht zu trennen, so sehr auch Mariens sanfte Vergebung den letzteren widerlegte. Sein Körper wurde so krank, wie seine Seele. Zwar rettete ihn seine Jugend und die geschickte Behandlung des Arztes von dem tod, den er wünschte und fürchtete, aber eine schwarze Melancholie blieb immer in seiner Seele zurück, und nur als er umständliche Nachricht von Mariens letzten Stunden und ihrem Ende eingezogen hatte, ging sie in eine weichere Art von Schmerz, in die tiefste Wehmut über. O Marie! sagte einst sein ganzes Wesen, womit kann ich Dir ein schöneres Monument bauen, als durch gute Taten und die Erfüllung meiner Pflichten! Womit kann ich Deinen schlummernden Staub besser ehren, als durch das Bestreben, Deiner wert zu sein! – Die traurende Josephine trat in diesem Augenblick vor seinen lebhaften Geist, und in ihrem schönen Auge hingen noch die Tränen, die er ihrem Herzen entpresst hatte, und sie zu trocknen schien ihm sein schönster Beruf. Er machte Anstalt zur Abreise. – – Josephine lebte eingezogen und still in Wodmarshausen und widmete alle ihre Zeit dem geliebten kind, das die einzige ihr noch übrig gebliebne Quelle ihrer Freuden war. Sein Name und seine Sanftmut rief den ersten Geliebten, und seine sich immer mehr entwickelnden Züge den zweiten in ihr trauriges Andenken zurück, und liess den Gedanken nie verlöschen, dass sie Beide verloren. Ach, von dem ersten hatten sie die Vorurteile ihres Standes geschieden, und von dem andern trennte sie auf ewig die überzeugung seines Unwerts.
Der Graf kam an. Josephine empfing ihn mit ernster Würde. Ich habe Sie beleidigt, teure Josephine! sagte er, aber die unglückliche ursache, die uns trennte, ist nicht mehr. Sie starb, indem sie mir vergab! Wollen Sie dem Beispiel ihrer Versöhnung folgen? – – Er reichte ihr hier Mariens Brief und schwieg. – Josephine nahm ihn kalt und gleichgültig, aber sein Inhalt machte ihr Herz weich, und sanft wurde ihr stolzes Auge von Tränen überzogen, die sie der Unglücklichen nicht verweigern konnte. Rasch wandte sie sich zu ihrem Gemahl, mit festem Entschluss und festem Blicke, obgleich einer gerührten stimme. Dieser Brief, sagte sie, indem sie ihn zurück gab, sei unser Scheidebrief. Ich verlange nichts von Ihnen zur Entschädigung meines Kummers, als den Besitz meines Kindes, und die sorge für seine Erziehung, damit sein Herz rein bleibt von der Falschheit seines Vaters. Mit diesen Worten verliess sie ihn, ihre Wange von edlem Unwillen entflammt, und nie sah sie ihn wieder. Sie erfüllte ihre Mutterpflichten mit der grössten Gewissenhaftigkeit, und ihr Sohn lohnte ihre Mühe durch den liebenswürdigsten Charakter, der sich unter ihrem Beispiel bildete und befestigte. In ihm fand sie den Ersatz aller ihrer Leiden. – Wodmar zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen, sie zu versöhnen, nach Nesselfeld zurück, wo er das Andenken seiner Marie beweinte. Er suchte sich oft durch Reisen zu zerstreuen, aber die Ruhe, die er zuweilen genoss, war nur Fühllosigkeit, und wich schnell neuen Qualen, die ihm Vergangenheit und Zukunft gab und verhiess. Er suchte durch Wohltätigkeit feinen Gram zu zerstreuen, aber er blieb fest in seiner Seele und wich nur spät dem tod, der alle Wunden heilt.
Und August? – hatte seine erste, unglückliche Liebe nicht vergessen, sondern sie langsam in eine sanfte, aber feste Freundschaft umgestimmt, die er ewig für Josephinen beibehielt. Jahre waren nötig, die Flamme der leidenschaft in ihm zu dampfen, aber als es