zudrücken, und der Mann wäre immer noch glücklich zu schätzen, der Sie bekäme. Bedenke Sie auch, dass Sie dem Förster für manches Herzeleid Entschädigung schuldig ist, das Sie ihm zugefügt hat, und dass es im Alter wohl tut, wenn alle Bekannten um uns her sterben und uns vorangehn, einen treuen Freund, der bei uns aushält, und liebe Kinder zu haben, die uns die Augen zudrücken.
Liese würde ihr noch mehr Gründe vorgelegt haben, wenn nicht ein Morgenbesuch des Försters ihre Rede unterbrochen hätte. Sie hielt sich nun für überflüssig, lächelte fromm und bedeutend auf Marien und entfernte sich mit der Zuversicht, dass e r mehr auf sie wirken werde, als s i e . Ludwig erschrak, als die erste Röte der Ueberraschung vorüber war, die sein Kommen auf ihre Wangen trieb, über die kranke, leidende Gestalt, die ihm weniger bleich und zusammen gebrochen im Rosenlichte des gestrigen Abends vorgekommen war, – über das lebensmüde Auge, mit dem sie ihn ansah, und über die blassen Lippen, mit denen sie sich bemühte, zu lächeln. Marie, meine geliebte Marie! Du bist sehr krank! rief er aus, heftig bewegt von ihrem Anblick, der ihn einst in der vollen, frischen Blüte der Gesundheit so sehr entzückt hatte. –
Ich bin es, Ludwig! versetzte Marie sanft, aber in meinem Herzen wohnt meine Krankheit. – Wie ein Leichenstein liegt der Kummer auf meiner Brust und seine Schwere wird sie erdrücken. Aber ruhig, glücklich wird sie nicht eher sein, bis sie der wirkliche Leichenstein auseinander presst!
Ludwig konnte seine Augen nicht mehr beherrschen. O Marie, rief er, könnte denn meine innige Liebe den Gram nicht vermindern, der Dich darnieder beugt? Könntest Du wirklich dem mann, den Dein guter Vater einst wert hielt, Dich zu besitzen, die süsse sorge für Dein Glück verweigern? – Ich will ja Deine Liebe nicht, denn ich weiss, dass sie noch immer dem Verräter gehört, so gern Du Dir Deine Gefühle auch selbst verbergen möchtest. Ich will nur Deine Freundschaft, nur das Recht, Dir so viel Freuden zu geben, als ich kann!
Marie sank erbleichend, fast ohnmächtig in seine arme. Nein, Ludwig! sagte sie rasch, ich lieb' ihn nicht mehr, weil ich ihn tief verachte! Aber was willst Du mit mir, Du, der Du das beste, glücklichste Mädchen verdienst? – Nein, lass mich einsam weinen, weinen, dass ich das beglückende Gefühl meiner inneren Ruhe verloren habe, und dann sterben!
So stirb an meinem Herzen! sagte Ludwig, und diese feierliche Minute schloss den Bund der Freundschaft und der Liebe. Marie versprach ihm die Seinige zu sein.
Als es allmählich ruhiger in ihnen wurde, erzählte ihr Ludwig seine Schicksale seit ihrer Trennung. Mit den süssesten Hoffnungen, die ihn zu einer lachenden Zukunft berechtigten, war er mit seinem Prinzen ausgereiset, aber bald wiegte die immer zunehmende Entfernung seine Seele in eine düstre Schwermut, die seinem Herrn nicht entging. Er gestand ihm seine Liebe, seine sehnsucht nach der Geliebten, und seinen Wunsch, sie auf immer zu besitzen. Der Prinz hörte ihm teilnehmend zu, sagte aber nichts darauf. ungefähr zehn Monate nach ihrer Abreise rief ihn der Prinz zu sich. Geh' und sei glücklich! sprach er mit nassen Augen, indem er ihm seine Bestallung als Forster auf dem Waldenberg gab, um die er sich heimlich für ihn bemüht hatte. Und wenn Du recht froh mit Deinem jungen weib lebst, so denke auch an mich und bedaure mich, den Schicksal und Konvenienz auf ewig von dem Ziel seiner Wünsche scheiden. – Der Prinz liebte ein Mädchen unter seinem stand. – Sie zu vergessen und ihre gefährliche Nähe zu fliehen, tat er diese Reise. Ludwig konnte nie ohne die tiefste achtung und Rührung von der Würde sprechen, mit der er seine hoffnungslosen Leiden trug. –
Auf den Flügeln der sehnsucht eilte er nun zurück, in der Hoffnung, seine Marie werde in froher Verwunderung sein Glück mit ihm teilen. Aber ihr Haus war leer, ihr Vater begraben, sie selbst verschwunden; – nur an ihrer Stelle fand er den Brief, der ihm fürchterlichen Aufschluss über alles gab, was ihm rätselhaft schien. – Er schwieg von dem heftigen Schmerz, den er empfand, da er sah, dass Marien seine Erzählung peinigte, die sie gleichwohl selbst von ihm gefordert hatte.
Er verliess die Stadt, die ihm nun unerträglich war, teilte die Summe Geld, die sie ihm beschieden hatte, unter ein paar arme Verwandten ans, und bezog mit finsterm, menschenfeindlichem Gram seinen Waldenberg. Eh' er sich noch auf immer der Einsamkeit überliess, die ihn erwartete, bemühte er sich um Nachrichten von dem Grafen von Wodmar. Man sagte ihm, dass er im vorigen Herbst sich mit einer jungen, schönen und reichen Gräfin vermählt habe, die einsam auf dem land lebte, da das Geräusch der Welt keinen Reiz für sie habe. Da stand ihm das ganze Bubenstück seines Nebenbuhlers vor den Augen. Er kannte Mariens strenge Grundsätze und ihre feste Tugend. Nur durch eine Scheinheurat war es möglich gewesen, zu ihrem Besitz zu gelangen. Bald loderte das Feuer seines Zorns zu dem Vorsatz auf, dem Betrüger die Maske zu entreissen; – bald aber, wenn er ihren Brief von neuem überlas, sagte er zu sich selbst: Warum soll ich die goldne Täuschung vernichten