Tröste Sie Sich mit Ihrem guten Gewissen, das Ihr das zeugnis gibt, nicht wissentlich gefehlt zu haben, und führe Sie ferner einen frommen, christlichen Wandel, so wird sich Ihr Gemüt auch nach und nach beruhigen. Aber so muss es nicht bleiben, Mariechen! – Sie kann und muss noch eine brave Hausfrau werden und ein glückliches Leben führen. Oft ist der Morgen trübe, aber am Mittag scheint doch die liebe Sonne und zerteilt die Regenwolken, die sich am Himmel gesammelt hatten, und auf einen stürmischen Tag folgt oft ein helles Abendrot. Fasse Sie Mut und vertraue Sie auf Gott, es wird sich gewiss ein rechtschaffner, braver Mann finden, wenn er auch kein Graf ist, der Ihr Ihr voriges Herzeleid vergessen und Sie zu einer glücklichen Frau macht.
Ach, gute Liese! seufzte Marie unter neuen Tränen, s e i n Andenken wird mir ein ewiges Gegengift wider fein ganzes Geschlecht sein.
Ei nun freilich, versetzte Liese, ich rede nicht von heute und morgen. Aber es hat alles seine Zeit in der Welt, warum denn nicht auch Ihr Kummer? Lasse Sie ihn nur austoben, es wird schon wieder still in Ihrem Sinne werden, und hernach denke Sie dran, dass Sie nicht bloss deswegen da ist, um über vergangenes Unglück zu klagen, sondern auch um sich drüber zu trösten, und nicht über den Kanarienvogel, den man einmal auf dem dach sah, den Sperling zu verachten, den man mit der Hand ergreifen kann. Ich müsste mich recht irren, wenn sich nicht der Mann, den ich für Sie im kopf habe, recht für Sie schickte. Es ist der neue Förster oben auf dem Waldenberg, ein junger, stiller, ordentlicher Mensch, der sich in der kurzen Zeit, da er hier ist, schon bei Alt und Jung durch seinen guten Wandel beliebt gemacht hat. Es käme auf eine Bekanntschaft an, und dafür will ich schon sorgen, wenn ich glaube, dass es die rechte Zeit ist; er ist schon ein paar mal hier eingesprochen, denn Konrad hat Fuhren für ihn tun müssen. Da hat er sich mit den Kindern abgegeben, als ob sie sein eigen wären, besonders gewann er die kleine Marie lieb und schenkte ihr etliche Silberkreuzer. Dabei sah er sie immer an und seufzte dazu, als ob er dächte: Wer doch auch so muntre, gesunde Kinder hätte! –
In Mariens Herzen fanden die gutgemeinten Absichten der ehrlichen Liese keinen gefälligen Eingang, doch war sie dankbar für die Wärme, mit der sie sich für ihr Schicksal interessirte, aber sie dachte keineswegs daran, dieses zu verändern. Ihre Liebe zu Wodmar, die sich so fest und innig in ihr Wesen verwebt hatte, war ihr zu gewaltsam entrissen und vernichtet worden, als dass sie nicht hätte sollen eine grosse und sehr traurige Leere in ihrem inneren fühlen, – aber noch hing sie zu schwärmerisch an den Ideen einer e i n z i g e n Liebe, als dass sie hätte daran denken können, diese Leere durch eine zweite Neigung auszufüllen.
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Durch Fleiss und Wohltun suchte sie den Gram zu bannen, der an die Stelle ihrer ehemaligen Munterkeit getreten war, und er ging nach und nach in jene stille Schwermut über, die immer die Begleiterin einer unbelohnten Liebe ist. – Sie verhüllte sich gewaltsam die Bilder einer Zeit, in der sie von unerschöpflichem Glück geträumt hatte, und kämpfte mit allen Kräften ihrer Seele gegen die schmerzlich-süssen Erinnerungen, die sich ihr aufdrängen wollten.
Der Geist ihres Vaters schien sie unterstüzzend zu umschweben, wenn ein leiser Seufzer bisweilen ihren vorübergegangnen Freuden nachfloh, und jedesmal verwandelte sich bei seinem Andenken die sehnsucht ihrer halb erstorbnen Liebe in heissen, unversöhnlichen Hass, wie ihn Wodmars unedles Betragen gegen sie verdiente.
Zwar überhob sie die Summe Geld, die sie besass, aller Sorgen um ihren anständigen Unterhalt, aber sie war an ein tätiges Leben gewöhnt und wusste, dass immerwährende Beschäftigung ihr die stärksten Waffen in die Hand geben würde, ihren Schmerz zu besiegen. Sie brachte also ihre Tage unter unablässiger Arbeit zu, und suchte zu nützen, so viel es ihr ihre eingeschränkte Lage erlaubte. Konrad und Liese segneten den Augenblick, wo sie in ihr Haus gekommen war, denn sie belehrte und erzog mit der zärtlichsten Sorgfalt ihre Kinder.
Die Mädchen unterrichtete sie in weiblichen arbeiten, die Knaben in Lesen und Schreiben, und dabei suchte sie einfach, aber mit dem ganzen Zauber der Wahrheit, der auf ihren Lehren ruhte, ihren Verstand und ihre Herzen zu bilden, so viel es ihr Bedürfniss für ihren künftigen Stand schien. Dies fesselte die guten, unverdorbenen Kleinen mit dem schönsten Bande, das die Menschheit verknüpfen kann, mit dem der Dankbarkeit an sie, und gab ihr süsse Sorgen und schwermütige Freuden. Der Glaube an eine bessere Zukunft jenseits des Grabes, an die Vergebung ihres unwissentlich begangenen Vergehens, schmiegte sich in tröstender Gestalt an ihren Kummer, und erheiterte ihn wie der Sonnenstrahl das finstre Gewitter, aber er erweckte auch ihr Verlangen nach einem zweiten Leben, und die Welt lag vor ihr wie ein Tal vom herbstlichen Nebel verdunkelt. Nur auf die Spuren, wo sie einst gewandelt war, hatte das Schicksal Rosen gestreut, aber ihr Duft war verflogen und ihre Dornen blieben dem verlassenen Herzen zurück.
Liese hatte mit Konrad den Plan indessen besprochen, dem jungen Förster zu Mariens Bekanntschaft zu verhelfen, denn ihre glückliche Ehe machte es ihr nicht