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glich, dem fliehenden Schattenbild ihrer Freuden nachzusehn, und an den Unwürdigen zurück zu denken, der ihr ehedem so wert war. Nicht als ob es ihr l e i c h t geworden wäre, ihn zu vergessen; – o nein, wahre Liebe, besonders wenn es die erste ist, die sich eines Herzens bemächtigte, baut ihrem Abgott in dem Heiligtum seines Innersten einen Altar, den nur mühsam die Hand der Zeit, selbst der gegründeten Verachtung, umzustürzen vermag. Aber wenn sie das gefährliche Gift der Liebenden, die schwärmerische, süsse Erinnerung ihres sonstigen Glücks mit vollen Zügen schlürfen wollte, mischte sich ihr gemisshandeltes Gefühl in das Andenken jener reizenden Vergangenheit, und verschwunden war dann die Glorie von Schönheit und Edelmut, mit der ihre Einbildungskraft den Ungetreuen umgab. – Sie lernte ihn verachten, und in einer reinen, weiblichen Seele ist dies der erste, entscheidendste Schritt zum ewigen Vergessen. – Mit der achtung lösen sich die zartesten Bande des gegenseitigen Vertrauens auf, und die Liebe stirbt mit ihr dahin.

Am vierten Tage, als Konrad ruhig neben dem Karrn herging, und eben sein Morgenlied sang, erhob er auf einmal freudig blick und Hand, und rief mit einer stimme voll Gefühl und Rührung: Dort, dort! indem er auf eine Kette von blauen, mit Duft umflossenen Gebirgen wies, die sich ihnen aus der Ferne entgegen hob; dort, setzt' er endlich hinzu, dort wohnen meine Frau und meine Kinder!

Die nahen Freuden des Wiedersehns machten ihn stumm, und Marien ihre Plane für die Zukunft. Sie hatte mit ihrem guterzigen Freund ausgemacht, dass sie gegen ein billiges Kostgeld, welches Liese bestimmen sollte, in seiner Hütte leben, und sich ganz nach ihrem eignen Willen beschäftigen wollte, – aber die tiefe Schwermut, die ihr ihr Unglück gab, bedurfte so sehr eines teilnehmenden Wesens, dem sie ihren Kummer ausschütten konnte, um sich seine Bürde zu erleichtern, – sie war so sehr an einen vertraulichen, ihr angemessnen Umgang gewöhnt, dass sie zum erstenmal bereute, die Bedenklichkeiten ihrer Muhme, ihr zu folgen, nicht mehr bestritten zu haben. Der Gedanke war ihr unerträglich, sie noch in Nesselfeld und abhängig von den Wohltaten des Grafen zu wissen. Oft dachte sie an ihn zurück mit einer sonderbaren Mischung von halb erstickter Liebe und Unwillen. Sie dachte sich sein Erschrecken, wenn er sie nicht wieder finden würde, seine Trauer um ihren Verlust, seine Reue über sein Verbrechen. O, dann war ihr Herz nur gar zu geschäftig, sein Bild mit den vorteilhaftesten Farben sich zu entwerfen, und ihren Zorn zu mildern. – Weinend blickte dann ihr Auge zurück, in die festlichen Tage der Vergangenheit, und nicht selten beschlich sie der leise Wunsch, der ihr allezeit eine Schamröte kostete, dass sich der Schleier von neuem fest und dicht in einander weben möchte, der ihr ehemals die Tücke seines Herzens verhüllte, oderdiesen gestand sie sich schon selbst mit weniger Beschämung: dass er sich entschuldigen könnte, um doch wenigstens ihre Freundschaft zu verdienen. Aber alles war umsonst! – Zertrümmert war mit ihrer Hoffnung auch ihre Ruhe, und ihr blieb nichts übrig zu ihrem Trost, als das stolze Selbstgefühl, sich edel betragen zu haben, das so oft der Betrogne vor dem Betrüger voraus hat.

Josephine war indessen nicht glücklicher. Sie hatte alles für ihn getan, was Pflicht und Liebe forderten, und durch das Opfer ihrer ersten Neigung, das sie ihm gebracht, durch die ganze Hingebung ihres Wesens und durch die Innigkeit, mit der sie an ihm hing, glaubte sie die heiligsten Rechte auf seine Treue erworben zu haben. Was hätte wohl tiefer ihr feinfühlendes Herz verwunden können, als die Untreue des Mannes, den sie liebte, und der durch die feierlichsten Gelübde der Ihrige war! – Das Glück ihrer Ehe schien ihr unwiederbringlich dahin zu sein! –

Wie oft bereute sie nicht den Einfall, ihn zu überraschen. Ohne ihn lebte sie noch glücklich in dem süssen Wahn, der ihr den Besitz seiner vollen Liebe und Treue vorspiegelte; – ohne ihn wäre auch Marie noch glücklich, für die sie Mitleid und achtung empfand. Als man sie gegen Morgen vermisste, und ungeachtet alles Suchens nicht fand, war sie ausser sich. Sie fürchtete, ohne dass sie wagte, Frau Köhler ihre sorge zu gestehen, dass die arme, Verzweifelnde sich durch eine rasche Handlung möchte gewaltsam von dem vernichtenden Gefühl ihres Elends befreit haben, und ihre Fantasie, die jetzt alles im schwarzen Licht erblickte, malte sich die schrecklichsten Bilder.

Endlich kam der Graf an. Schnell, und mit unruhig pochendem Herzen sprang er aus dem Wagen, und stürmte die Treppe heran. Ihm begegnete Frau Köhler. Wo ist Marie? fragte er, aber sie wandte sich mit einem blick, der ihren ganzen Abscheu ausdrückte, von ihm weg, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er öffnete verwundert die Tür ihres Zimmers, – wie dünkte es ihm so tot und verlassen! Marie, rief er, wo bist Du? – da trat Hannchen aus dem Schlafzimmer, und er erstarrte. Wie kommst Du hierher? schrie er mit einem fürchterlichen blick, und sie erzählte ihm mit wenig Worten den ganzen Lauf der Sache.

Bei der Heftigkeit, die der Hauptzug seines Karakters war, schon vorher gereizt durch Frau Köhlers rätselhaftes Schweigen, stieg sein Zorn jetzt aufs Aeusserste. In seinen eignen Augen dünkte er sich in diesem Moment weniger strafbar als