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in das nicht unbequeme Fuhrwerk, unter dessen Leinwandshimmel sie ein weiches Heulager fand. Der Fuhrmann schwang seine Peitsche, und langsam rollte der Karrn mit ihr dahin. –

Sie hatte nicht viel Zeit, den traurigen Gedanken nachzuhängen, die ihr ihr Schicksal bot. Ihr Führer war in einer gesprächigen Laune, und suchte sie, indem er nebenher ging, bald durch ein Liedchen, das er sang oder pfiff, bald durch Erzählungen aus seinem häuslichen Leben zu unterhalten. An mir, sagte er, hat sich Gottes Segen reichlich bewiesen. Ich war vor zehn Jahren ein armer Bursch, und erwarb mir mit Dienen mein sparsames Stückchen Brod. Mein Herr hatte ein grosses Freigut, und pflegte sein Getraide viele Meilen weit zu verfahren. Da er nun sah, dass ich treu war, und das liebe Vieh wohl in Acht nahm, so übertrug er mir's, und ich musste viele Fuhren tun, die mir glückten. – Liese, die Hausmagd, war eine flinke Dirne, und ich wurde bald gewahr, dass sie mir allemal ein freundlicher Gesicht machte, wenn ich wieder kam, als wenn ich wegfuhr, woraus ich schloss, dass sie mir gut war. Ich konnte sie ebenfalls leiden, denn sie hatte schwarze Augen und rote Backen, und war fix und gewandt, aber ich dachte: Konrad, geh' nicht so geschwind zu Werke! – es gehört mehr als das zu einer guten Frau. Ich liess mir nichts merken, dass sie mir wohl gefiel, sondern gab Acht, und erkundigte mich unter der Hand, wie sie sich aufführte. Da sah ich denn selbst, und hörte auch von andern, dass sie ein fleissiges, ehrbares, vertragliches Mädchen war, die jedem das Seine gab, und still und ordentlich vor sich hin lebte. Nun erst fragte ich: Liese, willst Du mich haben? – Sie wurde rot bis über die Ohren, hielt die Schürze vor die Augen, gab mir die Hand, und sagte: Ja! – Das war nun wohl ganz gut, aber wovon leben? – Liese hatte nichts als ein paar flinke arme und ein ehrlich Gemüte, und ich hatte bis jetzt auch noch nicht dran gedacht, etwas von meinem Lohne zurück zu legen, denn ob ich gleich weder ein Spieler noch ein Säufer war, so liebt' ich doch Sonntags meinen Tanz, und versäumte keinmal, mich in der Schenke einzufinden, wo ich denn auch was aufgehn liess. Aber das wurde nun anders. Ich kam nicht mehr zum haus hinaus, und ersparte jeden Groschen zu meiner künftigen Wirtschaft. Liese machte es eben so, und nach ein paar Jahren hatten wir schon so viel gesammelt, dass wir uns konnten ein Hüttchen mit einem Garten kaufen, welches eben im dorf feil war. Weil es baufällig war, bekamen wir es um einen geringen Preis, und ich wandte nun alle meine Feierabende an, es auszubessern, und in guten Stand zu setzen. Endlich nahm ich Liesen, und kriegte eine gute, fleissige Frau an ihr. Wir tagelöhnerten, und Liese spann noch nebenher; – so verdienten wir reichlich was wir brauchten, und konnten noch einen Sparpfennig zurücklegen. Wie der nun allmählich heranwuchs, schafft' ich mir ein Pferd und den Karrn an, weil ich mit dem Geschirr wohl umzugehn wusste, und tat für meinen ehemaligen Herrn, der mir immer noch wohlwollte, Fuhren für's Geld. Jetzt hab' ich doch nun so viel erübrigt, dass der Hafer, den der Gaul frisst, auf meinem eignen Acker wächst, und dass ich das Getraide selbst kaufen kann, was ich verfahre. Dabei bin ich gesund und fröhlich. Komm' ich nach haus, so freut sich mir das Herz im leib, wenn ich meine freundliche Frau, und die vier gesunden Kinder sehe', die sie mir gebohren hat. Dann ruh' ich mich wieder aus, besorge das Häusliche, mache mir einen guten Tag, und fahre dann wieder in die Welt hinein. O Sie glaubt nicht; Jungfer! was das für ein frohes Leben ist. Alles was ich habe, hab' ich eignem Fleisse und meiner Zuversicht auf Gott zu verdanken, der mich niemals verlassen hat, und dies macht gutes Blut und frohe dankbare Herzen.

Marie hörte den biedern Kärner an, ohne ihn zu unterbrechen, aber ihrem Herzen, so wund und krank, gab die Schilderung seines einfachen häuslichen Glücks schmerzhafte Stiche.

Er blieb bei seinem stand, seufzte sie, und strebte nicht nach einem höhern! O warum verleitete mich die Liebe, den meinigen zu vergessen? – –

Zwanzigstes Kapitel

Marie machte mit diesem Fuhrwerk einige Tagereisen, und es war ihr gleichgültig, in welchen Winkel der Erde es sie führen würde. Die ganze entwicklung ihres Schicksals dünkte ihr ein fürchterlicher Traum zu sein, aber vergeblich sah sie dem lindernden Augenblick des Erwachens entgegen. Abgeschiedenheit von der Welt und ihren Täuschungen war das einzige, was sie noch wünschte, und wohl ihr, dass ihre Fantasie ihr ihr Unglück mit ungewissen Farben malte, sie oft ganze Stunden in dem Wahn liess, als habe sie geträumt, – sie würde sonst der Schwere desselben unterlegen sein. – So gewöhnte sie sich nach und nach, fest ihren blick auf die untergesunknen Trümmer ihrer ehemaligen Seligkeit zu heften; – sie gewöhnte sich daran mit einer Ruhe, die nur das Bewusstsein der reinsten Unschuld gewährt, mit einer Verachtung, die an Grösse ihrer vorigen Liebe