zu sehen; sie neigte sich lächelnd zu ihm, und Wodmar, dessen Erwartung weit übertroffen war, redete sie an. Verzeihen Sie, liebenswürdiges Mädchen! sagte er, dass ich selbst komme, Ihnen den Dank zu überbringen, den ich Ihnen schuldig bin. Er schwieg, aber sein Auge sprach fort. Marie schlug errötend die ihrigen nieder, eine süsse Unruh bewegte ihr Innres: – O gnädiger Herr! stammelte sie leise, und schwieg dann verlegen. Gerade zur rechten Zeit kam der alte Müller, der beim Anblick seines vornehmen Gastes in ein angenehmes Erstaunen geriet. Der Graf wurde zum Sitzen genötigt, und Marie erlangte ihr unbefangnes Wesen wieder, als ihr der Vater den Auftrag gab, eine Flasche alten Rheinwein aus dem Keller zu holen, mit welcher er ihn bewirten wollte. Wodmar folgte ihr mit seinen Blicken, – Marie war schön wie ein Engel. Ihre einfache, aber saubre, bürgerliche Kleidung lieh ihren Reizen nichts, ohne sie allzuneidisch zu verhüllen. Sie war liebenswürdig durch sich selbst, und brauchte keiner fremden hülfe um zu gefallen. Die holde Sittsamkeit auf ihrer leicht errötenden Wange, und die kunstlose Anmut, die ihre Bewegungen schmückte, alles dies gab ihrer Schönheit in seinen Augen doppelten Reiz.
Der Wein öffnet die Herzen; besonders hatte er auf Müllern, der ihn selten zu trinken pflegte, für den Grafen den wohltätigsten Einfluss. Er wurde lustig und vertraulich. Wodmar besass die Gabe, sich mit einer Geschmeidigkeit, die man nur in der grossen Welt erlernt, in jede Lage zu fügen, und so verschlossen auch Müller gegen jede neue Bekanntschaft war, so offen wurde er bald gegen ihn. Diese abgeglättete Feinheit, die den Mann von Ton karakterisirt, diese Politur, die sich nur im Glanz der Höfe und eines rauschenden Lebens erwerben lässt, und ach! unter welcher oft die schönste Würde des Menschen, die edle Einfalt und Unschuld des Herzens verloren geht, wie gefährlich ist sie nicht dem stillen Biedersinn des redlichen Bürgers, der keine Tiefe ahnet, wo er eine klare, ruhige Fläche sieht.
Marie sass bescheiden in einiger Entfernung den beiden Trinkenden gegenüber. Ihr ganzes Gesicht wurde Glut, als der Vater in seiner gutmütigen Geschwätzigkeit dem Grafen ihr verhältnis zu Ludwig entdeckte, unterm Spiegel ihm seinen Schattenriss zeigte, und das Glas mit den Worten: Er soll leben! hoch empor hob, und dann leerte. Das soll er, versetzte der Graf, indem er langsam trank, und einen ernsten, forschenden blick auf Marien heftete, der dies Gespräch immer peinlicher wurde. Dann stand er auf, ging hin zu dem Schattenriss, und sah ihn an. Marie, die ihn in den letzten Tagen vernachlässigt hatte, putzte den Staub herunter, und mit einer stillen Melancholie in seinen Zügen betrachtete er den glücklichen Bräutigam.
Lieben Sie Ludwig? fragte er leise Marien, auf deren Gesicht er einen verschwiegenen Kummer wahrzunehmen glaubte.
Ich schätze ihn hoch, war ihre Antwort.
Sie schätzen ihn, aber Sie lieben ihn nicht? fuhr er dringender fort. – Ich bin ihm gut, versetzte das errötende Mädchen. – Reden Sie bestimmt, ich beschwöre Sie bei dem Glück meines Lebens! L i e b e n Sie Ihren Bräutigam? – – Mariens Auge sank zu Boden; – sie schwieg.
Des Grafen Blicke wurden inniger, eine brennende Röte flammte auf seinen Wangen, er drückte ihre Hand, und setzte sich wieder zum Alten.
Marien wurde es zu eng im Zimmer. Sie eilte hinaus, und machte sich Vorwürfe über ihr Betragen. Wie töricht habe ich mich aufgeführt, rief sie aus. Muss nicht der Graf denken, dass mir Ludwig so gleichgültig ist, wie ein Fremder? Warum sagt' ich denn nicht, dass ich ihn liebe? – und liebe ich ihn etwa nicht, fuhr sie nach einer Pause fort, – hat ihm nicht seine gefälligkeit, seine Treue, seine Liebe für mich die meinige erworben? – Sie dachte nach über ihre Gefühle, und sie wurden ihr klarer. Mit tiefem, edlem Unwillen über sich selbst erblickte sie Ludwigs Bild in ihrem Herzen von des Grafen Liebenswürdigkeit ganz in Schatten gestellt. Sie wurde bestürzt über Empfindungen, die sie für Sünde hielt. Ich war auf dem Wege mich zu verirren, sagte sie, und holte aus ihrem Schmuckkästchen Ludwigs Ring, den sie an ihren Finger steckte, und zärtlich betrachtete. Vergieb mir, Ludwig! Dieser Ring, das Andenken Deiner Liebe soll mich erinnern was ich Dir schuldig bin, und mir selbst, wenn eine unselige Schwäche es mir vergessen lassen sollte. Bei diesen Worten trocknete sie ihr Auge, das eine unwillkührliche Träne benetzte, und ging wieder zu ihrem Vater, welcher allein war. Der Graf hatte so viel Vergnügen an seinem Umgange gefunden, dass er mit dem Versprechen gegangen war, öfter wieder zu kommen.
Es macht uns nicht immer glücklich, wenn es uns klar ist, was wir fühlen. Mariens Nachdenken über sich selbst führte die erste dunkle Stunde ihres Lebens herbei. Ihre Lage erschien ihr jetzt in einem ganz andern Lichte, wie ehemals. Wo sie zu lieben glaubte, fand sie nur Freundschaft, und ihr Wohlgefallen an dem Grafen führte sie zu aufkeimender Liebe. Noch immer erblickte sie ihn neben sich, als er, Ludwigs Schattenriss in der Hand, mit einem festen, ausdrucksvollen blick sie ansah, als wollte er in ihrem Herzen lesen. Immer kehrte die süsse Beklemmung wieder, die bei seinem Händedruck