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leben Sie in Ueberfluss von dem Gnadengehalt des Verräters. Ich will allein fort, denn ich ziehe eine Armut in Ehren dem Reichtum eines Menschen vor, den ich verabscheuen muss. – Frau Köhler suchte sie zu beruhigen, und Marie schien still über den Entschluss nachzudenken, den sie fassen wollte. Aber er war schon fest. – In einem Tuch verwahrte sie einige Wäsche und ihr ererbtes Geld, und unbemerkt und leise schlich sie sich in dunkler Nacht die Treppe hinunter, und zum haus hinaus.

Noch einmal blickte sie zurück, nach den düster erleuchteten Fenstern ihres lieben, unvergesslichen Zimmerchens. Ach ein matter Schein stahl sich durch das dunkle Epheu, das es mit treuer anhänglichkeit umgab, und zitterte herab auf den bereiften herbstlichen Boden. – Unwillkührlich musste sie an alle die seligen Stunden denken, die sie innerhalb seiner traulichen Mauern an der Seite ihres Wodmars verlebt hatte, und vor dem Wonnegefühl der Erinnerung verstummten noch einmal ihre Schmerzen, um dann desto heftiger zu toben. Ein paar Tränen stiegen in ihr Auge, und rasch wandte sie sich um. Fort, fort, sagte sie zu sich selbst, und die ganze Grösse ihres Unglücks überfiel sie jetzt; – o dass sich meine Vernunft mit meinem Glücke verloren hätte! –

Sie ging mutig zu, da sie wusste, dass weder ein Graben noch ein Fluss das ewige Einerlei dieser flachen Gegend unterbrach. Die Nacht wurde kalt, aber heiter, und ihre Dunkelheit erhob das Flimmern der Sterne am weiten Horizont, den sie überschauen konnte. Ohne zu wissen, wo sie sich befand, war sie mehrere Stunden durch die steinigten Felder gegangen, und nach und nach verlor sie Nesselfelds matt erhellte Fenster aus den Augen. Endlich bemerkte sie einen rauhen Weg, den sie einschlug, weil sie hoffte, er werde sie zu Menschen führen. Aber hier verliessen sie ihre Kräfte, und sie hatte Mühe, die einsame Fichte zu erreichen, die ihr der blasse Schimmer der Sterne zeigte. Hier warf sie sich nieder, und die Erschöpfung und Mattigkeit, die sie fühlte, schienen ihr die Vorboten des Todes zu sein. – Wie gern wäre sie gestorben, da sie ihre Freuden überlebt hatte! – Ihre Gedanken fingen an sich dunkel in einander zu mischen, und sie glaubte das Ende ihres Lebens herannahen zu sehen. Eine unbeschreibliche Müdigkeit drückte ihr Auge zu, und sie fielnicht in die arme des Todes, – sondern eines tiefen fast todtenähnlichen Schlummers.

Er dauerte noch in seiner ganzen ersten Festigkeit, als sie ein starkes, unsanftes Schütteln daraus erweckte. Langsam schlug sie die trüben Augen auf, und erblickte einen braunen, von der Sonne verbrannten, gemeinen Mann, mit einer ehrlichen offnen Physiognomie, der in der linken Hand eine derbe Peitsche hielt, und mit der rechten bemüht war, sie aus dem Schlaf, der ihm bedenklich schien, zu ermuntern. Dabei war es heller Tag, und die Sonne schien sanft und wärmend vom klaren blauen Himmel herab.

Wo bin ich? fragte Marie mit heiserer stimme, denn der nächtliche Frost hatte sie erkältet. Auf der offnen Landstrasse, Jungfer! erwiderte der Mann mit einer Miene voll Verwunderung und Teilnahme. Wo gedenkt Sie denn hin, so allein? – – Wo ich hingedenke? versetzte Marie, und brach in einen Strom von Tränen aus. Ach meine Heimat ist nirgends mehr! – Der Mann schüttelte den Kopf. Ei, Sie muss doch wohin wissen, sagte er gutmütig, indem er ihr aufhalf; aber Marie fühlte eine schmerzliche Lähmung in allen ihren Gliedern, und sank kraftlos wieder zurück. Sei Sie gutes Muts, und hör' Sie auf zu weinen! Unser Herrgott verlasst Niemanden, der auf ihn baut; – warum denn also Sie? – Verzage Sie nicht; wenn Sie wirklich keine Heimat hat, so kann Sie leicht eine finden. Fleiss und Gottesfurcht lassen nicht zu Schanden werden! –

Der redliche Ton und der biedre Ausdruck in seinem Gesicht, der diese tröstenden Worte begleitete, rührten Marien. Sie bemerkte hinter sich einen kleinen Karrn, mit weisser Leinwand überbaut, und mit einem einzigen Pferde bespannt, welcher ihrem unbekannten Freunde anzugehören schien. Guter Mann, sagte sie, und bemühte sich, ihre strömenden Augen zu trocknen, ich bin nicht so arm, dass mich d e r M a n g e l so tief betrüben sollte; ich habe Geld, so viel ich zu meinem Unterhalt brauche, wenn es nur hier ruhiger wär'! – hierbei wies sie auf ihr Herz. – Ich will nicht nach Ihrem Kummer forschen, Jungfer! antwortete der ehrliche Kärner. Es weiss ein jeder, wo ihn der Schuh drückt! Aber ich sollte meinen, ein so junges Blut, wie Sie, könnte unmöglich schon viel Herzeleid in der Welt erlebt haben. – H i e r kann Sie doch mein' Seel' nicht bleiben, es mag Ihr gegangen sein, wie es will. Hat Sie Lust, so setze Sie sich in meinen Karrn, ich fahre eben ledig nach haus, und will Sie umsonst mitnehmen, so lang bis es Ihr beliebt auszusteigen. Da, fuhr er fort, und holte aus seiner tasche ein Stück schwarz Brod und eine kleine Flasche mit Brandtewein, welches er ihr hingab, – erquicke Sie Sich mit Speise und Trank, und hernach, wenn Sie mit will, soll's fort gehen.

Dankbar nahm Marie den guterzigen Vorschlag des Kärners an, und stieg mit seiner hülfe