, verdross dieser Mangel an Zutrauen, den ihm der alte Graf nie hatte fühlen lassen, und er glaubte nun eine schickliche gelegenheit gefunden zu haben, seinem jungen Herrn zu zeigen, dass es besser gewesen wäre, ihn mit um das geheimnis wissen zu lassen. Da die Verantwortung nicht auf ihn fallen konnte, weil er nicht von des Grafen geheimen Freuden in Nesselfeld unterrichtet war, so nahm er freudig das Wort, und versicherte der Gräfin, dass alles dort im guten stand, und fähig sei, sie einige Tage recht bequem aufzunehmen. Was würde der Herr Graf für grosse Augen machen, setzte er schelmisch hinzu, wenn er ihr Exzellenz so unvermutet dort anträfe, und sähe, dass Ihnen seine Gesellschaft lieber wäre, als alle Pracht und aller Ueberfluss ohne ihn in Wodmarshausen!
Josephine trug diesen Gedanken mit sich herum, und malte im geist mit so lachenden Farben sich das frohe Erstaunen ihres Gemahls, sie in Nesselfeld zu finden, dass sie endlich dem Verlangen nicht widerstehn konnte, ihn zu überraschen.
Es wird ihm ein neuer Beweis meiner Liebe sein, dachte sie, wenn ich, ohne mich durch die Schilderung abschrecken zu lassen, die er mir von Nesselfeld machte, in seine arme eile, um ihn einen Tag früher zu sehen. Und wenn ich auch nicht alles in dem stand finde, wie ich es gewohnt bin; – wie wenig braucht ein volles Herz, das sich der Gegenliebe des liebenswürdigsten Gemahls erfreut? wie wenig braucht eine Mutter, wenn sie den Sohn ihrer Liebe lächeln sieht! –
Der kleine August, ganz das Ebenbild seines Vaters, der mit jedem Tage schöner wurde und werter seiner Mutter, war nebst seiner Wärterin und Hannchen die einzige Begleitung der Gräfin, als sie am achtzehnten Oktober in aller Frühe die Reise nach Nesselfeld antrat. Als sich die öde Gegend wie eine menschen- und freudenleere Wüste um ihren Weg ausdehnte, fühlte sich Josephine, schönerer Gefilde gewohnt, unaussprechlich beklommen. Immer einsamer wurde es um sie her, je weiter sie kam. Kein Baum, kein Strauch, kein Dorf, keine Spur von Menschenleben, so weit sie blickte! Nur an der steinigten Landstrasse, die zwei Stunden von Nesselfeld durch die unfruchtbaren Felder führte, und die zuweilen ein einzelner Kärner mit seiner Fracht bezog, grünte eine traurige Fichte, und Josephine, als sie an ihr vorüber fuhr, konnte sich nicht entalten, ihr verlassenes Schicksal zu beseufzen. – arme Unglückliche! schenke nicht dem fühllosen Baume, der gesund, wiewohl einsam in diesem dürren Boden wurzelte, Deine Seufzer! Spare sie für Dein eigenes Schicksal, das sich Dir in wenig Stunden grausam entüllen wird!
Achtzehntes Kapitel
Es war ein lauer schöner Nachmittag, als Josephine vor Nesselfelds einsamen Gebäude abstieg. Marie sass unter den Kastanien in ihrem Hofraum und arbeitete. Als sie das hier so seltne Geräusch eines Wagens hörte, sprang sie fröhlich auf, in der Meinung, es sei ihr Geliebter, und trat heraus auf den Rasenplatz vor ihrer Tür, ihn zu bewillkommen. Aber wie gross war ihr Erstaunen, als sie eine junge, schöne Frau mit weiblicher Begleitung und einem holden Knaben, der in den Armen seiner Amme schlummerte, auf sich zugehen sah. Befremdet und bestürzt wich sie einen Schritt zurück, und konnte sich das Rätsel nicht erklären.
Auch Josephine konnte ihre Verwunderung nicht bergen, ein Mädchen von so seltner Schönheit, und so sorgfältig gekleidet, an diesem abgelegenen Orte zu finden. Marie trug ein einfaches aber seines weisses Kleid, dessen reizender Faltenwurf die ganze Anmut ihrer schönen Gestalt verriet, und ihre dunkeln, seidenen Locken leicht und kunstlos, wie von den Händen der Grazien geordnet, waren der ganze Schmuck ihres Hauptes. An ihrer Brust trug sie eine späte Rose – vielleicht die einzige, die die Kunst in diesen öden Fluren hervorgebracht hatte, und an ihrer Hand den goldnen Ring der Treue, der ihr endlich Mut gab, der schönen Unbekannten entgegen zu gehen.
Josephine war sanft und gütig gegen jedermann. Aber die öftern Besuche ihres Mannes in Nesselfeld, die ihr einfielen, und die ausserordentlich interessante Bildung Mariens, die sie für die Tochter des Castellans hielt, erfüllten sie plötzlich mit einer geheimen Regung von Eifersucht, die der Art, mit der sie Marien entgegen sah, mehr Stolz und Kälte gab, als ihr gut stand.
Marie näherte sich ihr bescheiden, aber doch ohne die Würde zu vergessen, die sie ihrem neuen stand schuldig zu sein glaubte, und fragte Josephinen, welcher Zufall sie hierher bringe, da man sonst hier gar nicht gewohnt sei, Fremde zu sehen.
Josephine antwortete kurz: Ich glaube hier in meinem eignen haus zu sein, und komme nicht durch einen Zufall, sondern in der Absicht hierher, meinen Gemahl zu erwarten. – Wollen Sie wohl so gütig sein, mein Kind, und mir ein Zimmer anweisen? –
Mariens Wangen fingen an zu glühen. In Ihrem eignen haus? sagte sie, ein wenig beleidigt durch den stolzen Ton, in dem die Gräfin sprach. Mir dünkt, diese wohnung gehört dem Grafen von Wodmar.
Ganz recht, versetzte Josephine, und da ich mit diesem verheiratet bin, so habe ich aller Wahrscheinlichkeit nach eben so viel Recht hier zu sein, wie Sie, meine Liebe! ob Sie gleich andrer Meinung zu sein scheinen. Darum bitte ich Sie noch einmal um ein Zimmer, denn ich bin ermüdet. –
Marie hielt Josephinen für eine Verwandtin des Grafen, die dieses Mährchen behaupten