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leer, so blickten sie sich wechselsweise ins Auge, und glaubten im Paradiese zu wandeln. Oder sie sassen in der Mittagsstunde unter den Kastanien in ihrem Hofraum in ein süsses Schweigen versunken, – oft angenehmer noch, als das traulichste Geschwätz, – und nahmen ihr einfaches Mittagsmahl ein. Sanft regte sich der laue Wind in den breiten, schattigten Blättern, und manche weiss und rötliche Blüte wehte sein Hauch herab, um damit ihre Tafel zu schmücken. Oder sie sahen die Sonne untergehen, wie sie hinter die fernen Anhöhen wie in ein Meer von Purpur sank, und Wodmar hinderte den rosenfarbnen Schimmer ihres Wiederscheins Mariens Gesicht zu erreichen, das die Gesundheit schöner geschmückt hatte, als es das Abendrot vermochte; – oder wenn der Abend herandunkelte, lockte Marie den Geliebten durch die silbernen, rührenden Töne, die sie dem Klaviere abzugewinnen wusste, in ihr stilles, friedliches Zimmerchen und begleitete sie, wenn er kam, durch ihren kunstlosen, aber reizenden Gesang, der ohne mit Künsteleien überladen zu sein, unwiderstehlich zum Herzen drang.

War das Wetter trübe und erlaubte ihnen nicht im Freien zu sein, so schloss Marie den Bücherschrank auf, und sie lasen sich wechselseitig vor, – oder der Graf unterrichtete sie im Zeichnen, worin er viel Geschicklichkeit besass, und freute sich der Fortschritte, die seine holde Schülerin in allem machte, was sie unternahm. Bald erfanden sie Desseins zu Stickereien, die dann Mariens Nadel auf seidnen Grund zauberte, während Wodmar ihr vorlas, – bald gaben sie sich mit ernstaftern Dingen ab, entwarfen Landschaften, Monumente, oder zeichneten Kupferstiche nach, – oder Wodmar lehrte sie Französisch und Marie begriff um ihres Lehrmeisters willen, alles mit erstaunender Leichtigkeit.

So flohen mit unbeschreiblich süsser Eile die Stunden des Beisammenseins vorüber, und ernst und traurig nahte ihnen die Trennung. – Marie weinte die bittre Träne des Abschieds an seinem Herzen, und auch ihn beklemmte das Lebewohl mit namenloser Wehmut. O wie gern hätte er ganze Jahre seines Lebens dahingegeben, um den Vorwürfen zu entfliehen, die ihm sein Gewissen mit jeder neuen probe lauter machte, die ihm Marie von ihrer Liebe gab.

Die Gewohnheit, sie täglich zu sehen, und die anspruchlose, stille Güte ihres Charakters, und ihre ungeheuchelte Frömmigkeit in einer Menge kleiner Vorfälle zu bemerken, – seine jetzige, unzerstreute, einfache Lebensart, seine Entfernung von den verdorbnen Sitten der grossen Welt, und der wohltätige Einfluss der natur auf sein ganzes Wesen, hatten ihn besser und fühlbarer für Mariens Wert und seinen eignen Unwert gemacht, als er es jemals war. Tiefe Schwermut umhüllte seine Stirn und trübte sein Auge, – und er empfand die Wahrheit in ihrem ganzen Umfang: dass der Betrogne fast immer glücklicher ist, als der Betrüger.

Endlich schied er. Marie sah ihm aus ihrem Fenster nach, so weit ihr Auge reichte; – selbst auf der Staubwolke, hinter der sein Wagen verschwand, verweilte noch lange ihr blick und dann verhüllte sie ihn und seine Tränen. – Wie war ihr nicht alles so leer, als Er ihr fehlte! – Wie vermisste sie ihn nicht überall, wo Er sonst mit ihr gegangen war, und wie öde dünkten ihr jetzt ihre Spaziergänge, denen damals nur s e i n e Gesellschaft Anmut und Reize lieh! – Zwar hatte er ihr versprochen, oft zu schreiben, und auf diese Art sie und sich über die Schmerzen der Trennung zu täuschen; – aber ach! ist wohl der tote Buchstabe des Briefwechsels Ersatz für die Abwesenheit des Geliebten? Konnte er sie entschädigen für das Glück ihn zu sehen, ihn zu sprechen, ihn zu umarmen? –

Die ersten Tage vergingen ihr in tiefer Traurigkeit. Endlich verlor ihr Schmerz bei ihrer angebornen Milde etwas von seiner Schärfe, und die Hoffnung des Wiedersehns verwandelte ihn in eine sanfte Melancholie, die ihr teuer wurde. Sie ertrug gern die Einsamkeit, in die sie die Liebe verbannte, und wusste sie zu verschönern. Sie schrieb ihm täglich, und ihre Briefe trugen das Gepräge der sehnsucht, der Zärtlichkeit und des innigsten Vertrauens. Sie arbeitete fleissig, denn es war für ihn! Sie setzte ihr Zeichnen und ihr Französisch mit einem unermüdeten Fleiss fort, und in den Abendstunden, die ihr sonst mit ihm so fröhlich vergangen waren, folgte sie dem stillen Gebot ihrer Gefühle und stimmte oft das traurige Lied aus Nina an, welches ihr Karl einst gelernt hatte, und das jetzt auf ihren Zustand passte:

Quand le bien-aimé reviendra etc. –

Funfzehntes Kapitel

In tiefe Betrachtungen verloren, setzte der Graf seinen Weg fort, und oft wandte er sein Auge zurück, um noch einmal den Ort zu erblicken, wo er so unvergesslich glücklich gewesen war. Er fühlte sich sonderbar erschüttert von den Empfindungen des Abschieds, – die Tränen waren ihm so nahe, das Herz so weich und so geneigt zur Wehmut, wie noch nie in seinem Leben. – O, Marie! sagte er zu sich selbst, wärst Du wirklich mein durch rechtmässige Verbindung, die ich laut bekennen dürfte, wie Du jetzt im Stillen mein bist, durch Dein unverdientes Vertrauen in meine Redlichkeit, – wie gern wollte ich dem eiteln Schimmer entsagen, der mir sonst so wichtig dünkte, um ganz für Dich und die häuslichen Freuden zu leben, die Du mich erst kennen lehrtest!

Er kam auf dem Landgut an, wo er Josephinen verlassen hatte. Sie empfing ihn freudig und zärtlich. Die Schwermut ihrer unglücklichen Liebe hatte sich in der