hob noch bei ihrem Andenken ein stiller Seufzer Mariens Brust, und schien sie zurück zu wünschen. An der Seite des Mannes, den sie liebte und der nun bald ihr auf ewig angehören sollte, die schönsten Gegenden ihres Vaterlandes gleichsam zu durchfliegen, – Freude und Belehrung in jedem Gegenstand zu finden, an dem sie vorübereilten, – dazu die sanfte, laue Luft und der ungetrübte Himmel des ersten Frühlings, – die Neuheit, die das Vergnügen des Reisens für sie hatte, und die schonende Zarteit, mit der der Graf, um sein Opfer noch mehr zu täuschen, mit ihr umging, – – endlich die Hoffnung einer nahen Vereinigung, die über alles ihren eignen Zauber goss; – war dies nicht genug, um ein schuldloses, empfängliches Herz, wie das ihrige, mit dem höchsten Grad des Entzückens zu füllen?
Am dritten Tage kamen sie auf ein Landgut an, wo man sie schien erwartet zu haben. Wodmar führte seine Marie in das alte prächtige Schloss, und gleich nach ihrer Ankunft verrichtete ein gewissenloser Betrüger, den der Graf durch Bestechungen gewonnen hatte, mit allem Schein der Wahrheit die heilige Handlung der Vermählung.
Sie blieben hier nur wenige Tage, denn Wodmar glaubte sich hier nicht verborgen genug; dann verliessen sie diesen, Marien so teuer gewordnen Ort, um den zu erreichen, der ihre künftige Bestimmung war.
Nesselfeld lag nur sechs Meilen davon, aber immer einsamer wurde der Weg, der über unfruchtbare Haiden und steinigte Felder dahin führte. Endlich, als die öde Gegend immer flacher und flacher wurde, sahen sie es schon weit aus der Ferne liegen, denn es war das einzige Haus, das das Auge auf der ganzen leeren, mit Getreide sparsam bebauten Ebene erblickte. Einige wilde Kastanienbäume, deren Grün noch nicht erwacht war, warfen den Schatten ihrer unbekleideten Aeste auf den Hofraum, und an der grauen, halbbemoosten Steinwand schlängelte sich der gesellige Epheu empor. Sie stiegen ab, der Kastellan des Schlosses empfing sie und öffnete ihnen die Zimmer, die für sie bereitet waren. Ausser ihm und dem Schlossgesinde gab es meilenweit kein lebendiges Wesen in der Gegend, denn Nesselfeld lag ganz allein, ohne ein Dorf das dazu gehörte. Ein artig möblirtes Zimmer, mit einem schönen Klavier, über welchem das wohlgetroffne Bild des Grafen in Lebensgrösse hing, war für Marien bestimmt, und hatte eben dieses Bildes wegen unaussprechlichen Wert für ihr Herz. Auch fand sie eine kleine Bibliotek, die ihr Unterhaltung genug in ihren Nebenstunden hoffen liess. Uebrigens hatte das Ganze ein etwas melancholisches Ansehn. Trat sie ans Fenster, halb von dem düstern Grün des Epheus verdunkelt, so breitete sich die unermesslich weite Fläche vor ihren Blicken aus, die sich in ferne, zum teil von Waldung geschwärzte Höhen verlor. Nirgends eine Spur von Leben und Tätigkeit, – nirgends ein Gegenstand, auf dem das Auge mit Teilnahme hätte verweilen können! – Aber Marien dünkte an der Seite ihres Karls die Gegend paradiesisch. Sie fühlte sich so innig vertraut mit jedem Wehen der kosenden Frühlingsluft, empfand so tief und mit so viel Dank das Glück seiner Liebe, dass die Schwermut ihres Aufentalts keinen Eindruck auf sie machte.
Auch Wodmar lebte die glücklichsten Tage, die ihm noch jemals geworden waren, in den Armen dieses reizenden Geschöpfs, und in dieser menschenleeren Einsamkeit. Er, der immer mehr gesucht als gefunden, immer mehr verlangt als genossen hatte, sah durch Mariens Zärtlichkeit, die ihm immer neu blieb, die süssen Erwartungen übertroffen, die er genährt hatte. Bessere Regungen, als er noch jemals gekannt, kehrten bei ihrem sanften Umgang in sein Herz zurück, und bittre Empfindungen durchbebten es bei dem Gedanken, sie so grausam hintergangen zu haben. Ach, er hatte oft die liebevolle Sorgfalt nötig, mit der sie seinen Kummer zu zerstreuen suchte, wenn sei Bewusstsein ihm Vorwürfe über den schwarzen Betrug machte, den er sich erlaubt hatte. Vielleicht, wenn seine Hand noch frei gewesen wäre, hätte er mit ihr ihre gränzenlose Liebe belohnt, – vielleicht, wenn er den ganzen Umfang ihrer Güte, den ganzen Wert und die ganze Reinheit ihres Wesens, die sich ihm nun entüllte, vorher gekannt hätte, hätte er den schönsten Sieg über sich selbst errungen und nie den goldnen Frieden ihrer Unbefangenheit gestört. Marie wäre dann glücklich mit ihrem Ludwig, wenn auch nicht durch eine leidenschaftliche Liebe, doch durch gegenseitige achtung und Gleichheit ihrer Verhältnisse geworden, und der Staat hätte eine nützliche, bürgerliche Familie mehr gehabt. Aber nun, – da alles geschehn war, was es ihm unmöglich machte, zurück zu gehen, da ein feierliches Gelübde ihn an Josephinen, die zärtlichste Neigung ihn an Marien band, da entschloss er sich wenigstens ihr so lang als möglich den durchbohrenden Schmerz der Entdeckung ihrer wahren Lage zu ersparen, und ihr einsames Leben so süss zu machen, als in seinen Kräften stand.
Einige Monate brachte er bei ihr zu, ohne sich andre Freuden zu wünschen, als ihm ihr Umgang bot. Nie hatte er im Getümmel der grossen Welt geglaubt, dass Häuslichkeit so süss sei. Marie wusste sie durch eine immer gleiche Heiterkeit ihres lebhaften Geistes, durch ein beständiges, freundliches Entgegenkommen seiner Wünsche, und durch die angenehmen Talente zu würzen, die sie gesammelt hatte und zu vermehren suchte. Oft gingen sie Hand in Hand durch die sparsam grünende Wiese, über die sich ein schmaler Bach, mit Weiden bepflanzt, lieblich-flüsternd ergoss, und war gleich die Aussicht weit und