allen ihren Schrecken vor seiner feurigen Fantasie, und er wollte ihnen ausweichen, indem er Marien entsagte. –
Aber Marien entsagen, – – Marien, die ihm mit jedem Tage reizender schien, die mit der ganzen Wärme der ersten Liebe sich an ihn anschloss, – Marien, die sich von ihm die Erfüllung ihrer Träume versprach, die ohne ihn unglücklicher gewesen wäre, als es vielleicht selbst nach der Entdeckung seines Betrugs möglich war, – – und dies alles in der Blüte seiner Kräfte und Jahre, bei diesem heissen Verlangen sie zu besitzen, bloss weil die gereizte Einbildungskraft einer frömmelnden Matrone ihm eine Hölle vorspiegelte, die, wenn er sie auch wirklich glaubte, doch noch weit, weit von ihm entfernt war! – Und konnte er sich nicht dann noch bekehren, wenn ihn die Abnahme seiner Gesundheit und die Annäherung des Alters erinnern würde, dass es Zeit sei? – – So raisonnirte er sich selber seine Unruh hinweg, und die Zerstreuungen taten das ihrige.
Niemand war glücklicher als Marie; ihr jetziges Leben glich einem ungetrübten Fluss, auf den der Himmel sein Bild prägte, und der nur Sonnenschein und klarheit in seinen Spiegel aufnahm. Auf rosenfarbnen Flügeln eilte der Winter vorüber, sie legte die Trauerkleider ab, zwar noch mit einer Träne dankbarer Rückerinnerung an den Verstorbenen, die aber der Vorbote von süssern war. Es war gegen Ende des Märzes, als der Graf, da er sie zum erstenmal wieder in bunten Farben erblickte, sie an ihr Versprechen erinnerte, sein zu sein. Marie errötete sanft und Wodmar küsste von ihren Lippen das geständnis ihrer Einwilligung.
Man machte Anstalten zur Abreise. Marie hatte eine ansehnliche Summe Geld aus dem Verkauf ihres Hauses und ihrer liegenden Gründe erhalten, die sie mit sich nahm. Eine andere legte sie nieder für Ludwig, nebst einem Brief, in dem sie ihm ihr künftiges Schicksal trotz dem Verbot des Grafen entdeckte. Sie glaubte ihm, sich, und selbst der Asche ihres Vaters diese Aufrichtigkeit schuldig zu sein, und kannte Ludwigs sichern Charakter zu gut, als dass sie hätte nachteilige Folgen von ihrem Zutrauen befürchten können.
Ich habe mich selbst betrogen, Ludwig! schrieb sie ihm, nicht ohne Kummer, weil sie voraussah, wie sehr ihn dieser Brief betrüben würde. Ich glaubte Dich zu lieben, aber es war nur Freundschaft, was ich für Dich empfand, und sie gnügte meinem Herzen, als es noch unbefangen war und die Liebe noch nicht kannte. Aber jetzt, da ich den Mann habe kennen lernen, den ich allein mit leidenschaft zu lieben vermag unter allen, jetzt nimm meinen innigsten Dank für das Vertrauen, mit dem Du von mir das Glück Deines Lebens hofftest, und die Bitte um Verzeihung, dass ich es niemals Dir gewähren kann. Ein heiliges, unauflösliches Band vereinigt mich in wenig Tagen mit dem Grafen von Wodmar, und es wird meinem künftigen Glück nichts fehlen, wenn ich Dich ruhig und zufrieden weiss, – und dies wirst Du gewiss bald sein, wenn es Dir auch jetzt weh tut, mich verloren zu haben. Denn die liebenswürdigen Eigenschaften Deines Herzens werden Dir bald eine Freundin erwerben, die Dich mehr verdient, als Marie, die, wenn sie Dir auch Wort gehalten, Dir doch nur ein geteiltes Herz hätte geben können, das Deiner unwert gewesen wäre, da Du ein ganzes verdienst. Nicht der Glanz, der mit dem stand meines künftigen Mannes verknüpft ist, hat mich verblendet, sondern Liebe zu ihm selbst, die sich unwiderstehlich meines Wesens bemächtigte. Denn erst nach Jahren, wenn die Hindernisse nicht mehr sind, die jetzt die Konvenienz unsrer Verbindung entgegen stellen würde, erst dann werde' ich öffentlich diesen Glanz, der mir gleichgültig ist, mit ihm teilen und laut den Namen führen, der mich bis dahin in der Stille beglückt. – Dir, mein Freund, teile ich im vollen Vertrauen auf Deinen Edelmut und Deine Verschwiegenheit dieses mein heiligstes geheimnis mit, um Dir mein schnelles Verschwinden zu erklären. Nimm diese Summe als ein Andenken an mich und meinen gütigen Vater, der sie für uns beide sammelte, und wenn wir uns einst nach langer Zeit wiedersehn, so lass mich in Dir den treuen Freund wiederfinden, der Du mir warst, so lange ich denken kann.
Als Marie diesen Brief geschlossen hatte, dünkte es ihr, als hätte sie sich nun von allem losgerissen, was sie bisher noch abhielt, ganz ihrem geliebten Grafen zu leben. Noch einmal ging sie auf den Kirchhof, um Abschied von dem grab ihres Vaters zu nehmen. – Die ersten Veilchen, die es gab, hatte sie sich bringen lassen, und als ein Todtenopfer auf den braunen Hügel gestreut, der die teuern Ueberreste verbarg. Noch einmal sagte sie in stummen Gebeten für den Frieden seiner Seele, ihm Dank für alle seine väterliche sorge: – – es wurde ihr so wohl und doch so weh, dass sie ihren gedrängten Gefühlen keinen Namen geben konnte. Wie eine dunkle Gewitterwolke zog eine bange Ahndung an ihr vorüber, aber der Sonnenstrahl der Liebe leuchtete drein und verminderte ihre Schwermut.
Vierzehntes Kapitel
Sie reisten am andern Morgen ab, Marie ohne Betrübniss die Stadt zu verlassen, in der sie geboren und erzogen war, denn fern von ihren Mauern warteten süssere Bande auf sie, als sie noch jemals getragen hatte. – Schon auf der ersten Station holte sie der Graf ein, und nun setzten sie vereint ihre Reise fort.
glückliche Tage! – auch lange nachher