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Es war ihm unmöglich, seinen ersten Versuch, sie zu sehen, bis auf den morgenden Tag aufzuschieben. Er hüllte sich in einen Mantel, und trat nicht ohne heftige Bewegung den gang zu ihrem haus an.

Es war verschlossen, er zog die Klingel, man öffnete. Eine unbekannte person kam ihm mit einem Lichte entgegen und fragte nach seinem Begehren. Er erkundigte sich nach dem alten Müller. Mein Gott, wissen Sie denn nicht, dass er nun schon beinah vier Monate tot ist? – Wodmar trat erstaunt zurück. Und seine Tochter? – Hat dies Haus verkauft, und wohnt bei einer Muhme in der andern Vorstadt. – Bestürzt verliess er die geliebte Schwelle und ging zurück.

Am andern Tage fand er ohne Mühe Mariens neue wohnung. Ungestüm pochte sein Herz, als er sich ihr näherte. Mariens Muhme war eine Stickerin; dies gab ihm den Mut, geradezu zu gehen, denn Mariens edles Zürnen versprach ihm fürs erste nicht den besten Empfang. Er fragte nach Frau Köhler, und man machte ihm die Tür eines kleinen aber reinlichen Zimmers auf, in welchem Tante und Nichte arbeiteten. Mit einem unbeschreiblichen Aufruhr aller seiner Empfindungen trat er hinein. Die tiefe Trauer, nicht allein in Mariens Kleidung, sondern auch in ihrem Wesen, lieh ihrer Schönheit einen neuen, doppelten Reiz, und gab ihr etwas unendlich Rührendes. Den Glanz, den ihre schönen Augen durch Tränen verloren hatten, ersetzte eine sanfte Melancholie, die ihre ernsten Blicke bewohnte. – Als sie aufsah und ihn erkannte, ward sie bleich, dann wieder glühend rot, und die Nadel fiel aus ihrer zitternden Hand. Wodmar näherte sich schüchtern, grüsste beide mit einem Anstrich von Scham, Verwirrung und Reue, der ihn, wie er wohl wusste, nicht verstellte, und bat die Alte, ihm die Muster ihrer Stickereien zu zeigen, weil er einige Bestellungen machen wollte. Sie ging und Wodmar und Marie blieben allein.

Sie fühlte tief die Gefahr dieses Augenblicks, stand auf und wollte sich entfernen. In ihrer Haltung lag ein Adel, eine Würde, die den Grafen noch mehr entflammte, dessen Innres alle Begierden mit dreifacher Macht durchschauerten, die das reizende Mädchen jemals in ihm erweckt hatte. Er hielt sie auf. Marie! rief er mit einer stimme, deren liebe-atmender Ton zart, aber innig die leise-tönendsten saiten ihrer Empfindung berührte, Marie! willst Du kein Wort zu meiner Verteidigung hören? – kein Wort von Versöhnung? – Sie wandte sich weg und verhüllte ihr weinendes Angesicht. – O, Marie! fuhr er fort, indem er vor ihr niederkniete, und sie ungeachtet ihres Widerstrebens umfasste, kannst Du dem Mann verzeihen, der Deine engelreine Tugend so bitter beleidigte? – Kannst Du ihm vergeben, wenn er reuig zu Dir zurückkehrt, und wieder gut machen will, was sein Leichtsinn verdarb? – Sieh', ich wollte Deinem Bilde entfliehn, aber es folgte mir, wie das Andenken Deiner ehemaligen Liebe! Umsonst sucht' ich Dich zu vergessen, – alle wonnevollen Stunden vorüber geflohner zeiten, alle Freuden, die ich an Deinem Busen genossen, alle noch schönern Träume der Zukunft, deren Erfüllung ich hoffte, vereinigten sich, mir mein Leben ohne Dich zur Qual zu machen. Und Du solltest mich verstossen, Marie! da nur D e i n e Hand mich wieder auf die rechte Bahn zu leiten vermag? Du solltest Dein Herz, das mich ehedem so zärtlich liebte, jetzt auf ewig für mich verschlossen haben, jetzt, da ich es erst verdiene? –

Marie richtete sich auf und sah ihm mit einem blick ins Auge, in dem ein Himmel voll Selbstgefühl lag. Warum, sagte sie ernst und ruhig, warum erinnern Sie mich an zeiten, deren ich nur noch wie eines Traumes gedenke? Warum unterbrechen Sie durch Ihren Anblick den Frieden meiner Einsamkeit aufs neue? – –

Um, rief der Graf vor Freude zitternd, als er die Milde sah, mit der sie zu ihm sprach, um Dir, Geliebte meines Herzens, die grösste probe von der Wahrheit meiner Reue und meiner Liebe zu geben, indem ich Dich durch eine rechtmässige Verbindung zu der meinigen mache. Starr blickte Marie in die zärtlichen Augen des Geliebten: – O wenn dies nur eine Betörung meiner Sinne ist, seufzte ihr Herz, so möge sie nie der Wirklichkeit weichen. Lass mich niemals erwachen, gütiger Gott, wenn ich jetzt träume!

Frau Köhler kam jetzt wieder und war äusserst erstaunt, den schönen Fremden vor ihrer Nichte auf den Knieen, und diese in Tränen zu finden. Es waren die süssen Tränen der Vergebung, in denen sie die letzten Funken ihres Unmuts erstickte, und die die düstern Spuren einer bittern Vergangenheit in ihrer Seele verlöschten. Wodmar sprang auf, gab sich der Alten zu erkennen, und entdeckte ihr den Vorsatz, ihre Nichte zu heiraten. Er war unwiderstehlich, wenn er bat, und war es doppelt, wenn er die Befriedigung seiner Leidenschaften hoffte.

Frau Köhler merkte wohl, dass sich die Liebenden länger kannten, als heute, es wurde ihr nicht schwer zu sehen, dass Marie den schönen Grafen liebte, – und wie wär' es anders möglich gewesen? Ihr sorgenloses Herz ohne allen Argwohn, von dieser glühenden Liebe gefesselt, die die erste ihres Lebens war, sah in ihm nur das, was er scheinen wollte, den Bereuenden, Zurückkehrenden, der ihr und seiner Zärtlichkeit alle Vorteile seines