1799_Ahlefeld_000_23.txt

ihm in ihrer Fantasie eine finstre unfreundliche Gestalt gegeben, von der sie keine Spur an seinem wirklichen Selbst fand. –

Aber nichts desto weniger war ihr Vorsatz fest, dem Mann, dem, ohne dass er diese glänzenden, äussern Vorzüge wie Wodmar besass, dennoch alle die heiligen Gefühle ihrer ersten Liebe gehuldigt hatten, treu zu bleiben. Sie nahm sich vor, zuerst mit ihrer Mutter von der Lage ihres Herzens, und dann mit Wodmar selbst zu reden. Sie traute ihm Edelmut genug zu, ihr freiwillig zu entsagen.

Sie reisten ab. Er war ihr in dem schönen Whisky entgegen gekommen, der auf Hannchen einen so tiefen Eindruck gemacht hatte, und Josephine nahm ohne eine Weigerung den Platz an seiner Seite ein, indess Hannchen ihnen in dem andern Wagen folgte. Welch' ein schönes Paar! murmelte die Menge, die sich versammelt hatte, Braut und Bräutigam zu sehen. Beide zeigten in der Art, wie sie diesen unparteiischen Lobspruch aufnahmen, die Verschiedenheit ihrer denkart. Josephine zog bescheiden den Schleier über ihr lieblich errötetes Angesicht, nachdem sie freundlich dem Gruss gedankt hatte, der von allen Seiten ihr winkte. Sie verbarg sich lieber, als dass sie schimmerte. Der Graf hingegen liess stolz und zufrieden sein triumphirendes Auge umhergehn, ergriff selber die Zügel der Pferde, und lenkte sie stehend, um durch die ganze Anmut seiner schönen Figur noch mehr um die Bewunderung zu buhlen, die ihm so süss war. Endlich, als sich nach und nach die Gaffenden verloren, setzte er sich wieder nieder zu seiner Braut, die, als sie sich unbemerkt sah, den Flor von ihrem Gesicht entfernte, der ihr neidisch den schönen Tag verbarg.

Sie sprachen wenig mit einander, aber sie dachten viel. Josephine ging im Geist in die Rosenauen der vergangnen zeiten zurück, und hing mit stillem Gram an den Bildern ihrer süssesten Wünsche. Wodmar verglich sie mit Marien, ohne die Träumereien zu stören, denen sie nachhing. Sie waren beide schön, Josephine stolzer, Marie rührender in ihrer Bildung. Die innige, hingebende Zärtlichkeit, die diese Letztere für ihn empfunden hatte, malte mit doppelt reizenden Farben ihr trauriges Bild in seine Seele, und die sehnsucht nach ihrem Wiedersehn und ihrem Besitz wachte mit aller der leidenschaft seines Wesens in ihm auf. Ein tiefer Seufzer machte seiner Brust Luft, von der süssen Qual seiner Erinnerung und seiner Wünsche beklemmt; – Josephine sah ihn schüchtern an, sie hatte nicht den Mut, ihn um dessen ursache zu fragen, noch wenige ahndete sie sie. Wodmar, dem es wie einem Mann von Welt nicht an der Gewandteit fehlte, jeden Umstand zu seinem Vorteil zu nutzen, liess ihr in Anspielungen merken, die ihre Feinheit verstand, dass sie selbst der Gegenstand seiner Seufzer sei. Die Sonne loderte eben im Abendrot hinter dem waldigten Gipfel der westlichen Anhöhe, als sie ankamen. Noch spiegelte sich die sterbende Glut in den grossen Bogenfenstern, die wie brennende Spiegel aussahen, und eine sanfte Rührung ergriff Josephinen beim Anblick der stolzen Gebäude, die im milden Abendlicht vor ihr lagen. Eine grosse Anzahl von Bedienten empfing sie mit einer so schüchternen Ehrfurcht, dass sie daraus sehr leicht auf die Art ihrer Eltern, mit ihnen umzugehn, schliessen konnte. Wodmar leitete ihre wankenden Schritte zu einem Saal, wo die ganze Familie beisammen war.

Josephine, erschüttert und zärtlich bewegt durch den Anblick ihrer Eltern, die sie liebte und ehrte, denn ihre Grundsätze waren edel, und zogen sie mit einer geheimen, unwiderstehlichen Macht zu denen hin, die ihr das Leben gaben, – Josephine sank auf ihre Kniee in frommer, kindlicher Regung nieder, und benetzte die Hand ihrer Mutter, die ihr entgegen kam, mit den bittersüssen Tränen des Wiedersehns.

Die Versammlung war gross, und beobachtete ein feierliches Schweigen, nicht gemacht, Josephinens schüchterne Schwermut zu zerstreuen. Besonders fremd und traurig waren ihr die finstern Blicke ihres Vaters, mit denen er von Zeit zu Zeit ihre ganze Gestalt und ihr Benehmen musterte. Sie befolgte daher gern seinen Befehl, sich umzukleiden, weil ihr der Zwang, in dem sie sich befand, peinlich wurde. Als sie die Zimmer betrat, die sie bewohnen sollte, war ihr erster gang zu den Fenstern, von denen sie eine herrliche Aussicht in die weiten, tiefen Täler hatte, die das Felsenschloss umgaben. Sie sah mit einer unbeschreiblichen Empfindung den Weg zurück, den sie gekommen war, der sich in der Ferne in einer dunkeln Krümmung verlor. Die Tränen waren ihr so nahe, die Brust so beklemmt, all' ihr Mut mit der Sonne gesunken, die ihre letzten bebenden Strahlen, und lange Schatten auf die Fluren warf. Auf einmal rauschten die Flügeltüren auf, undihre Mutter trat herein.

Verzeih, meine Tochter, sagte sie, dass ich Dich überrasche, aber Du wirst aus meinem Besuch sehen, dass ich es gut mit Dir meine. Dein Vater ist nicht ganz zufrieden mit Deiner Art, Dich vorzustellen, und ich muss selbst gestehn, dass Dein Niederknieen und Deine Tränen etwas sehr Romaneskes hatten. Indessen muss man dies der bürgerlichen Erziehung zurechnen, die Du gehabt hast, und deren Rost sich bald in besseren Gesellschaften abreibt. Um nun den Eindruck wieder auszulöschen, den dies auf meinen Gemahl zu Deinem Nachteil gemacht hat, will ich Dir Verhaltungsregeln geben, wo Du Dich noch nicht zu betragen weisst. Fürs erste kleide Dich so elegant an, wie möglich, und bediene Dich dieses Schmuckes