ein Andrer meine Neigung besitzt. Ich will, wenn er gut ist, ihn schätzen, wenn er Fehler hat, sie schonen, ich will alles tun, was ich kann, um meine Pflichten zu erfüllen.
Jene heilige Ruhe, die jeden guten Vorsatz begleitet und belohnt, erfüllte ihre Seele, und ward ihr zur Aufmunterung, ihren Entschluss auszuführen. – August beherrschte indess ihre Gedanken noch immer mit der Zärtlichkeit, die er ihr eingeflösst hatte, und die er so sehr verdiente. Er will mich nicht wieder sehen, sagte sie zu sich selbst, als acht Tage vorüber waren, und er noch immer nicht kam, – er will das Bild der Unglücklichen durch Entfernung aus seinem Herzen bannen, der Unglücklichen, die ihm entsagen muss. – Sie fand sich durch sein Betragen geehrt, er wurde ihr noch werter durch die Delikatesse, mit der er ihre Schwäche behandelte. Den Unwillen, mit dem er von ihr schied, hatte sie ihm längst vergeben, – sie glaubte, und hatte Recht zu glauben, – dass bei einem unparteiischen Nachdenken über sie, selbst die leiseste Spur desselben schon längst verschwunden sei. – Aber Madam Wilmut bemerkte mit Verwunderung, dass sich August gar nicht mehr sehen liess. Seine wohnung war nicht weit von der ihrigen, – sie beschloss, selbst hinzugehen, und ihn zu fragen, was ihn abhielt, zu ihr zu kommen.
Ein wenig blass, aber ruhig fand sie ihn bei seinen Zeichnungen. Als er seine Mutter gewahr wurde, stand er auf, küsste ihre Hand, und bezeugte ihr seine Freude, sie bei sich zu sehen.
Wie, mein Sohn! sagte Madam Wilmut verwundert, weder Krankheit noch Geschäfte haben Dich abgehalten, mich zu besuchen? und während ich mich unruhig nach Dir sehnte, sitzest Du ganz phlegmatisch bei Deinen Malereien, da Du doch weisst, wie viel Freude es mir macht, Dich bei mir zu haben?
Seine Wangen färbten sich mit einem schwachen Rot bei den sanften Vorwürfen seiner Mutter. Sein Auge wurde feucht, er sank an die mütterliche Brust, und brach in einen Strom von lang verhaltnen Tränen aus. Was ist Dir, August? rief Madam Wilmut bestürzt, was hast Du für Kummer? Rede, entdecke Dich mir, – so hab' ich Dich noch nie gesehen!
O, meine Mutter, schluchzte August, und drückte sich fester an sie, ich bin sehr unglücklich!
August, Du erschreckst mich! Was hast Du gemacht? – Ach es muss etwas sehr schlimmes sein, da Du es nicht wagtest, Dich mir anzuvertrauen, und wie konnte ich so etwas von Dir erwarten.
August gab sich Mühe sich zu sammeln, und stillte seine Tränen. Nein, beste Mutter, sagte er, befürchten Sie nichts. Ich bin unglücklich, aber Ihrer Liebe nicht unwert. Meiner Ruhe hab' ich das schmerzhafte Opfer gebracht, nicht mehr zu Ihnen zu kommen, wo ich sonst meine glücklichsten Stunden verlebte, aber wenn ich auch schwach bin, so verdiene ich doch gewiss Ihr Mitleid, Ihren Rat, Ihren Trost. –
Mein Herz war immer Ihren Augen offen, aber ach, seine wichtigsten Bewegungen sind Ihnen doch entgangen. Ich liebe, liebe Josephinen mit einer leidenschaft, die lange in mir schlummerte, da ich sie nur für achtung hielt, die aber mit aller Heftigkeit meiner lebhaften Gefühle jetzt erwacht ist. – Josephine ist das erste Mädchen, das mir gefallen, das erste, das mein Innerstes gerührt hat. Sie wissen selbst, wie liebenswürdig sie ist, – ach, können Sie mich tadeln, wenn ich den Abgrund fliehe, dem ich so nahe bin?
Madam Wilmut stand da in ein bitters Erstaunen verloren. Und weiss Josephine um Deine Liebe, rief sie, liebt sie Dich wieder? –
Ich konnte ihr nicht verschweigen, was ich für sie empfand, versetzte August. Die stimme der Hoffnung, die mich zum geständnis aufrief, war trügerisch, aber doch lag sie zu tief in mir, als dass ich sie hätte vertilgen können. Josephine liebt mich wieder, – aber mehr als mich, ihren Stand, ihre Verhältnisse, ihre Pflichten. Ich will sie nicht wiedersehn! Meine verweinten Augen sollen sie nicht zu meinem Vorteil bestechen. Zeit und Entfernung von ihr werden mich beruhigen, und vor allen Dingen dann Ihr tröstender Umgang, liebe Mutter! und die Vorstellung, dass Josephine glücklich ist ohne mich. Ach, ich hatte ihr freilich die Opfer nicht ersetzen können, die sie mir hätte bringen müssen, um mich glücklich zu machen. – Ich hätte ihr nichts geben können, als mein Herz voll unbeschreiblicher Liebe, und, – indem er in ihre arme fiel, und sie unter neuen Tränen umschloss, – eine Mutter, die sie doch in jenem stand, auf den sie stolz ist, nicht so gut und edel finden wird, wie die, die dann die ihrige geworden wäre.
So unangenehm auch der Madam Wilmut die ganze Sache war, die für diese Liebe traurige Folgen vorher sah, da sie den festen, stillen, rief empfindenden charakter ihres Sohns kannte, so entschuldigte doch ihr mütterliches Herz Augusts Unbesonnenheit, mit der er sich Josephinen entdeckt hatte, und sie beschloss, alles mögliche zu tun, um die Flamme zu löschen, die so hell noch in ihm brannte.
August! sagte sie zu ihm, Du hast nicht die rechten Mittel gewählt, Josephinen zu vergessen. Der Weg, den Du