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lange würde mich selbst die zärtlichste Liebe nicht zurückhalten, ihn wieder zu brechen. Die Pflichten eines Kindes gegen seine Eltern sind das heiligste in der natur, und wehe dem, der sie nicht erfüllt. – Nein, ich werde nie ungehorsam sein! Schon der Gedanke, meine liebsten Wünsche dem kindlichen Gehorsam aufgeopfert zu haben, würde Trost in meinen Kummer mischen, und indem ich, um ihrem Willen zu folgen, dem meinigen entsagte, würde ich Ersatz in der beruhigenden überzeugung finden, meine Schuldigkeit getan zu haben.

Liebenswürdiges, edles Mädchen! rief August, ich bewundre Sie, ob ich Ihnen gleich nicht nachahmen könnte. Den sonst so schönen, festen Ton seiner stimme hatte die Anspruchslosigkeit auf Glück gebrochen, die sein Herz mit Wehmut füllte. Sein Auge, in das eine helle Träne trat, schien zu sagen: O warum so viel Edelmut, und so wenig Liebe!

Josephine hatte ihm wirklich in dem, was sie sagte, ihre wahrsten Gedanken entüllt. Sie war jetzt überzeugt, dass der warme Anteil, den sie an ihm nahm, das Wohlwollen, das sie für ihn fühlte, und die achtung, die ihr eine lange Bekanntschaft mit den vielen guten Seiten seines Karakters eingeflösst hatte, durch genaues Nachdenken über alle diese Gefühle zur zärtlichsten Liebe geworden war. Für einige Stunden konnte sie sich mit süssen Hoffnungen täuschen, und o wie selig waren diese Stunden nicht! Sie überliess sich mir dem ganzen Ungestüm eines jungen Herzens, in dem alle Empfindungen im Blühen sind, der Schwärmerei, die sie dahin riss; aber dieser Zustand der Bezauberung dauerte nicht lange, und dann stand mit desto bitterern Farben die wirkliche Welt vor ihr, aus der eine gereizte Fantasie sie entrückt, und in eine idealische versetzt hatte.

Ich liebe ihn, rief ihr ganzes Wesen, aber ich will ihn vergessen, weil ich ihn nie besitzen darf! – Ach, es war so schwer. – Sie sah ihn wieder, und sein Anblick änderte ihren Entschluss. laut sprachen alle ihre Gefühle in ihr: Das ist der einzige Mann, mit dem Du glücklich sein kannst, und indem sie sich mit frohem, kurzem Vergessen von der Erinnerung ihrer Verhältnisse hinwegwandte, wünschte sie das geständnis seiner Liebe, um es mit allem Feuer der ihrigen erwiedern zu können. Als aber August von einer leidenschaft sprach, von Gott gebilligt, aber von der Welt verdammt, da trat das Andenken ihres Standes wie ein Gespenst der Mitternacht zwischen die klopfenden Herzen, die sich einander nähern wollten, und sie rief alle Kräfte ihrer Seele zusammen, um mit Ruhe und scheinbarer Gelassenheit ihm jede Hoffnung benehmen zu können, die, wie sie wusste, vergeblich gewesen wäre.

Josephine stand auf, um sich zu entfernen, weil sie fühlte, dass ein längeres Bleiben ihrem Vorsatz gefährlich war, und dass die angenommene Gleichgültigkeit, mit der sie gesprochen hatte, schon wärmeren Empfindungen zu weichen anfing. – August, in seinen Schmerz verloren, sah sie mit unbeschreiblicher Wehmut an; in ihr schönes, ernstes Auge, welches lächeln wollte, stieg eine glänzende Träne, – sein Schicksal spiegelte sich in ihr. Er sank vor ihr nieder, – ein Gefühl ohne Namen beklemmte seine Brust. Die Erklärung einer Liebe entfloh seinen bebenden Lippen, und Josephine, zu schwach, ihr überwallendes Herz zu besiegen, gab ihm in einer langen Umarmung das Bekenntniss der ihrigen hin.

In späten zeiten noch hing August gern an der Erinnerung dieser Stunde. Das Weh der Hoffnungslosigkeit, das sich in den ersten Kuss der Liebe mischte, milderte das Entzücken sich geliebt zu sehen, und goss Wehmut in den jubel der Freude.

O, Wilmut! rief Josephine, warum haben Sie mich genötigt, das Schweigen zu brechen, das ich mir gelobte. Ich liebe Sie, aber ich m u ss , ich w i l l diese Neigung bekämpfen, und sollte ich unterliegen.

Wie, Josephine? Ist das Liebe? – Ich würde um Ihrentwillen die ganze Welt aufopfern, wenn Sie es wollten, und diese heilige Flamme in meiner Brust, die Sie entzündet haben, würde mir eine reiche Belohnung meiner Entsagung sein, auch wenn mir nichts bliebe, als sie; und Sie wollen das ganze Glück meines Lebens zertrümmern, weil mir das Schicksal keine Ahnen gab? –

Ist Ihr Glück nicht auch das meinige? versetzte Josephine. O August! Sie werden nicht allein unglücklich sein, wenn ich Ihnen auf ewig entsagen muss. Aber ich kenne meine Eltern. Die leiseste Ahndung unsrer Liebe, und ich wäre verloren. Ach, Wilmut, ein andrer hat schon von ihnen das Versprechen meiner Hand, – ich kann nichts tun, als gehorchen, und um Sie weinen! Sie verbarg ihr Gesicht in seinen Busen, und liess ihren Tränen freien Lauf.

Sie könnten nichts tun, als gehorchen, und um mich weinen? sagte August. O, Josephine, Sie können mehr, wenn Sie mich lieben. Hier, er hielt ihr die Landschaft entgegen, und zeigte auf die einsame Hütte: – hier ist ein Zufluchtsort für treue Liebe, und mit allem, was ich bin und habe, will ich Ihnen die Opfer versüssen, die Sie mir bringen.

Haben Sie vergessen, antwortete Josephine mit einem schmerzhaften Lächeln, dass ich Pflichten auf mir habe, denen meine leidenschaft weichen muss? Dürft' ich meinem Herzen folgen, o wie gern entsagt' ich allen den Vorteilen, die mir das Glück gab, um Ihnen