1799_Ahlefeld_000_13.txt

Tochter der Liebe und des Schmerzes ist. O, man möchte sie nicht vertauschen um alle Freuden, die uns späterhin das Schicksal reicht, diese süsse, frohe, wehmutsvolle Unruh, die die Brust beklemmt, welche bisher nur die Unschuld kannte, und jetzt mit ihr die Liebe verschwistert fühlt.

Auch August suchte die Einsamkeit, die Freundin und Vertraute liebekranker Herzen, mit Josephinens Bilde auf, an dem seine Blicke voll schwärmerischer Innigkeit hingen. Ach, sie allein vermag diese unendliche Leere zu füllen, rief eine innere stimme in ihm mit dem zauberischen Tone der Liebe. Er drückte das Bild an sich, und benetzte es mit Tränen. Ach, wenn sie mich wieder liebtewie unendlich selig wär' ich da! Er verfolgte diese idee mit dem ganzen Feuer der leidenschaft, und süsse, trügerische Hoffnungen erwachten in ihm. Zwar sah er die Unmöglichkeit sie jemals zu besitzen, aber er setzte die Täuschung fort, die ihm so wohltätig war, und seine glühende Fantasie führte ihn in die Zaubergefilde einer erträum ten Zukunft, wo Josephine das geständnis seiner Empfindungen mit einem frohen Erröten vernahm, und mit dem Bekenntniss ihrer Gegenliebe belohnte. Sie wurde sein, und bei dem Gedanken öffnete sich ihm der Himmel. – Armer August!

Als sie am andern Tag sich wieder sahen, las Wilmut in dem Antlitz seiner Josephine eine süsse Verwirrung. Sie schlug die Augen nieder, wenn sie seinen Blicken begegnete, und betrachtete ihn mit stummen Entzücken, in das sich einige Wehmut mischte, wenn es unbemerkt geschehen konnte. Endlich waren sie allein. Josephine setzte sich zu ihren Zeichnungen nieder, ihr Herz pochte laut. Sie wünschte und fürchtete eine Erklärung. – Aber Wilmut schwieg. –

Diese Landschaft, hub sie endlich mit bebender stimme an, macht mir sehr viel Freude zu zeichnen. Der Hintergrund ist so feierlich, – die blauen Berge, die sich in die tiefen, einsamen Täler verlieren, der Strom, der sich tobend vom Gipfel des Felsen hinabstürzt, und schäumend im Tale dahinströmt, – – und hier an der Seite die friedliche Hütte, mit Epheu bezogen, die so ruhig die sanfte Anhöhe hinunter blickt, auf der sie steht, es ist ein so lieblicher Kontrast zwischen den erhabnen Naturschönheiten, und der stillen Häuslichkeit in dieser Landschaft. Meinen Sie nicht auch, Wilmut? –

O, gewiss, versetzte August, und heftete sein Auge auf das einfache Häuschen, das auf einem waldigen Hügel lag. Es blickt sich schön auf das majestätische Gebirge und auf den tobenden Strom, der herab braust. Aber schöner, fuhr er mit leiser, gerührter stimme fort, schöner muss sichs dort in der isolirten Hütte wohnen, die aus dem Grünen so freundlich heraus sieht. Ich kann mich von dem Gedanken nicht losreissen, dass irgend eine unglückliche Liebe, die die Welt verdammte, aber die Gott gut hiess, in ihr einen Zufluchtsort gegen die Stürme des Schicksals suchte und fand.

Die die Welt verdammte, aber die Gott gut hiess? wiederholte Josephine kaum hörbar.

Ja, fräulein! antwortete August, der sich in wehmütigen Träumen verlor. Gesetzt, dass ein Paar Herzen, aufgefordert durch die natur und ihre Uebereinstimmung in allen Punkten, sich zu lieben, mit der ganzen Wahrheit jener heiligen Gefühle an einander hingen, und die Konvenienz träte zwischen sie, und die Welt tadelte ihre reine Liebe, – o wie beneidenswert wären sie dennoch, wenn sie beide den Mut hätten, einander die Verhältnisse zu opfern, die sie trennen wollten! Wenn sie einer Welt entsagten, die so voll von Vorurteilen ist, und in einer ähnlichen Einsamkeit durch wechselseitige Liebe und Treue einander Alles wären! Glauben Sie nicht, dass Gott eine solche Liebe segnen würde, auch wenn sie Menschen verdammten? Glauben Sie nicht, setzte er lebhafter hinzu, dass eine solche Liebe reichen Lohn für jede Aufopferung in sich selbst hat? – –

Ich weiss es nicht, sagte Josephine, indess bin ich der Meinung, dass eine solche Liebe, so schön sie auch ist, doch immer denen nur ein Ideal bleiben muss, die höhere Verbindlichkeiten haben.

Höhere Verbindlichkeiten? fragte August verwundert.

Ja, erwiderte Josephine. Ich fühle, dass es oft Pflicht sein kann, das Urteil der Welt zu verlachen, wenn es unserm wahren Glück im Wege steht. Ich bin fest überzeugt, dass die erste stimme, der wir folgen müssen, die stimme unsrer Vernunft und unsers Herzens, nicht die des Publikums sein muss; aber eben so sehr bin ich auch überzeugt, dass man alles Mögliche tun soll, eine Liebe zu ersticken, die man überhand nehmen sieht, ohne die Hoffnung, sie laut und stolz bekennen zu dürfen. Setzen Sie den Fall, ich liebte, liebte einen Mann unter meinem stand, der jede liebenswürdige Eigenschaft hätte, nur nicht die kleinen unseligen Vorzüge, die Rang und Reichtum geben und die ein volles Herz gewiss leicht entbehrt, setzen Sie den Fall, ich liebte ihn mit der innigsten leidenschaft, ich wäre seiner Gegenliebe gewiss, so gewiss ich mit keinem andern glücklich sein könnte, was, glauben Sie, würde ich tun?

Sie würden ihn glücklich machen, und selbst glücklich sein! sagte August heftig bewegt, denn ihm war, als entscheide sich jetzt das Schicksal seines ganzen Lebens.

Nein, Wilmut! antwortete Josephine mit Rührung und einer Träne im Auge. So lange der Segen meiner Eltern den Bund nicht heiligte, den mein Herz geschlossen hätte, so