zu verwalten wusste. Josephine hatte viel Geschicklichkeit, und fand Geschmack an der Malerei; sie machte sehr bald grosse Fortschritte, und August beschäftigte sich am liebsten mit ihr, weil ihre Leichtigkeit zu lernen seinem Bestreben, ihr nützlich zu sein, gefällig zu hülfe kam.
So mochten ungefähr zwei Jahre vorübergegangen sein. Josephine war eins der schönsten Mädchen geworden, aber August, der ihre Reize nach und nach sich hatte entfalten sehen, bemerkte es nicht, weil er an ihren Anblick gewöhnt war. Die gelegenheit sich täglich zu sehen und zu sprechen, hatte bei Josephinens liebenswürdigen Eigenschaften ihr seine ganze Zuneigung erworben, aber sie war nicht leidenschaftlich, sondern wie die ruhige Liebe des Bruders zu der Schwester. Auch Josephine fühlte ein Wohlwollen für ihren Freund, das mit einer stillen, reinen Flamme in ihrem Innersten loderte, und ihr Herz mit dem zarten Vertrauen der heiligsten Freundschaft ihm öffnete. Es ward ihr wohl in seiner Gesellschaft, und die Stunde, die zum Zeichnen bestimmt war, wurde allemal von ihr mit froher Ungeduld erwartet. Das Vergnügen, das sie in seinem Umgang fand, leuchtete aus ihren Augen, und entging Augusts Blicken nicht, der ihr Wohlwollen zu schätzen wusste, und sich immer mehr ihr mit wärmern Gefühlen näherte, je mehr er sah, dass Josephine sich mit der ganzen Unschuld ihrer reizenden Unbefangenheit an ihn anschloss. Um diese Zeit wollte August einen Versuch im Portraitmalen machen. Er bat Josephinen um die erlaubnis, sie malen zu dürfen, und sie erlaubte es gern. Schnell waren seine Anstalten getroffen, und Josephine sass in einer schönen, ungezwungenen Stellung, die ihr eigen war, ihrem jungen Maler gegenüber.
Sechstes Kapitel
Es ist gefährlich für ein Paar junge, unerfahrene Herzen, die noch nicht ihr Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Lebens trieben, deren Unschuld bisher die stimme der natur in leise Seufzer erstickte, – sich blick an blick, Auge in Auge, Seele in Seele, gegenüber zu sitzen.
Josephine, die sonst ganze Stunden mit August allein gewesen war, ohne im mindesten verlegen zu sein, ohne eine höhere Röte auf ihren Wangen, ohne einen lautern Herzensschlag in ihrem Busen zu fühlen, – Josephine sah sich jetzt kaum genötigt, ihrem Freund unverwandt ins Auge zu schauen, als sie eine süsse Beklemmung ergriff, die ihrem Gesicht eine noch nie empfundene Glut, ihrem blick einen sonderbaren Blitz, – sogar eine Träne gab. So unbeschäftigt hatte sie noch nie vor ihm gesessen, so war er ihr noch niemals vorgekommen. Sein Auge, sonst sanft und ruhig, schien jetzt von einem Feuer beseelt, das bald auch Josephinens Wesen durchschwärmte, und zuletzt war das Resultat ihres ununterbrochenen Einanderansehns die Bemerkung, die jedes zum ersten Mal machte, dass sie ausserordentlich liebenswürdig wären.
Josephine stand auf, und August gab ihr das Bild hin. Es war nur eine flüchtige Skizze, aber mit allem Liebreiz des Originals ausgestattet. Josephine erstaunt über ihre eigne Anmut, mit der sie noch so wenig bekannt wer, errötete, und sagte, indem sie es mit gesenktem blick betrachtete: O, Wilmut! Sie haben mir geschmeichelt, ich bin nicht so schön.
Ich bin nicht so glücklich gewesen, Sie ganz zu treffen, versetzte August, aber wie wär' es auch möglich, dies schöne Auge, aus dem der Himmel lacht, diese milde, majestätische Stirne, diese süssen, freundlichen Lippen, diese blühenden Wangen, wie vom Morgenrot überzogen, getreu zu schildern. Kein Pinsel wird je Ihre Liebenswürdigkeit ganz erreichen, und ich habe dies zu sehr gefühlt, als dass ich hätte hoffen dürfen, glücklicher zu sein.
Wollen Sie mich stolz machen, sagte Josephine, oder, welches mir wahrscheinlicher dünkt, über mich spotten?
Keines von beiden, antwortete Wilmut mit einem tiefen Seufzer, ich will schweigen.
Er entfernte sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung, und die junge Gräfin blieb zurück, und sah ihm nachdenkend nach. Diese einzige Stunde hatte auf einmal Licht über das Dunkel ihres Herzens verbreitet. Das Wohlwollen, das sie für August empfand, fühlte sie um vieles erhöht. Es war inniger, zärtlicher geworden, und galt nicht mehr allein seiner Güte und seinem sanften edlen charakter, sondern auch seiner Gestalt, in der vollen Blüte der Jugend und Gesundheit. Sie rief sich sein Bild zurück, – sein grosses, flammendes Auge, aus dem die erwachende leidenschaft sprach, – seine angenehmen Züge, durch die Glut seiner Empfindungen doppelt seelenvoll und belebt, den Adel seiner Figur, die Würde seines Ganges, den Ton seiner stimme. Ihr war, als nähme eine unsichtbare Hand auf einmal den Schleier hinweg, der sie verhindert hatte, seine Anmut eher zu fühlen und zu sehen. Mit einer unbeschreiblichen sehnsucht breitete sie ihre arme aus, und rief August! August! mit bebendem laut, und umsasste die leere Luft, als wär' es der geliebte Jüngling. Dann ging sie in ihr Zimmer, und warf sich träumend aufs Sopha. Ach, es gibt eine Schwermut, in manchem Zeitpunkt des Lebens so süss, – die unzertrennliche Begleiterin der ersten Liebe.
In den goldnen Flittertagen, wo die Kraft zu lieben im inneren der Seele erwacht, wo der Gegenstand schon gefunden ist, der uns die Fühlbarkeit unsers Herzens lehrt, da hält der süsse Sturm namenloser Gefühle, die Ungewissheit der Gegenliebe, an die sich die Hoffnung wie ein strahlender Engel anschliesst, immer eine Träne im Auge bereit, die die holde Wehmut hervorbringt, welche die