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eben so schwere, als ehrenvolle Amt einer Erzieherin verlangt. Aus einer glücklichen Ehe war ihr ein einziger Sohn geblieben, der durch alle die guten Anlagen, die sich schon frühe in ihm entwickelten, den Schmerz über den Verlust ihres geliebten Mannes milderte, und in eine stille Trauer verwandelte, die ihr lieber war, als alle Freuden eines Herzens, das noch nie gelitten hat, und dem der süsse Gram fremd ist, mit dem man verhüllte Aussichten, vergebliche Hoffnungen, verlorne Freunde betrauert. Als sie Witwe ward, bot man ihr in den angesehensten Familien die Erziehung der Töchter an, aber eine gewisse Unabhängigkeit war ihr lieb geworden, und sie konnte sich nicht entschliessen, ihr zu entsagen. Sie nahm ihr kleines Vermögen zusammen, um eine Kostschule zu errichten, und es gelang ihr. Die Sanftmut ihres Wesens, so viel Vertrauen einflössend, die Nachsicht, mit welcher sie ihre Zöglinge behandelte, vor der so gern jugendliche Herzen sich öffnen, und der gutmeinende Ernst, mit dem sie tadelte und strafte, erwarb ihr die Liebe und achtung der Eltern und Kinder. Josephine schloss sich mit Innigkeit an die ehrwürdige Matrone. So warm war man noch nie ihren Empfindungen begegnet, so herzlich hatte man noch nie ihren Gefühlen geantwortet, wie jetzt, und sie sah sich zu einem neuen, bessern Leben erwacht, zu einem Leben, welches ihr im einförmigen Kreise ihrer bisherigen Existenz immer wie ein schönes Ideal vorgeschwebt war, aber ohne die Hoffnung, es je realisirt zu sehen.

Madam Wilmuts Metode war sehr einfach, die Herzen ihrer Untergebenen mit dem festen Bande einer zärtlichen Freundschaft an sich zu ziehen. Sie bewies ihnen Vertrauen, und nahm dafür im schönen Tausche das ihrige hin. Sie tadelte immer nur den Fehler, nicht die person, die ihn hatte, und vermied auf alle Weise die Eigenliebe zu verwunden, die, wenn sie richtig geleitet wird, oft die edelsten Gemüter bilden hilft. Ihr Ton war so mütterlich und schonend, dass er tief in die zarten Seelen eindrang, und sie mit kindlicher Liebe erfüllte. Seid wahr und einfach, sagte Madam Wilmut ihren Zöglingen oft, und sie wurden es, weil ihr Beispiel dasselbe sagte. Sie lehrte die jungen Mädchen immer tätig, nie müssig sein, weil Fleiss eine der lieblichsten Blumen im Kranz weiblicher Tugenden ist. Sie empfahl ihnen Verschwiegenheit, und zeigte ihnen, dass durch den Mangel derselben schon oft der stille Friede einer ganzen Familie zertrümmert, die Eintracht der festesten Freundschaft unterbrochen, das Glück der innigsten Liebe gestört worden sei. Tränen zitterten dann in Josephinens schönem, blauem Auge, und sie tat sich und Madam Wilmut das feierliche Gelübde, jedes geheimnis, das ihr die Zukunft anvertrauen würde, treu in ihrem Busen, wie in einem grab, zu verwahren. Seid streng gegen eure eignen Fehler, aber nachsichtig und duldend gegen die Fehler andrer, bat Madam Wilmut; aber Josephine schüttelte dann zweifelnd mit dem Kopf, denn ob sie gleich den ersten teil dieser Lehre an sich selbst anwandte, so konnte sie doch gegen fremde Fehler kaum die Miene der Toleranz beobachten, und kaum fremde Schwächen nur bemitleiden. Sie fühlte ihren inneren Wert und die Kraft zum Guten zu sehr in sich, als dass sie nicht von Andern alles das hätte fordern sollen, was sie selbst zu leisten im stand war. Madam Wilmut konnte diesen Stolz, der sich auf die Reinheit ihres Herzens gründete, weder missbilligen noch vertilgen. Sie suchte ihn bloss zu mildern, und es gelang ihr. Dieser Stolz, dachte sie bei sich selbst, wenn sie ihn in seiner ganzen Würde erhält, wird sie niemals sinken lassen. Sie wird sich fest und rein auf der Spiegelglätte des Hofs erhalten, und die Klippen der grossen Welt vermeiden, ohne an ihnen gescheitert zu sein.

Josephine war die älteste ihrer Pflegetöchter, und da sie von dem allgemeinen Unterricht der Kleinern ausgeschlossen war, so brachte sie den grossten teil ihrer zeit in der belehrenden Gesellschaft der Madam Wilmut zu. August Wilmut pflegte auch, so oft es sein Dienst erlaubte, – er war Offizier, – diese stillen Stunden zu teilen, die das sanfte, unterrichtende Wesen seiner Mutter, und Josephinens heitrer Geist, durch einen freundlichen Ernst gemässigt, zu Stunden des himmels umschuf.

August war ein liebenswürdiger junger Mann, noch in der ersten Blüte der Jugend. Seine Gestalt war angenehm, ohne schön zu sein, denn sie trug den Stempel der Güte und des Edelmuts. Er verband dieses Gefühl und reine Moralität mit einem festen charakter, und die Liebe und Verehrung, die er für seine Mutter empfand, machte seinen Sinn weich und biegsam, und gab ihm eine Sanfteit, die seinen Umgang sehr angenehm machte. Er hatte noch nie geliebt. – Oft, in der Einsamkeit, in der er gewöhnlich lebte, gab er süssen Träumereien Raum in seiner Seele, und seine Fantasie webte immer mit leiser Ahndung die Freuden einer glücklichen Liebe in die Bilder der Zukunft, die er sich entwarf. Aber noch hatte er das Wesen nicht gesucht und nicht gefunden, das ihm fähig schien, die Leere seiner Seele zu füllen. Schöne Gesichter waren ihm wie schöne Blumen, ein lieblicher Anblick, aber noch keins hatte seine glückliche Ruhe unterbrochen.

August zeichnete sehr schön. Seine Mutter stellte ihn scherzend als Lehrmeister ihrer Untergebnen an, und da man sich von beiden Seiten Mühe gab, und mit einander zufrieden war, so liess sie ihm ein Amt, das er so wohl