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soll ich es ihr entreissen? Wer gibt mir das Recht, es zu tun? Ach, ich hätte meine Welt in Deiner Liebe gefunden, setzte er voll Wehmut, mit allem Schmerz unbefriedigter Liebe hinzu, und Du wolltest mir Deine Grillen nicht opfern? Behalte sie denn, und sei glücklich, ich will Dich vergessen! – Er seufzte, und mit jedem neuen Seufzer goss seine immer mehr und mehr besänftigte Fantasie stillere Ruhe und Ergebung in seine Seele.

"Komm, lerne Deine Braut kennen, schrieb ihm sein Vater aus der Residenz, sie verlässt in diesen Tagen die Pension, in der sie erzogen wurde, und ist bereit, Deine Hand anzunehmen. Ehe zwei monat ins Land gehen, müsst Ihr verbunden sein."

Diese Nachricht ergriff den jungen Grafen mit einem sonderbaren Schrecken. Er war kein Freund des Ehestandes, indessen wollte er keinesweges dem Bande ausweichen, das ihn an Josephinen knüpfen sollte, ob er gleich überzeugt war, dass es einen teil der Freuden seiner goldnen Unabhängigkeit stranguliren würde. Eine lange Reihe ihm bisher so fremder Gedanken schloss sich an die Aussicht seiner nahen Verheiratung. Josephine soll schön und geistreich sein, dachte er bei sich selber, sie wird mich wenigstens zerstreuen, wenn sie mich auch nicht zu fesseln vermag. – Sein Trübsinn floh vor einer Menge Bilder der Zukunft, denen wenigstens die Neuheit Reize lieh. Noch einmal versuchte er Marien zu sprechen, aber umsonst, ihre Tür blieb ihm verschlossen, die Klagen, die er in seine Briefe goss, fanden nicht den Weg zu ihrem Herzen.

So reisete er ab, mit dem festen Vorsatz, ihr Andenken in ewige Vergessenheit zu begraben. Als sein Wagen durch die Vorstadt an ihrem haus dahin flog, und an der Gartenmauer vorbei, über die die dunkeln Linden flüsternd sich beugten, die in jener glücklichen Nacht ihn und seine Marie in ihren vertraulichen Schatten nahmen, da ward ihm das volle Herz so gepresst, und noch einmal empörte sich laut sein Unmut gegen ihre strenge Tugend. O, rief er unwillig aus, warum habe ich jene Stunden so ungenützt verstreichen lassen, die mir Mariens Liebe auf immer erworben hätten, wenn ich nicht zu gewissenhaft gewesen wäre! Jetzt wäre sie mein, und meine flammende Zärtlichkeit hätte längst ihre Zweifel beruhigt, und besser als alle die Gründe, mit denen ich ihre Unschuld einzuwiegen gedachte, mich dem Ziel meiner Wünsche genähert.

Er gab sich Mühe, sie zu vergessen, sie zu verachten, aber es war nicht möglich. Seine sehnsucht nach ihr wuchs mit dem Raum, der sie trennte. Er erinnerte sich ihrer Liebkosungen, so süss und rührend, ihrer Reize, ihrer glühenden Liebe, mit der holdesten Sittsamkeit verbunden, und ein tiefer Seufzer, dass dies alles nicht bestimmt war, s e i n Leben zu verschönern, klagte um die Vergangenheit. In seinen Unwillen gegen Marien mischte sich dennoch eine geheime achtung für ihre festen Grundsätze. Was für eine Tugend muss das nicht sein, sagte er, die eine so innige Neigung überwindet? Sie muss glücklich machen, weil sie nach dem allgemeinen Wahne, der ihr huldigt, Ansprüche auf ein besseres Leben gibt. Könnt' ich auch m i c h täuschen, und an sie glauben! setzte er hinzu; die Hälfte der Freuden, die ich durch die Freimütigkeit meiner denkart genoss, gäbe ich gern um diesen frommen Betrug meiner Sinne dahin.

Während Wodmar mit dem Gedanken an Marien beschäftigt, seiner Braut tiefsinnig sich näherte, ward er von dieser mit zerrissnem Herzen erwartet. Josephine, fest entschlossen, dem mann, den man ihr bestimmte, ihre Hand zu geben, ob sie ihn gleich nicht kannte und nicht liebte, ob sie gleich, ohne ihn gesehen zu haben, durch ein andres Bild, das in ihrer Seele wohnte, schon sogar wider ihn eingenommen war, Josephine, die mit heimlichen Tränen sich die Entsagung ihres Lieblingswunsches errungen hatte, musste oft ihren ganzen Stolz zurückrufen, um das Beben zu ersticken, das bei der Annäherung seiner Ankunft sie überfiel.

Ach, sie war nicht glücklich, so viel sie auch beneidet wurde. Unter einer kalten, stolzen Aussenseite verbarg sie ein weiches, gefühlvolles Herz, das mehr verlangte, als Geld und einen gräflichen Bräutigam. Ihr Sinn war ernst und melancholisch, tiefe Gefühle lagen in ihrer Brust, und wenn auch der Zwang ihres Standes sie mit einer Hülle von Kälte überzog, wie der Schnee die duftenden Veilchen, so lohnte sich doch das Aufsuchen bei diesen wie bei jenen. Ihre Eltern, zu unbedeutend, um viel von ihnen zu sagen, verliessen die Residenz als Josephine vierzehn Jahr alt war, weil ihr gutes Vernehmen mit dem Hof durch ihre allzugrossen Ansprüche auf Auszeichnung gestört worden war. Josephine, mit der man sich im Prunk eines glänzenden Lebens wenig beschäftigt hatte, ob sie gleich die einzige Tochter, und, was der Welt noch mehr galt, die einzige Erbin ihrer Eltern war, – Josephine bedurfte noch einer feinern Ausbildung, um vollendet zu sein, und da man bei dem finstern Missmut, der die Ihrigen aufs Land begleitete, zweifelte, ihr diese selbst geben zu können, so liess man sie in einer Erziehungsanstalt, die vieles Aufsehn machte, und die erst vor kurzem durch eine gewisse Madam Wilmut errichtet worden war.

Madam Wilmut war eine Witwe mit vielen Kenntnissen, aber einem geringen Vermögen. Vor ihrer Verheiratung hatte sie sich als Gouvernante in verschiedenen grossen Häusern alle die Fähigkeiten erworben, die das