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Charlotte von Ahlefeld

Marie Müller

Erstes Kapitel

Marie Müller war die einzige Tochter eines wohlhabenden Bürgers in L., – sein Stolz und die Freude seines Alters. Ihre Schönheit zeichnete sie früh vor allen Mädchen ihres Standes aus, und ihr Vater sparte nichts, seinen Liebling auch durch eine sorgfältige Erziehung über sie zu erheben. Marie hatte Talente, und liebte ein häusliches Leben. In ihrer Eingezogenheit bildete sich ihr Verstand durch Lesen nützlicher Bücher, und ihre Gefühle wurden durch Nachdenken und natur verfeinert und veredelt. Sie lernte Klavier, und begleitete ihr Spiel mit einer sanften, melodischen stimme; jedoch nur im Geheim, um nicht verspottet zu werden, da sie wohl wusste, dass Vorurteile den unteren Ständen jedes Streben nach höherer Ausbildung untersagen. Fast in allen weiblichen arbeiten war sie Meisterin, und eine liebenswürdige Bescheidenheit erhöhte den Wert ihrer Talente. Sie übte sie nur, um ihrem Vater Freude zu machen, und ihre einsamen Stunden nützlich und angenehm zu beschäftigen. In einer glücklichen Verborgenheit gingen ihre Tage vorüber; – unbekannt mit der Welt und ihren verführerischen Freuden, hatte sich Marie freilich jenen feinen Ton höherer Stände nicht erworben, der den Geist fesselt, aber in ihrem ganzen Wesen herrschte mit zauberischer Allmacht jene reine Innigkeit der unverdorbenen, und doch gebildeten natur, die unwiderstehlich zum Herzen dringt.

Als sie achtzehn Jahr alt war, sagte der Vater: Marie! es ist Zeit, dass ich an Deine Versorgung denke. Ich bin alt und schwach, und würde mit schwerem Herzen sterben, wenn ich Dich so allein zurücklassen müsste. Sage mir, hast Du noch auf keinen Mann gesehen, mit dem Du glücklich sein könntest? Ich will Dich nicht zwingen, nicht einmal ü b e r r e d e n , aber wenn Du Den gefunden hast, den Du Deiner Liebe wert hältst, so entdecke Dich mir, und mache meine alten Tage froh durch Dein Zutrauen, und die Freude, Dich nach Deinem Herzen versorgt zu wissen.

Marie schlang ihre arme um den redlichen Greis, und antwortete mit einer Träne und einem holden Erröten: Guter Vater, rede' Er nicht so ernstaft von den zeiten, wo ich Ihn verlieren werde. Er tut mir zu weh damit. Nicht um nach Seinem tod, den der Himmel noch lange entfernen möge, einen Schutz zu haben, nein, um Seinem Willen zu gehorchen, will ich Ihm recht aufrichtig sagen, was ich denke. Mein Vetter Ludwig ist brav, und scheint mir gut zu sein. Ich fühle eine recht herzliche Freundschaft für ihn, und glaube, ich würde ihm einst gern meine Hand geben, wenn ich denn doch einmal heuraten muss.

O Marie! rief der glückliche Alte, Du hast meinen grössten Wunsch erfüllt, ohne es zu wissen. Längst wollt' ich Dir ihn vorschlagen, und jetzt kömmst Du mir so freundlich zuvor. Er umarmte seine Tochter mit der ganzen Lebhaftigkeit seiner Freude.

Ludwig war der Sohn seines verstorbenen Bruders, ein offner, redlicher Jüngling, seit seinen Kinderjahren mit Marien erzogen. Die Unbefangenheit jenes fröhlichen Alters knüpfte schon früh das Band der festesten Freundschaft unter ihnen. Er hatte sich den Forstwissenschaften gewidmet. Unverdorben, wie die schöne natur, in der er immer lebte, war sein Sinn, und innig seine Liebe zu Marien. Sie hatte schon in den Tagen der Kindheit sein junges Herz erfüllt, und war fester und ernster in spätern Jahren geworden. Wenn den wilden, brausenden Knaben nichts zu bändigen vermochte, so gelang es Marien mit ihrer milden, liebkosenden stimme, die sich sanft und beruhigend in die Tiefen seiner Seele stahl. Ein freundlicher blick, ein Wort von ihr ging ihm über alles, und lenkte alle seine Handlungen und Wünsche. Auch Marie empfand ein herzliches Wohlwollen für ihn. leidenschaft war es nicht, die sie zu ihm hinzog, es war Kenntniss seines inneren, achtung für seinen edlen charakter, lang gewohnte Vertraulichkeit, und die Unwissenheit ihres unbefangenen Herzens, das die Liebe noch nicht kannte.

Nach ihrer Erklärung säumte Müller nicht lange, den Jüngling von seinem Glück zu unterrichten. Ludwig eilte herbei, und empfing Mariens geständnis mit Entzücken. O Marie! rief der Freudetrunkne aus, wie reich macht mich Deine Liebe! Wann, wann willst Du mein sein? –

Sobald noch nicht, versetzte Marie. Du musst Dich erst noch mehr in der Welt umsehn, damit Dir dann ein ruhiges Leben desto besser behagt. O ich weiss wohl, wie Dirs zu Mut war, wenn wir so Sonntags hinaus an den Fluss gingen, und die Gegend breitete sich weit und fruchtbar vor uns aus; – wie Du dann hinstarrtest, mit unbeweglichen Augen, und mich oft fragtest, schon als wir noch Kinder waren, ob ich mich nicht auch hinüber sehnte über die blauen Berge, wie Du? Oder wenn wir in der Ferne ein Postorn blasen hörten, wie Dich das ergriff! – Oder wenn ein leichter Reisewagen an uns vorüber rollteda ward Dirs so eng um die Brust, und Tränen standen Dir oft in den Augen, dass mir's nur selten gelang, mit aller meiner Liebe Deinen finstern Unmut zu zerstreuen. Geh, sieh Dich noch ein paar Jahre um, und dann – – Ihre Worte verloren sich in einen leisen Seufzer, und eine leichte Röte flog über ihr Gesicht.

Es ward beschlossen, dass Ludwig einen Prinzen, der ihm vorzüglich wohl wollte, als Jäger noch ein oder zwei Jahr auf seinen Reisen begleiten