1798_Wolzogen_113_94.txt

aber mit dem ganzen Entzücken, dessen ihre zarte Seele fähig war. Ihre warme Einbildung zauberte sie in die Gegenwart ihrer Geliebten, keine Trennung war für sie.

Die gute treue Rosine umarmte mich mit tausend Freudentränen, hatte mit sibyllinischer Weisheit vorhergesagt, wie es kommen würde, und bediente uns mit unerschöpflicher Redseligkeit. Wie lieblich flogen die guten Geister meiner Jugend um mich her! Aller Hausrat der stillen einförmigen Wirtschaft, jeder Winkel des Hauses rief mir eine holde Erinnerung zurück. Bildend wirkten die Spuren der Vergangenheit auf mein Gemüt; möchte ich bleiben wie hier alles blieb, rein, einfach und still!

Mein Vater sollte den nächsten Tag einen feierlichen Einzug ins Schloss halten; man wollte den guten Leuten, bei denen noch die Feste ein Ausdruck des Herzens sind, die lebendigste Erinnerung dieses Tages schenken.

Man sprach von den Anstalten zu meiner Trauung, sie sollte im Schloss vor sich gehen. Mein Vater, sagte ich zum Prediger, ich wünschte, sie möchte hier sein, hier in diesem Zimmer voll heiliger Erinnerungen der ersten Stunde der Liebe. O jener Abend, mein Vater, – ist er Ihnen nicht auch so unvergesslich?

Nordheim dankte zärtlich, stimmte lebhaft in meinen Wunsch ein, und flüsterte mir sanft zu: Wenn es hier sein darf, meine Agnes, warum nicht heute, warum nicht jetzt? Darf ich Ihren Vater bitten?

Der Prediger hatte Nordheims Wunsch vernommen, und rief lebhaft: Sie haben Recht, der Becher der Freude muss voll werden! Es gibt keinen schönern Augenblick, um Euer Bündniss zu schliessen!

Mein Vater bat mich, einzuwilligen.

Rosine wand einen Myrtenstrauch zum Kränzchen, und schmückte mein ehemahliges kleines Wohnzimmer zum Brautgemach.

So reicht mir auch die Vorsicht noch diesen Genuss, rief der Prediger, indem er mich Nordheim zuführte. Ich sehe das Glück meiner Agnes in würdigen Händen.

Ich empfange alles mit ihr, sagte Nordheim. Was ist das Leben, wenn es nicht unser Herz zu einem Ganzen macht? Am Ziel der Wissenschaft, der Tugend fühlt der Mensch immer nur das Wachstum seiner Kraft, die ganze Kraft selbst fühlt er nur in seiner Liebe!

Man hatte im dorf die frohen begebenheiten vernommen, alles drängte sich zu, und der Abend verging unter rauschender, aber herzlicher Fröhlichkeit.