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Sinne, und der Sturm der sehnsucht verwandelt sich in ein laues Lüftchen.

Aber jetzt schallt der Ton einer Glocke durch die Nacht, und wir kehren mit unserm Empfinden in das engbegrenzte menschliche Sein, in die Bande der Zeit zurück.

Unser Herz sucht den Geliebten aufs neue, und findet nur seine sehnsucht wieder.

Mein Vater, gewohnt in meiner Seele zu lesen, folgte meiner Stimmung. Die sehnsucht wahrer Liebe hat keine Sprache, aber meine Besorgnisse, meine Unruhe, die sich auf jeder Post vermehrten, wo ich Briefe erwartete und nicht fand, beantwortete er oft nur mit einem stillen Lächeln, oft mit dem sanften Vorwurf:

Und alles dieses um einen ausgebliebenen Brief, der so tausend Zufällen unterworfen ist?

Es war etwas Fremdes in diesem Betragen, was mein Herz verschloss und meine Unruh vermehrte.

Das Wetter fing an trübe zu werden, ein trauriger Nebel lag auf allen Gegenden, wie auf meiner Seele.

Wir fuhren eines Abends tiefer in die Nacht hinein als gewöhnlich. Wir waren beide still in die Ecken des Wagens gedrückt. – Nur zuweilen drückte mir mein Vater lebhaft die hände. Als der Wagen hielt, stieg mein Vater rasch aus, zog an einer Glocke. Ein Licht erschien in der Tür. Mein Vater gab mir den Arm, wir folgten schnell dem Diener, der das Licht trug, und ich verbarg meine Augen vor dem Schimmer, der mich nach der Dunkelheit blendete.

Die Tür öfnete sich, ein Licht stand ihr gegenüber; bekannt und vertraulich sprach mich die ganze Anordnung beim ersten Blicke an. Es dünkte mir das Zimmer meines Pflegevaters. Wie in einem Zauberkreis von meiner Verwunderung gefesselt, wagte ich nicht, vorwärts zu gehen. Zwei Gestalten erhuben sich vom Kamin. In der Dämmerung, welche die Tiefe des Zimmers umhüllte, schwankte ihr Umriss vor meinen geblendeten Augen. Jetzt fielen die Lichtstrahlen auf sie, – und ich lag in Nordheims, in meines Pflegevaters Armen.

Die Ströme der reinsten unnennbaren Wonne fluteten so gewaltig um mein Herz, dass die Bewegungen des gewöhnlichen Lebens stockten. – Schwindelnd sank ich in Nordheims arme, zog meinen Vater an mein Herz, und aufgelöst in Harmonie, verhallte mein Bewusstsein in dem grenzenlosen Genuss der Liebe.

Ich befürchtete es, dass der Eindruck zu stark auf sie wirken würde, – waren die ersten Worte, die ich wieder vernahm. Mein Vater hatte sie ausgesprochen, und der Prediger antwortete: Die Wallungen der Freude hemmen den Lauf des Lebens nur, um ihn mit neuen Schwingen zu beflügeln; sie wird bald wieder bei sich sein.

Der goldne Duft war vor meinen Augen zerronnen, ich sah die geliebten Gestalten hell vor mir. Nordheim kniete an meiner Seite, und unterstützte mich mit seinen Armen. Ich las nur Zärtlichkeit in seinem Auge, keine Spur des Vorwurfs.

Jedes suchte nun den holden Schatz seiner Empfindungen im eignen Busen zu versenken, um mich mit ihrem allzugewaltigen Ausdruck nicht anzugreifen.

Unser Glück wurde ein sanfter erstohlner Genuss, wir wähnten, uns gegenseitig unsre zeiter durchlaufenen Verhältnisse aus einander zu legen, aber augenblicklich ergriff uns wieder die süsse Verwirrung liebender Herzen, denen jeder Ausdruck der Sprache schwach und langsam dünkt.

Unser glückliches Zusammentreffen klärte sich jedoch aus dem folgenden Zusammenhang der begebenheiten auf.

Nordheim hatte sein Geschäft mit einer nur ihm gegebenen Gewalt über die Gemüter schnell und glücklich beendigt. Julius Nachrichten von der Falschheit und Wortbrüchigkeit, zu welcher der Minister den Fürsten bewogen, die Nachricht von der Gefahr, in der Hohenfels schwebte, die Gewalt, mit der man mein verhältnis mit Nordheim, durch eine andere Verbindung aufzuheben strebte; – dieses alles erfuhr Nordheim erst durch die Briefe, die den Tag vor seiner Abreise ankamen.

Im Zweifel, wie die Sachen stehen möchten, wagte er nicht, mir zu schreiben, sondern reiste selbst mit unglaublicher Schnelligkeit nach D.

An dem Tag seiner Ankunft erfolgte der Tod des Fürsten. Er wollte mir nachreisen, der Prinz bat ihn inständig zu bleiben, auch fürchtete er, wir möchten uns verfehlen. Er schrieb mir; der Prinz, der den Brief zum Einschluss bekam, behielt ihn zurück. Er hatte die idee einer frohen Überraschung zu lebhaft gefasst, und leitete alles dahin, sie auszuführen.

Der Minister bekam seinen Abschied, und trug die Schande und den Missmut fehlgeschlagner Plane des Eigennutzes mit in die Einsamkeit.

Julius übernahm seine Geschäfte. Sein edles Herz, das jede Tätigkeit in ihrer tiefsten und höchsten Beziehung ergriff, schien in der wirkung auf ein grosses lebenvolles Ganze ein neues Leben zu atmen.

Sein Bruder war sein treuer Mitarbeiter.

Der Prinz bat Nordheim, mit der Salmschen Familie wegen Hohenfels Gütern zu verhandeln. Man wollte wegen des ganzen Verhältnisses kein aufsehen machen, sie wurde mit einer Geldsumme abgefunden. Nordheim musste selbst, um die Güter zu übernehmen, nach Hohenfels reisen, und wollte dort die Nachricht meiner Zurückkunft und Reiseroute erwarten, um die er mich in dem untergeschlagnen Briefe gebeten, um mir sodann mit dem Prediger entgegen zu reisen.

Von Nordheim hatte mein Pflegevater die Rückkehr seines geliebten Gutsherrn vernommen, und in diesem auch den Vater seiner Agnes, einen unnennbar verpflichteten Freund kennen lernen.

Herr von Salm war schon abgereist, und alles zum Empfang meines Vaters bereit.

Mein Vater wurde von dem Prinzen benachrichtigt, dass er Nordheim in Hohenfels treffen würde, und dringend gebeten, ihm die Freude unsrer gegenseitigen Überraschung nicht zu verderben.

Meine Mutter genoss unser Glück in der Entfernung, wie es ihre Lage forderte,