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Bildern füllt, die im Wechsel des Morgen- und Abendlichtes tausend zauberische Verwandlungen annehmen.

Die weite natur hat eine beruhigende Antwort für jeden Zustand unsers Gemüts. Wenn wir in dem frischen Duft des Waldes unter einem Gewölbe von Laub in stille Betrachtung versinken, bis alle Schauer wehmütiger Erinnerungen sich um uns her drängen, dann auf einmal in eine weite Ferne schauen, wo die feinste Linie am Horizont in den blauen Himmel verfliesst, und wo mannichfache Städte und Türme aus der Ebene steigen; dann wird unsre Fantasie in eine Welt neuer Bilder und Lebensweisen hinübergezogen, und unser Herz erhebt sich aus den Fesseln seines Grams zum freundlichen Anteil an dem Leben und Wirken um sich her.

Wir fühlen unsre Einschränkung, der Kreis unsrer innren Sorgen fängt an sich freundlich und mild aufzulösen, und wir schweben in eine freiere Region hinüber. Die umgebende Welt spricht uns wieder laut an; sie schien uns eine tote Masse, so lang der Kummer auf unserm Busen lastete, und eine lebendige Sympatie verbindet uns wieder mit den Wirkungen des mannichfachen Lebens.

Wir flogen in einem leichten Wagen durch manche liebliche Gegend, und endlich durch den schönsten teil Oberschwabens der Schweiz zu. Architektur und Mahlerei waren neben den Naturschönheiten, die Hauptgegenstände unsrer Beobachtungen, und mein ungeübter Sinn schloss sich unter der Leitung meines Vaters auf.

Das harmonische Gefühl, welches die reinen Verhältnisse der Baukunst geben, bewegte meine Seele tief, und von allen Schauern der Grösse und Erhabenheit durchdrungen, stand ich vor den Monumenten gotischer Kunstfantasie.

Es war mir ein unvergesslicher Augenblick, als ich zuerst die Eisberge empor steigen sah. Wir selbst scheinen in eine neue Existenz hingezogen, wenn wir unsern Wohnplatz, die Erde, sich mit den massen der Wolken vermischen sehen. Der Bodensee mit seinen lieblichen Ufern und ernstfeierlichen Bergen, entschleierte sich nach und nach vor uns, und nun eilten wir von einem schönen erhabenen Gegenstand zum andern.

In dieser herrlichen natur, sagte mein Vater gerührt, wo wir uns auf jedem Schritt von den Zauberformen der Schönheit umfangen fühlen, hier ist der Ort für zwei liebende Herzen, denen das Schicksal nach einem stürmischen Leben noch wenige freundliche Tage vergönnt. Hier wird auch dein sehnendes Herz sich wieder zu den glücklichen Träumen der Zukunft stärken, bis Nordheim zurück kehrt. Hier wollen wir uns einen einsamen Wohnplatz aussuchen!

In der nächsten Stadt, wo wir übernachten sollten, fand mein Vater einen Brief, den er mit sichtbarer Bewegung las.

Der Fürst ist tot! sagte er mir, als er ausgelesen hatte. Der Prinz und meine Gemahlin wünschen unsre schnelle Rückkehr.

Alles ist also aufgelöst, sagte ich. Traurig ist es, dass nur der Tod eines guten Mannes die Verwickelung unsers Schicksals lösen musste! Sein Leben hätte unser reinstes Glück machen können. Sein Herz war geschaffen, um uns zu lieben. –

Mit Wehmut, mit Verehrung dachte ich an den letzten Augenblick, wo ich den Greis gesehen. Wie rege war sein Herz! Warum mussten Eigennutz und Arglist es umstricken, seine freien Bewegungen für uns hemmen! O welche heilige Kraft der Liebe unterläge nicht dem weitgesponnenen Gewebe tausend kleiner Leidenschaften! Jedes sanfte Gefühl verwandelte sich zum Schmerz in seinem Busen, wo noch ein Traum von Liebe aufdämmerte.

Mein Vater entdeckte mir den Entschluss, seine Ehe für immer in den Schleier des Geheimnisses zu verhüllen.

Meine Gemahlin und ich ehren so den Willen des Entschlafenen, sagte er. Es lehrte mich nicht nur mein eigenes Schicksal, sondern auch der freie blick ins Leben, dass das stille Fügen in manche Verhältnisse, der Gewohnheit zur Tugend günstiger ist, als das Überspringen derselben. Ich mag mich durch meine Handlungsweise nicht laut zum letzteren bekennen. Mein Vater wollte mich für seine Tochter, aus einer während seiner Abwesenheit von Hohenfels geschlossenen Ehe, erklären, die der Tod wieder getrennt hätte.

Wir beschleunigten unsre Rückreise so sehr als möglich, und nahmen den kürzesten Weg nach D.

Mein Gemüt konnte die heitre Zukunft nicht fassen.

In mehreren Paketen von nachgeschickten Briefen hatte ich keinen von Nordheim gefunden. Tausend Besorgnisse quälten mich, und alle schönen Träume, die mir in der ersten Zeit seiner Entfernung, in dem Zauber eines ununterbrochenen Briefwechsels geblüht hatten, verkehrten sich zu furchtbaren Gestalten. Er hat dein Betragen übel gedeutet, sagte ich mir, und schweigt darum.

Wenn die glückliche Liebe einmal von der sorge umschlungen wird, dann ist ihr Schmerz unaussprechlich, weil er zwei Herzen in einem trifft. Die hoffnung schweigt vor dem allgewaltigen Drang des Verlangens, und wird von glühenden Erinnerungen verzehrt. Jedes Geschäft dünkt uns eine Zerstreuung, der Lauf des Tages nur ein mühevoller Wechsel der Arbeit, jedes gleichgültige Wort eine Wunde.

Wenn die Sterne in Osten entglimmen, dann dringt etwas Lebendiges an unser Wesen. Es ist als ob eine sanfte Hand uns fasste, die Seele löste, und hinzöge in das tiefe Blau der unendlichen Ferne.

Das Bild unsrer Liebe wird gleichsam eins mit den Sternen, es ist die geliebte Gestalt, die uns ergreift! Dann hat gleichsam die Unendlichkeit ein Zeichen, einen Ring, an dem wir uns in ihr fest halten, und unser Schmerz löst sich, wenn die Banden des Raums von uns fallen.

Das heilige Leben der natur, ihre zarten nie verblühenden Gestalten ziehen uns ins Reich der unermesslichen Kräfte.

Der unendliche Himmel liegt vor unserm Auge, das Geräusch der Wasserströme, Symbole des nie stokkenden Lebensquelles der natur, tönen in unserm Ohre; – so dringt heilige, unendliche Fülle durch unsre