des Geistes und der Kultur genug erkennen konnte, um grosse achtung dafür zu äussern, ergoss sich in Lobeserhebungen über den Fremden. Ein vortreflicher Mann! rief er mit jenem affektirten Entusiasmus, in den Seelen von geringen Fähigkeiten leicht verfallen: in Wahrheit ein vortreflicher Mann! begann er von neuem, wie er schön und bieder spricht, welch ein Feuer in seinem Auge, und wie etwas Grosses und Vornehmes in seinem ganzen Benehmen liegt, als stehe ihm alles an, was er zu tun gedenkt, und als sei er überall der Herr. Und durch Simplizität und Verstand Herr, sagte mein Vater, welches die beste herrschaft ist. Die fräulein fielen auch ein, und fanden, er habe gute Fassons; einen Tadel, der schon auf den Lippen schwebte, schienen sie nur aus Furcht vor meinem Vater zu unterdrücken Im Ganzen schien es ihnen doch aufgefallen zu sein, dass die wenige Aufmerksamkeit, die er der ganzen jungen Gesellschaft bezeigt hatte, nur einzig auf mich gerichtet war. Wie froh war ich, als die Gesellschaft endlich Abschied nahm, und mich meinem Herzen überliess! Mein Vater gab mir sogleich gute Nacht, und hiess mich das Frühstück gegen sieben Uhr bereiten.
Selbst meinen Vater verliess ich gern, zum erstenmahl in meinem Leben. Ich ordnete das nötigste für den morgenden Tag, und ging in mein Zimmer. Ich sank auf einen Stuhl neben dem Bette, und überliess mich den lieblichen Bildern, die allgewaltig auf meine Seele eindrangen.
Nur der vergangene Abend lag mir vor den Sinnen, aber in welchen Zauberfarben, die mein ganzes Dasein überglänzten, wie eine neu hervorbrechende Sonne! Mein Wesen ging mir in einer nie empfundenen erhöhten Kraft auf, eine Welt süsser Ahndungen umfasste mich, und statt in flacher Dämmerung lag das Leben mit seinen Höhen und Tiefen klar vor meinem geistigen Auge. Immer fühlte ich den Druck seiner Hand aufs neue wieder, kindisch legte ich die meine auf die Gegend des Armes, die er berührt hatte, um gleichsam den Eindruck fest zu halten, und ihn in allen meinen Nerven wiedertönen zu lassen.
Holdes Zaubergefühl der Liebe, wo Sinn und Geist sich in einem allgewaltigen Klang vermählen! Ich genoss diese einzigen Momente, voll und rein, in allem Reiz der süssen mystischen Dämmerung, die die Freuden der Liebe im Busen eines sittsam erzogenen Mädchens umschleiert. Mich hinzugeben dem unaussprechlichen, hohen und schönen, der mir als eine Göttergestalt erschien; in ihm, durch ihn nur zu leben, zu empfinden, – alles dieses ging mir in der Seele auf, und mein Inneres zerfloss in der Gewalt und im Wechsel dieser seligen Bilder. Die Stunde der Mitternacht ging so vorüber, und vergebens legte ich mich zum Schlummer, nachdem ich mir ein nettes, weisses Morgenkleid zurecht gelegt hatte. Holde Träume umfingen mich, und der Geliebte erschien mir in tausend Gestalten und unter tausend verschiedenen Situationen.
Der Morgen begann. – In wenigen Stunden wirst du ihn sehen, sagte ich mir – und die sonderbare Furcht, mit welcher der Mensch allem hoch und heilig geachteten begegnet, ergriff mich. Die schlaflose Nacht bewirkte auch noch physische Ermattung; mit zitternder Hand kleidete ich mich an, und schlich leise durch Rosinens Zimmer, um sie noch eine Stunde Schlaf geniessen zu lassen. Kaum wagte ich zu atmen, als ich auf dem Vorsaal an der Tür des Geliebten vorbei kam. Aufs neue ergriff mich das Bild des vergangenen Abends, als ich in das Wohnzimmer trat; die Magd war noch nicht aufgestanden, es zu reinigen, und es lag und stand noch alles umher, wie ich es am Abend verlassen hatte. Ich setzte mich auf den Stuhl, wo der geliebte Mann gestern gesessen hatte. Das Morgenrot flammte in Osten, die Häupter der Berge waren verklärt, und bald von Strahlen übergoldet. Die ferne Gebirgkette, und die niedern Hügel, die unser Tal einschlossen, schwammen im blauen Dufte des Herbstes, und das harmoniereichste Farbenspiel belebte die liebliche Landschaft. Silbern glänzte der Fluss aus den Schatten des Ufers, die sich allgemach verloren. Wie neu erschien mir diese liebe, so bekannt gewordene Gegend. – Sein Bild war gemischt mit allem was mir erschien, und alles Schöne schien mir nur ein teil seines Wesens. Die Magd trat herein, um das Zimmer zu reinigen, und nur um die Sonderbarkeit meines frühern Erwachens zu entschuldigen, berief ich sie über ihr spätes Aufstehen. Es ist so spät noch nicht, erwiderte sie, und der Fremde wird auch gerne ausruhen wollen.
Diese Worte, die ersten die ich an diesem Tage vernahm, – sie trennten mich auf einmal von meiner inneren Welt freundlicher Bilder, wie die feindliche Scheere der Parzen das Leben von dem goldenen Lichte des Tages. Der Fremde! wiederhohlte ich bei mir selbst; das ist er, und wird es vielleicht immer für dich bleiben, und du räumtest ihm dein ganzes Herz so leicht ein. Die Tränen stürzten aus meinen Augen, und ich eilte ins Kabinet meines Vaters, welches ich alle Morgen selbst mit leisen Schritten aufräumte, um durch kein unzeitiges Geräusch seinen Morgenschlummer zu unterbrechen.
Der Vorhang innerhalb der Glastür war verschoben, und ich sah sein Gesicht gegen die Tür gewendet. Welche Würde und heitere Stille schwebte über der reinen Stirn, deren Falten nur ruhiges Denken gezeichnet hatte! – welche Lieblichkeit atmete der sanft geöfnete Mund, um welchen Anteil, Mitleid und sorgliche Liebe sanfte Linien gezogen! Die milde segnende Hand lag auf der Decke, und drückte sanft