Morgennebel wallt. Alle Gestalten schweben in schwankenden Umrissen vor ihm. Bald erblickt er einen fürchterlichen Abgrund, bald eine lachende Ferne. Aber wenn wir wählen sollen unter den Schmerzen, die unserm Entschluss notwendig folgen, wenn eines unsrer Geliebten leiden muss, dann drängen sich alle Rätsel unsers engbeschränkten menschlichen Daseins um uns her, und unser Herz erliegt unter ihrer Last. Die stimme des Rechts, der innren notwendigkeit unsers Wesens, selbst diese spricht nicht stark genug. Wir vermögen uns selbst aufzuopfern, aber ein geliebtes Wesen zu kränken, da versagt unsre Kraft. Unser Herz treibt unsern Verstand im Zirkel des Wahnsinns herum, vergebens versucht er in tausend neuen Combinationen der Verhältnisse, sich dem unausweichbaren Geschick zu entziehen. Glücklich, wem sein Genius hier erscheint, der seinen heiligen Schleier um unser Auge hüllt, und uns mit freundlicher Gewalt fortzieht!
Den dritten Tag nach Julius Abreise kam ein Bote von meiner Mutter, mit einer Einladung des Fürsten an uns alle, ihn noch heute auf dem Lustschloss zu besuchen.
Ich bemerkte ein geheimnissvolles Wesen zwischen Alban und Elisen. Elise war geschäftiger als je, mich zu schmücken; als sie meine Haare mit Rosen durchflochten hatte, sagte sie: Und die Myrtenkrone hältst du deiner Freundin verborgen, oder Julius wird sie dir erst reichen?
Ach die Myrte ist kein Baum der Glückseligkeit für uns, sagte ich. Sie schwieg traurig. Alban war nachdenkend auf dem Wege. Es schmerzte mich, dass die guten Seelen Erwartungen schöpften, denen mein Innres widersprach.
Der Fürst empfing mich gütig. Meine Mutter nahm mich in ein Fenster, küsste mich weinend und sagte: Mein Kind, wie kann ich dir danken!
Ich bemerkte lange gespräche zwischen Alban und dem Minister, geheime Winke des Fürsten. Etwas ausserordentliches schien im Werke zu sein, alle Augen waren auf mich gerichtet. Madam Imbert hielt mich in einem Vorzimmer mit einem weitläuftigen Glückwunsch auf, der alte treue Diener flüsterte mir leise den seinen zu. Alles schien zu einem Feste geordnet. Mein Herz schlug voll ängstlicher Erwartung.
Der Abend war heiter, die Gesellschaft stand auf einem Balcon, vor dem ein weiter Grund lag, den die breite Landstrasse in Krümmungen durchschnitt.
Ein Wagen fuhr rasch dem schloss zu. Es ist meines Bruders Wagen! rief Alban.
Der Minister fragte den Fürsten, ob er in den Saal gehen wollte, Herr von Alban würde sogleich hier sein.
Der Fürst bot mir die Hand; ich zögerte ihm die meine zu reichen, und bebte zitternd zurück. Ein sorgsamer blick meiner Mutter, – und ich folgte ihm ohne Widerrede.
Die Ruhe, die Sie über die letzten Stunden eines Greises verbreiten, sagte mir der Fürst im Gehen, werde ein Segen für Sie.
Die zitternde dumpfe stimme des Greises, die bebende Brust, die zitternde Hand in der meinen – gab diesen Worten eine Gewalt, die in allen meinen Nerven wiedertönte. Guter Mann, sagte ich in meinem Innren: warum trennen mich die unvertilgbaren Züge des Vorurteils von deinem Herzen!
Kaum waren wir in den Saal getreten, als ein Geistlicher erschien, der mich mit tiefen Verbeugungen und einem langen Glückwunsch empfing.
Der Bräutigam wird sogleich hier sein, sagte der Fürst.
Eine Seitentür in eine kleine Kapelle öfnete sich. Die Lichter glänzten auf dem Altar, der Geistliche stand mit der Agende in der Hand vor demselben. Die Kirche war dichtgedrängt voll Zuschauer, und ein feierlicher Kirchengesang schallte dumpf aus den Hallen des Gewölbes.
Ich atmete schwer, mein Herz zog sich krampfhaft zusammen; bald glühte ich, und bald schüttelte ein Fieberfrost meine Glieder durch einander. Meine Nerven wirbelten vom Kopf bis zur Ferse, mir war als sänke ein Flor vor meine Augen, der immer undurchdringlicher wurde.
Als meine Sinne sich wieder den gegenwärtigen Erscheinungen eröffneten, fühlte ich meine hände sanft gehalten, und meine Blicke fielen auf den Arzt, auf meine Mutter. Der Anblick des Arztes versetzte mich in andere zeiten, aber ich schauderte, als ich die Wände des Saales wieder um mich erblickte.
Der Arzt sagte mir: Die Trauung wird nicht vollzogen, Julius sendete mich zu Ihnen. Beruhigen Sie sich, und lesen Sie diese Zeilen.
Er entfernte sich, und ich las:
"Ich war glücklich. Ihr Vater ist frei. Jede sorge falle jetzt von Ihrem Herzen. Der Arzt wird alles übrige einleiten!"
Das höchste glühendste Leben schwellte meinen Busen, ich sprang auf, lag sprachlos zu den Füssen meiner Mutter, und hielt ihr die Zeilen vor.
Der Arzt kehrte zurück und sagte uns, dass er an Herrn von Alban den Auftrag seines Bruders ausgerichtet, welcher dem Fürsten sogleich gemeldet hätte, dass Julius, von einem schnellen Übelbefinden angefallen, sich für heute entschuldigen müsse, die Ceremonie zu unterbrechen. Der Fürst habe sich missmutig auf sein Zimmer begeben, und Herr und Frau von Alban warteten auf mich, um wegzufahren, er selbst wollte uns begleiten.
Elise kam, sich nach meinem Be finden zu erkundigen; sie war mehr sanft traurig, als verstimmt.
Ich versprach meiner Mutter, den folgenden Morgen Nachricht durch den Arzt zu senden, und Alban führte mich zum Wagen.
Wir fahren über E. zurück! sagte er dem Kutscher beim Einsteigen. E. war der Nahme eines kleinen Guts, welches sich Julius besonders eingerichtet hatte.
Der Arzt war ein Vertrauter des Albanschen Hauses. Er wusste Nordheims Liebe für mich; aus meiner Abneigung gegen eine andere Heurat schloss er, wie natürlich