behielt ihn sprachlos und sinnend in Händen, ob ich gleich keinen klaren Gedanken festalten konnte. –
Ich las diese Zeilen! rief Julius. Der tückische schändliche Mensch! Staatsraison – Wohl uns, dass diese Nüanz der Schelmerei ein Fremdling auf unsrer Zunge ist. Die Albansche Familie wünscht die Heurat? Ja, so sind diese alten eingerosteten Staatsmaschienen. Jedes individuelle Interesse suchen sie ins Collective zu spielen, zu vernichten. Das ganze lebendige Herz wird so zum leeren Schall, zum toten Zeichen, – ein altes Familien-Dokument. Verzeihen kann ichs meinem Bruder nie, dass er einen Augenblick von den Schlingen des listigen Alten umfangen wurde.
Er fasste sich jetzt, sah mich sanft an und sagte: Was zu tun ist, liebe Agnes? Mir Ihre Hand zu geben? – ein schmerzliches Lächeln verzog seine Lippen. – Nicht wahr, das wäre so in der Manier des Herrn Ministers? Aber mir Ihre Hand geben, – und gleich nach der Trauung mit Ihrem Vater nach der Schweiz reisen, während ich nach England abgehe, – das ist der Ausweg, den Sie zur Rettung Ihres Vaters vielleicht erwählen müssen!
O Julius! rief ich höchst bewegt, und drückte seine Hand an mein Herz: Mit dieser edlen Hand, die das unaussprechlichste Glück eines freien Herzens machen müsste, mit dieser edlen Hand soll und muss kein leichtsinniges Spiel getrieben werden!
Beste Seele! sagte er mit dem Ton himmlischer Ruhe; was können treue wahre Menschen anders tun, als den unausweichbaren Leiden ihres Schicksals, mit klarem reinem Sinn, fest vereint begegnen! Das holde Vertrauen, mit welchem Sie meiner Liebe entgegen kamen, ist vielleicht ein so unauflösliches Band, als die Gegenliebe selbst. Bleiben Sie immer frei vor mir, und lassen sich von einem Moment der Schwachheit nicht irre machen. Jeder fühlt wohl zuweilen die z w e y Seelen in sich streiten; aber das Vertrauen der Freunde macht stark und gross, und gibt der b e s s e r n das Übergewicht.
Nordheim betrug sich gegen mich als gegen einen Starken, und ich wurde es. Und warum sollte ich auch bedürftig und schwach sein?
Was heisst denn Selbstgenuss, wenn nicht die Wirksamkeit für das Glück geliebter Wesen?
Sein Auge glänzte gleich als im überirrdischen Lichte in diesem Augenblick, und drückte den höchsten Zustand des Gemüts aus, eine klarheit, nur würdig, sich im endlosen Blau des Äters zu spiegeln.
Aber in seinem Lächeln war etwas, welches auf ein Unvermögen der natur deutete, sich der Individualität ganz zu entziehen, in der die Angeln unsers jetzigen Daseins ruhen.
Sein Empfinden erschien in der Sphäre des menschlichen Seins als Tugend, während aus dem blick des fessellosen Geistes die Freiheit des himmels strahlte.
O Julius, sagte ich, meine achtung für Sie ist grenzenlos. Ihr grosser reiner Sinn ist mir zum Schutzgeist gegeben. Er soll mich leiten. Was soll ich tun? Wie können wir meinen Vater befreien?
Aller Schein der Widersetzlichkeit ist in diesem Moment gefährlich, sagte Julius. Wenn Sie zum Fürsten kommen, willigen Sie in alles. Noch habe ich hoffnung, Ihnen den entscheidenden Schritt, der Ihre Feinheit beleidigen muss, zu ersparen; fällt diese .... Sein blick sank zur Erde, eine feine Röte flog über sein Gesicht, aber schnell sah er mir wieder klar ins Auge und sagte: Doch warum sollte es Ihnen zuwider sein, sich und Ihren Vater durch den Nahmen Ihres Freundes allen weitern Verfolgungen zu entziehen? Sie erwarten Nordheim in der Schweiz. Er lächelte still, schüttelte den Kopf und sagte: Es ist sonderbar, dass mir das Schicksal diese Illusion weniger Momente an Ihrer Seite noch vergönnt!
Es war ein inniges Widerstreben in meinem Gemüt, dem diese Worte seine volle Bedeutung gaben. Die Furcht, Nordheim zu kranken, war es nicht allein, was mich bis jetzt quälte.
Du solltest spielen mit der Ruhe der besten Seele! solltest ihre Träume eines einmal heiss ersehnten Glücks mit glühenden täuschenden Farben aufs neue beleben! – Ich bebte vor mir selbst zurück. – Aber dein Vater liegt gefangen! so drang eine schneidende stimme durch mein Innres, und ich musste der notwendigkeit allein gültigem Ausspruch folgen.
Ich war verwirrt und suchte vergebens nach einem Ausdruck. Sanft und schonend sagte Julius: Ich reise diesen Abend zu Ihrem Vater, vielleicht gelingt mir ein gutes Unternehmen. Nordheim hatte vieles vorbereitet, er traute schon bei seiner Abreise nicht recht.
Ich bat Julius innig, sich auf der Reise zu schonen, da seine Brust litte.
Ich ahndete es doch, rief er aus, da ich gestern Abend die zurückgehaltenen Perlen in Ihrem Auge sah, man hat Sie auch mit kleinlichten Besorgnissen gequält!
Ich bat ihn, mild mit seinem leidenden Bruder und Elisen zu sein, und sich für uns alle zu schonen.
Sein Sie unbesorgt, Beste, sagte er beim Abschied, ein Leben für Sie – hat immer seinen Wert. Bewahren Sie in jedem Fall die himmlische Unbefangenheit Ihres Gemüts gegen mich. Diese und die grosse Seele Ihres Geliebten heilten mich von jeder Schwachheit, die die gutmütige Ängstlichkeit meines Bruders unvertilgbar wähnte.
Mir selbst überlassen verlebte ich einige höchst unruhvolle Tage. Die notwendigkeit musste mir gebieten, aber immer sah ich neue mögliche Fälle, die ihren strengen Schluss abzuändern vermöchten.
Rege Lebensmomente sind es, wo wir selbst die Wagschale unsers Lebens in der Hand zu halten wähnen! Uns ist es wie dem Wandrer, der im Schooss der Gebirge im