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war, führte endlich zu einer Erklärung. Alban sagte mir, dass Julius nach einer sehr schnellen erhitzten Reise Blut ausgeworfen hätte. Ich ahndete, die Reise sei zu meinem Vater gewesen. Die Besorgniss um meinen Freund, der etwas rauhe vorwurfsähnliche Ton des Bruders, bebte durch meinen Busen. Ich entfärbte mich, und eilte zum Fenster, um meine Tränen zu verbergen.

Und wie er's treibt! fuhr Alban fort, als bemerkte er mich nicht; dieser schmerzlichste Kampf der Seele, diese zerstöhrende Tätigkeit des Körpers müssten die stärkste natur aufreiben. Jetzt, da sich alle Verhältnisse von selbst fügen, gleichsam aufdringen, jetzt dem Glück des Herzens entsagen zu müssen, das kann wohl einer zarten natur den letzten Stoss geben. – Den talentvollen liebenswürdigen Jüngling so zu grund gehen zu sehen, ist wahrhaftig seelenzerreissend, sagte Elise.

Mein Herz war wie auseinandergesprengt, alle meine Nerven zuckten vor Schmerz, – ich sank auf einen Stuhl, verbarg meine Tränen nicht länger, und rief aus: O Gott! was vermag ihn zu retten!

Elise fasste meinen Kopf an ihre Brust, sah schmerzlich auf mich nieder, und sagte: Du!

Unmöglich, unmöglich! rief ich. Er selbst wird diese hülfe verschmähen.

Alban hielt meine Hand und sagte: Fassen Sie sich, liebste Agnes! Da Elise und ich einmal von unsern Herzen hingerissen wurden, – da Sie einmal das wichtigste wissen, so muss ich, ungeachtet des Versprechens, das ich meinem Bruder gab, Ihnen nun auch alles noch übrige entdecken. Vereint wollen wir für unsern Julius sorgen.

Ich lag in dem bängsten Zustand an der Brust meiner Freundin.

Nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, folgte ich Elisen zu Alban.

Er eröffnete mir, dass der Fürst durch den Minister, Julius den Antrag hätte tun lassen, in Diensten desschen Hofes nach England zu reisen, und ihm dabei zu verstehen gegeben, wie er sich um meine Hand bewerben möchte. Julius habe den Minister abgewiesen; Er werde nie die Verlobte seines Freundes und sich selbst durch solch ein Betragen beleidigen. Der Minister habe erwiedert: die Heurat mit Nordheim werde nie geschehen; und ernst hinzugesetzt: Sie wissen nicht, was für Folgen aus dieser Unbeugsamkeit entstehen können! Julius hochgestimmtes Gefühl und des Ministers glattgeschlissner Weltsinn wären sich gegenseitig so unverständlich geblieben, dass sie nur gehaltlose Worte mit einander gewechselt hätten. Er selbst hätte sich aus des Ministers Reden von den Schwierigkeiten meiner Verbindung mit Nordheim überzeugt. Auch mit dem Prinzen und der Prinzessin hätte er über das verhältnis gesprochen; beide sähen diese Heurat als das einzige Mittel an, den Fürsten zu beruhigen, und die ganze verworrene Lage aufzulösen.

Julius glüht von heisser leidenschaft für Sie, sagte Alban, und arbeitet gleichwohl sich selbst entgegen. Ist das menschliche Gemüt gemacht, solch einen Kampf zu bestehen, da er die geheimsten Fäden des Lebens trennt? Ich will nicht in Sie dringen; aber wenn Ihre Hofnungen scheiterten, und Ihr Herz wendete sich zu spät gegen das im Lebenskampf ermattete Ihres Freundes ...

Ich war verwundet bis in mein Innerstes. Aber die falsche Ansicht meines Verhältnisses, die Alban mir, vielleicht sich selbst unterzuschieben suchte, stumpfte den Pfeil der Empfindung ab, den er an mein Herz warf.

Der Ausdruck einer Empfindung, der nicht trifft, tut immer eine entgegengesetzte wirkung, und bewafnet den Verstand gegen das Herz.

Es ist hier nicht allein von Gefühlen, von Glück und Unglück die Rede, sondern von der notwendigkeit, von Recht und Unrecht, meine teuern Freunde, sagte ich. Ich gab Nordheim mein Wort, wie mein Herz. Was kann ich sonst tun? soll ich mich entfernen?

Elise und Alban baten mich innigst zu bleiben, Julius würde es nicht ertragen.

Wie manche Verwirrung richten gute Seelen im Leben an, wenn sie den Gesichtskreis e d l e r Naturen mit ihren schwächeren Augen beherrschen wollen?

Julius kam noch denselben Abend zurück. Er war heftig, zerstöhrt; meine Brust war gepresst bis zum Ersticken, in seinem Anschaun wurde mein Herz in Wehmut aufgelöst.

Den nächsten Morgen liess er mich um eine Unterredung bitten.

Seine sanften Züge waren entstellt; Fieberröte glühte auf seinen Wangen.

Mit zitternder Hand reichte er mir einen Brief. Lesen Sie, sagte er heftig. All mein Bestreben, Ihnen dieses zu ersparen, war fruchtlos. – Lesen Sie. –

Mit bebenden Fingern erbrach ich den Brief. Er war von meiner Mutter.

"Wir sind verraten, mein bestes Kind, alle unsre Hofnungen sind zernichtet Deinem edlen Vater droht lebenslängliche Gefangenschaft. Der böse arglistige Mann kündigte mir in Gegenwart meines Vaters an, Staatsraison erlaube durchaus nicht deinem Vater die Freiheit zu geben, wenn er solche furchtbare Stütze an Nordheim zum Schwiegersohn bekäme. Er werde auf einesche Vestung transportirt werden, wenn wir auf der Heurat bestünden.

Die Albansche Familie sei sehr geneigt zu einer Verbindung mit Julius, diese löse den ganzen verworrenen Handel auf, wir müssten dich dazu bewegen. Mein Bruder kann für jetzt nicht wirken, dein Vater ist in dringender Gefahr, – Julius war mir ein guter Engel, – berate dich mit ihm. – Was kann ich sagen? was raten? meine Seele ist an den Grenzen des Wahnsinns! – Jeder Gedanke bricht ab. – Der Fürst will dich selbst in den nächsten Tagen sprechen."

Julius Zustand hielt meine Sinnen beisammen, wie sehr auch mein Gemüt durch den Brief erschüttert war. Ich