1798_Wolzogen_113_86.txt

einige Minuten hindurch starr am Boden geheftet.

Ich wusste es! fuhr er fort, indem er seinen hellen blick nach mir kehrte, aber mein Herz hörte dennoch auf die Zaubergesänge der Hoffnung.

Ich fühlte einen leisen Vorwurf in diesen Worten, und in dem Ton, mit welchem Nordheim sie aussprach. Mein Busen wallte in Schmerz und Liebe, meine Tränen flossen. Nordheim umfasste mich sanft, und blickte voll rührender Zärtlichkeit in mein Auge.

Leise flüsterte ich ihm zu:

Mein Einziggeliebter, ach Du fühlst meine Liebe nicht in diesem schmerzlichen Kampfe!

Ja, meine teure Seele, rief er höchst bewegt, – ich fühle es, Du scheidest nicht ohne Schmerz von den ersten Wallungen Deines zärtlichen Herzens. Ich scheide mit wunder Seele von der schönsten Blütevielleicht weniger Tage! Aber ich fürchte es ganz, D u kannst nicht anders handeln.

Mit süssen Worten suchte er nun mein Herz in Frieden zu wiegen. Dann sprach er von seinem Geschäft, von seinen Massregeln in Ansehung meines Vaters und meiner. Er wünschte, ich möchte mit der Gräfin sogleich in die Schweiz reisen, mein Vater und Julius sollten uns nachkommen. Er selbst würde uns dort wieder finden, und in unsrer Nähe leben, bis alle Hindernisse unsrer Verbindung hinweggeräumt wären.

Die Zukunft stand halb vor meinem Gemüte, der Zwischenraum der Trennung rollte sich in seiner düstern Einförmigkeit immer enger zusammen.

Wir standen an einem Fenster, und blickten in die weite Gegend, die im Glanz der Mittagssonne schimmerte.

Hell wie die natur sei unser Gemüt im Scheiden, sagte Nordheim Wie sich ihre Strahlen ewig verjüngen, so hat auch das Glück unsrer Liebe eine ewige Jugend. Ich eile jetzt von Dir, meine Agnes; wenn wir uns wiederfinden, liegen Jahre der Vereinigung vor uns.

Sein Abschiedskuss glühte auf meinen Lippen, sein Auge, in welchem Tränen rollten, kehrte sich noch einmal nach mir, und er war verschwunden.

Nach wenigen Minuten sah ich seinen Wagen vorfahren. Bald erschien er selbst, von Julius begleitet Er wendete sich nach meinen Fen stern, ich winkte ihm noch ein Lebewohl zu. Welche geheimnissvolle All gewalt ist zwei liebenden Herzen gegeben! Der dumpfe zerstöhrende Schmerz, mit welchem ich Nordheim sonst verliess, eh sich sein Herz zu mir gewendet, war jetzt in ein unaussprechliches lebendiges Verlangen verwandelt, in dem meine Seele der Unendlichkeit entgegen blühte.

Auch sein Herz blieb bei mir zurück. Eine glühende Kette des ewig regen zarten Verlangens zog mich ihm nach, und die guten Geister des himmels webten goldne Träume, die Entfernten zu laben.

Ich sah seinem Wagen auf der langen Strasse nach, und als er sich endlich im Gebüsch verlor, und des Schmerzens kalte Hand mein Herz zusammenpresste, rief mir eine freundliche stimme aus der lichten glänzenden Luft: Er wird liebend wiederkehren!

Wie tot und kalt scheinen uns selbst die lieblichen Gestalten des Lebens, nach dem äterischen Dasein der Liebe! Matt und strahlenlos, wie eine Gegend, in der das purpurne Abendlicht ausgebrannt ist, scheint das ganze Leben.

Julius hatte den letzten Händedruck meines Geliebten empfangen. Er wusste das Segel der hoffnung in meinem Gemüt mit sanften Worten zu schwellen. Aber ich bemerkte eine schmerzliche Anspannung in seinem Wesen, die mir mit jedem Trost von seinen Lippen auch einen Stachel des Schmerzens in den Busen warf.

Der Prinz war nach D. gereist, meine Mutter noch immer mit dem Fürsten im –schen Bade. Ich hatte sie nach Nordheims Wunsch um die erlaubnis gebeten, die Gräfin in die Schweiz zu begleiten, aber sie bat mich, noch einige Wochen ruhig bei Elisen zu bleiben. Die Gesundheit des Fürsten sei sehr schwankend, er schiene nicht mehr so ängstlich auf meine Entfernung zu dringen. Nach dem Bade würde er noch die schönen Herbsttage auf dem Lustschloss, wo ich mich befunden, zubringen, und ihr sei es ein Trost, mich in ihrer Nähe zu denken. Sobald mein Vater seine Befreiung erhalten, könnte ich sodann mit ihm reisen.

Ich wusste hierauf nichts zu erwiedern, so gern ich auch nach Nordheims Sinn gehandelt hätte, der mir für die Reise noch andere Gründe als mein Vergnügen zu haben schien.

Der Fürst sei höchst zufrieden von Nordheims Betragen, schrieb mir meine Mutter, sie hoffe auf die schönste entwicklung unserer Verhältnisse.

Alban und Julius waren häufig abwesend, meine gute Elise war meinem Gemüt gleichsam ein sanfter Nachhall seiner Gefühle. Der Genuss des Landlebens, das Interesse, das ich aus der Bekanntschaft mit dem gang der Landwirtschaft, aus allen. seinen einfachen Beschäftigungen schöpfte, erhielt mich in stiller Erwartung. Nordheims Briefe voll Geist und Leben, voll der unaussprechlichen Einfachheit eines grossen liebenden Herzens, waren die Sonnenblicke in diesem Dasein, welche über das Ganze einen sanften Dämmerschein ergossen.

Die Zeit nahte heran, wo wir die Befreiung meines Vaters erwarteten, aber statt der frohen Erwartungen, nahmen die Briefe meiner Mutter einen ungewöhnlich traurigen Ton an. Auch in dem Cirkel meiner Freunde herrschte Traurigkeit, Unruh und Missbehagen.

Es war ein dumpfes Missbehagen, das die Lippen vor jeder vertraulichen Frage zusammenpresste.

Julius besonders schien höchst gereizt und missmutig gegen seinen Bruder, und hatte nur gegen mich die ganze gewohnte sanfte gefälligkeit des Betragens beibehalten.

Ich glaubte, es sei eine Familienstreitigkeit, die mich unter so edlen innigvereinten Naturen schmerzte, aber natürlich jede Frage unterdrücken hiess. Julius vermied mit mir allein zusammen zu treffen.

Ein Gespräch über Julius Gesundheit, das ich selbst anfing, weil ich seit einiger Zeit besorgt darum